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Supermoderne Atmosphäre im ausrangierten Bahnhof Leopolda in Florenz
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Chianti Classico
Das Konsortium des Chianti Classico lud in die Stazione Leopolda in Florenz. Bei dem großen Gebäude gegenüber der Porta al Prato handelt es sich um einen ehemaligen Bahnhof aus dem neunzehnten Jahrhundert, ein Mix von altem Gemäuer und modernster Lichttechnik, in dem sonst Modeschauen abgehalten werden. Das Defilee der Weine fand in einem abgedunkelten Raum mit schwarzen Tischen statt, die Jazzmusik aus dem Hintergrund sorgte für ein überaus cooles Ambiente.
Die hinter ihren Weinen stehenden Produzenten wirkten - von oben mit Spotlampen angeleuchtet - etwas gespenstisch und machten - vielleicht auch deshalb - einen ziemlich besorgten Eindruck. Nichts ist vom Optimismus übriggeblieben, den sie noch vor wenigen Jahren ausstrahlten. Dem Chianti Classico geht es nicht sehr gut und das wird auch erstaunlich offen zugegeben.
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Giovanni Ricasoli-Firidolfi
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Giovanni Ricasoli-Firidolfi, der neue Präsident des Konsortiums: "Der Markt hat sich in den letzten zwei Jahren enorm verändert. Wir stecken sowohl in einer Absatz- als auch in einer Identitätskrise. Es ist nicht mehr ganz klar, wie ein Chianti Classico eigentlich schmecken soll." Der Präsident sieht denn auch die Folgen der aktuellen Situation voraus. "Die momentane Situation ist für jeden eine Herausforderung. Und wohl nicht jeder Produzent wird die Krise überstehen!"
Ricasoli-Firidolfi ist aber zuversichtlich und weist auf Hoffnungsschimmer der Erholung hin: "Es gibt gute Aussichten, dass es bald wieder aufwärts geht. Der Orient ist in steter Expansion, Märkte wie Indien oder China legen zu. Und die Deutschen haben bis jetzt drei Prozent mehr Wein bestellt als im gleichen Zeitraum des Vorjahres."
Im Gespräch mit den Produzenten fiel auf, dass der Begriff "Super tuscan" anscheinend ausgestorben ist. Niemand will mehr an das Thema erinnert werden, für diese Weine gibt es offenbar keinen Markt mehr. Was noch vor kurzem als Speerspitze der Qualitätsrevolution galt, ist heute für einige Produzenten immerhin noch Retter in der Not - wenn auch anders als man sich das vorgestellt hatte.
Cesare Coda Nunziante vom Weingut San Felice: "Wir haben zum Glück ein Gut in der Maremma, dort können wir einen IGT-Wein machen, dessen Preis deutlich niedriger ist als der unserer Weine aus dem Chianti Classico. Damit können wir den veränderten Marktbedürfnissen Rechnung tragen." Er trifft damit die Problematik des Chianti Classico: Der einfache Jahrgangs-Chianti, die Annata, kostet mittlerweile unverhältnismäßig viel, und die Riserva wird ohnehin zu Preisen angeboten, die vom Markt nicht mehr akzeptiert werden.
Vino Nobile di Montepulciano
Heiterer als die ihrer Kollegen in Florenz war die Gemütslage der Winzer von Montepulciano. Das schlug sich auch im Ambiente der Anteprima-Veranstaltung nieder.
Hell und luftig war der große Saal in den Thermen von Chianciano, die Stimmung war weitaus besser als einen Tag zuvor in Florenz. Selbst wenn der Präsident des Schutzkonsortiums, Graf Alamanno Contucci, zugeben musste, dass auch der Absatz des Nobile zuletzt unter der wirtschaftlichen Lage in Deutschland und dem hohen Dollarkurs litt: "Im letzten Jahr wurden fünf Prozent weniger Nobile di Montepulciano verkauft. Aber zum Glück haben wir noch den preisgünstigeren Rosso di Montepulciano, dessen Verkäufe stark angestiegen sind und der die entstandene Lücke schließen konnte." So haben die Weine aus Montepulciano mengenmäßig keinen Rückgang erlebt.
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Graf Alamanno Contucci
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Positiv war die Stimmung bei Produzenten wie Journalisten aber auch wegen der Qualität der präsentierten Weine. Anders als in früheren Jahren zeigt sich Appellation sehr homogen, mit einer breiten, deutlichen Qualitätsverbesserung. Dazu führte sicher auch der jetzt auf den Markt kommende überaus gute Jahrgang 2001.
Dennoch will man vernünftig bleiben. Der Konsortiumspräsident warnte die Produzenten in seiner Ansprache eindringlich davor, die Preise zu erhöhen. "Es gibt zwar gute Gründe, mehr für die neuen Weine zu verlangen. Doch dies ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Wir sehen in unserer Nachbarschaft, zu welchen Problemen das führen kann!"
