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Trentino Nosiola, Marzemino, Teroldego!

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24.03.2011

Trentino

Nosiola, Marzemino, Teroldego!

Ihre Namen klingen nach Poesie und großer Oper, die Naturszenerie ihrer Standorte könnte kaum dramatischer sein: Die ureigenen Rebsorten der norditalienischen Region Trentino wurzeln in einer romantischen Landschaft voll bewegender Gegensätze und von berührender Schönheit. Vielseitig und spannungsreich kann auch der Wein aus diesen Reben sein. Historische Quellen bezeugen, dass er das einst tatsächlich war. Bis der Weinbau auch hier mehrheitlich vom industriellen Trend zu Masse statt Klasse erfasst wurde.

Doch zum Glück gibt es eine regionale Widerstandsbewegung. Sie hat sich der Pflege außergewöhnlicher, lokaler Weinqualitäten verschrieben - allen voran Elisabetta Foradori, eine Winzerin, die wenig zu fürchten scheint außer charakterlosem Wein!

Elisabetta Foradori (Foto: Gundula C. Oertel)

Man wünscht sich Adlerschwingen, kommt man von Verona aus ins Trentino. Mit ein paar kräftigen Flügelschlägen über die enge Talsohle der Etsch, die hier Adige heißt, vorbei an schmalen Flussterrassen, sanften Hängen und hinauf bis zu den schroffen Felswänden der Dolomitenausläufer, das müsste schön sein. Von Avio über Rovereto bis nach Trento und weiter zum Fluss Noce, der linkerhand vom Brentamassiv heruntergeflossen kommt und den Orten Mezzolombardo und Mezzocorona sein steinreiches Schwemmland zu Füßen legt, den Campo Rotaliano. Überall des Wegs zweigen Seitentäler ab, in denen sich der üppig grüne Saum der Rebenspaliere fortsetzt. Unaufhaltsam Durchreisende und eilige Überflieger verpassen einen der schönsten Weingärten Europas!

Glossar zum Thema
Als Weinbaugebiet hat das Trentino eine nach Jahrtausenden zählende Geschichte. Rebkultur ist hier schon für die Zeit rhätisch-etruskischer Siedlungen belegt, nicht erst, seit die Römer vor zweitausend Jahren die Via Claudia von der Poebene bis zur Donau pflasterten. Der kirschrote Marzemino und der granatrote Teroldego werden seit über fünf Jahrhunderten in dieser Gegend kultiviert. Die weiße Nosiola gehört ebenfalls zu den hier seit alters heimischen Reben. Trentiner Wein war einst in Deutschland, Österreich-Ungarn und der Schweiz sehr geschätzt. "Tiroler Gold" hieß der Teroldego in Wien bei Hof. Und der "exzellente Marzemino" von damals wird mit jeder Aufführung von Mozarts Don Giovanni von Neuem besungen. Vom Nosiola sind solche Lobeshymnen nicht überliefert. Doch ist verbürgt, dass auch diese Rebsorte in der milden Luft, die vom Gardasee herüber weht, und auf den verschiedenartigen Böden des Trentino schon immer ihre besten Seiten zeigte.

Teroldego Campo Rotaliano (Foto: Gundula C.Oertel)

Typisch für das Bild hiesiger Weingärten ist vielfach noch immer die sogenannte Trentiner Pergel. Ein Rebengestell, das die Trauben gut belüftet im Schatten hängen lässt und so vor zu viel Sonne und Pilzbefall schützt. Zugleich jedoch eine Erziehungsform, die hohe Erträge fördert, was erheblich auf Kosten der Qualität geht, der genossenschaftlichen Produktion billiger Massenweine aber entgegenkommt. Im Laufe der Zeit wurde darum auch das lokale Rebmaterial, zum Beispiel das des Teroldego, auf Massenerzeugung hin gezüchtet. Mit dem Ergebnis, dass der einst vorzügliche Rote Mitte der 80er Jahre als eigenständige Qualitätsorte des Trentino so gut wie verschwunden war.