Brunello di Montalcino
Die Brunello-Präsentation fand im Hof der Fortezza statt, einer Trutzburg aus dem 14. Jahrhundert, deren meterdicke Mauern Stärke und Abwehrbereitschaft symbolisieren. So ist denn auch der Konsortiumspräsident Filippo Fanti von der Stärke des Brunello überzeugt: "Der Brunello hat sich auch im schwierigen Jahr 2003 wacker gehalten. In den USA hatten wir sogar eine Absatzsteigerung von acht Prozent. In Deutschland hingegen läuft gar nichts mehr. Dennoch: Der gesamte 98er ist verkauft! Für den 99er erwarten wir einen etwas gebremsten Verkauf, gehen aber trotzdem davon aus, dass auch dieser Jahrgang ausverkauft wird."
Solche Aussagen erinnern an die Sätze, die man vor drei Jahren im Chianti Classico gehört hat, und sie werden nicht von allen Produzenten geteilt.
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Konsortiumspräsident Filippo Fanti
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Niemand will namentlich genannt werden, aber im Flüsterton wird von einigen weitergegeben, dass die Situation nicht ganz so rosig sei und noch einiges an 98er-Brunello in den Kellern auf Käufer wartet. Einige Produzenten gaben sogar zu, bis jetzt noch keine einzige Bestellung für ihren 99er Wein erhalten zu haben. Es scheint, als seien die Märkte in Wartestellung. Doch man sprach in der Fortezza lieber über Erfreuliches. Wie die hervorragende Qualität des 99er Jahrgangs zum Beispiel.
Oder darüber, dass die Brunello-Legende Biondi Santi endlich dem Konsortium beigetreten ist. Das bedeutet nämlich, dass dem Brunello-Konsortium - eine Seltenheit in Italien - ausnahmslos alle Produzenten des Anbaugebiets angehören.
Chianti Classico Die neuen Jahrgänge Die Muster des Jahrgangs 2003 bestätigten weitgehend die Erwartungen, die wir uns nach dem heißen, trockenen Sommer gemacht hatten. Weine mit hohen pH-Werten, dunkelfarbig, mit niedriger Säure und hohem Alkohol. Die Frucht geprägt von süßlich schweren Noten, an Konfitüre, teils sogar Karamell erinnernd. Derjenige, dessen Chianti-Ideal ein feingliedrig-eleganter, fruchtbetonter Wein mit gesunder Säure ist, fand die Probe sicherlich wenig erfreulich. Die Fans des kalifornischen Weintyps hingegen - und dazu gehören offensichtlich nicht wenige Journalistenkollegen - konnten bei den vorgestellten Weinen durchaus ins Schwärmen geraten. In solch extremen Jahren wie dem vergangenen wird die Rangordnung der Weinbergslagen mitunter auf den Kopf gestellt. Während in Spitzenlagen Rosinen geerntet werden, können klimatisch benachteiligte Parzellen überraschend gute Qualitäten hervorbringen. So scheint es, dass Winzer, die nicht mit den besten Lagen gesegnet sind, im Jahr 2003 teilweise stimmigere Weine keltern konnten als ihre üblicherweise bevorteilten Kollegen. Auch 2002 war der Witterungsverlauf nicht optimal. In der Erntezeit einsetzende Regenfälle hatten teilweise minderwertiges Lesegut zur Folge. Nichtsdestotrotz sind die Weine dieses Jahrgangs recht gut gelungen. Vielleicht fehlt es manchen etwas an Tiefe, aber sie sind in sich doch recht ausgewogen. Ihre Frucht wirkt frisch und die Säure gibt den Weinen guten Halt. Die 2002er Annata werden wir in ein paar Wochen für die Merum Selezione verkosten. |
Montalcino Die neuen Jahrgänge In Montalcino wurden der Brunello 99, die Riserva 98 und der Rosso di Montalcino 2002 vorgestellt. Der hohen Qualität der Weine nach zu schließen war 1999 ein gutes Jahr. (Vom Konsortium wurde es mit vier Sternen bedacht.) Die größere Freiheit, die das neue Produktionsreglement den Winzern bei der Dauer des Fassausbaus zugesteht, lässt sich an der größeren stilistischen Bandbreite der Brunello erkennen. Auf der einen Seite stehen Weine mit sehr frischer direkter Frucht, auf der anderen diejenigen, die vom langen Ausbau im großen Fass geprägt sind. Eine eigene Kategorie bilden jene Weine, die durch den unsensiblen Gebrauch von Neuholz ihre Identität einbüßen mussten und nur mit viel Phantasie als Weine von Montalcino zu erkennen sind. (Die 99er-Brunello stellen wir in einer der nächsten Ausgaben der Merum Selezione vor.)Teilweise recht erfreulich war der Jahrgang 2002 - trotz allem - für den Rosso di Montalcino. Wer das Glück hatte, dem Regen zu entgehen oder gewissenhaft selektionierte, vermochte herrlich fruchtige, saftige Weine zu machen. Der 2002er Rosso ist umso mehr im Auge zu behalten, als mancher Winzer darauf verzichtet, von diesem Jahrgang einen Brunello zu erzeugen. |