Elisabetta Foradori wollte sich damit nicht abfinden. Mit kaum 20 Jahren begann sie 1985, nach ihrer Ausbildung am renommierten Istituto Agrario Provinciale in San Michele all'Adige, im elterlichen Weingut in Mezzolombardo mit dem Teroldego zu experimentieren. Das nötige Wissen über seine besten Eigenschaften und seine Ausbaufähigkeit hat sie sich aus uralten Quellen beschafft. Dies im Sinn, selektierte die jungen Winzerin ihr eigenes Rebmaterial, schaffte die Pergel ab und stellte schließlich sogar komplett auf biodynamischen Weinbau um. Der Campo Rotaliano, dieses Schwemmlandplateau aus Kalkstein, Granit und Porphyr direkt vor ihrer Haustür, ist wirklich der ideale Ort für den Teroldego, weiß Foradori heute. Ihr Beweis sind zwei dunkle, ausdrucksstarke Weine, die Kraft und Zartheit verbinden und dabei so belebend wirken wie Wasser aus der Felsenquelle. Weine, die dem Teroldego seinen Platz unter den Großen auf Planet Wein zurückerobert haben. Jenen von beiden, dessen Duftigkeit, Würze und Mineralität noch einmal besonders konzentriert erscheint, hat die Winzerin "Granato" genannt, weil Granatäpfel und Reben am selben Ort gedeihen und sich in Sinnlichkeit und Lebenskraft sehr nahekommen. So erklärt Foradori übrigens auch den Namen für ihren bisher einzigen Weißwein, der wunderbar frischen, duftigen Cuveé aus Sauvignon blanc und Incrocio Manzoni, einer Kreuzung aus Weißburgunder und Riesling. Er heißt "Myrto" nach der weißen Myrtenblüte, die die alten Griechen der Liebesgöttin Aphrodite weihten.

Rebenspalier im Vallagarina Trentino (Foto: Gundula C. Oertel)

In diesem Jahr wird auf der Prowein ein zweiter Weißer von Foradori präsentiert werden, ein Nosiola. Diese Rebe, die früher praktisch überall im Trentino verbreitet war, findet man heute im Valle dei Laghi, dem nördlichen Zuflussgebiet des Gardasees, in den Hügeln von Trento und Pressano und im Val di Cembra, das gegenüber dem Campo Rotaliano auf der anderen Adige-Seite in östlicher Richtung abzweigt. Nosiola ist typischerweise ein fruchtiger, säurearmer Weißwein mit leicht nussigem Aroma und zuweilen zartbitterer Note. Es macht neugierig, wie diese Sorte sich unter den Händen einer so experimentierfreudigen Winzerin wie Foradori zeigen wird. Erst lag ihr Nosiola volle acht Monate lang in riesigen Tonamphoren auf den Schalen und dann noch einige Monate auf der Feinhefe im großen Akazienfass.

Auch die Kellerei Endrizzi in San Michele all'Adige gehört definitiv zur Trentiner Widerstandsbewegung gegen faden Massenwein. Auch hier zählen vor allem Qualität und gebietstypische Eigenheit der Weine, und man produziert, wenn auch nicht zertifiziert ökologisch, so doch sehr bewusst mit Rücksicht auf Natur und Kultur der Umgebung. Paolo Endrici und seine Frau Christine führen das Weingut in der vierten Generation. Und auch wenn die Vorfahren der Endricis internationale Sorten wie Cabernet Sauvignon und Merlot in San Michele eingeführt haben, wird die Pflege der einheimischen Sorten traditionell hochgehalten. Der "Gran Masetto" genannte Teroldego des Guts meldet sogar Anspruch auf Größe an. Und nicht nur die Weinfreunde von Slowfood Italien gestehen ihm den gerne zu. Das Besondere an diesem ungeheuer dichten, samtigen Teroldego sind die teilweise getrockneten Trauben, mit denen er ausgebaut wird.

Barbara und Filippo Scienza, Vallarom Trentino (Foto: Gundula C.Oertel)

Im Trentiner Süden schmiegt sich schräg gegenüber von Avio auf einer schmalen Flussterrasse das Weingut Vallarom an den Osthang des Vallagarina. Barbara und Filippo Scienza bewirtschaften hier acht Hektar Reben nach ökologischen Kriterien. Dem sympathisch unkomplizierten Winzerpaar würde man auch eine Karriere als Rockmusiker zutrauen. Doch die beiden sorgen lieber dafür, dass Musik in ihren Weinen ist. Das gelingt ihnen nicht nur mit dem Marzemino, der hier im Vallagarina sein Hauptanbaugebiet hat, sehr überzeugend. Stolz sind sie auf ihre alten, wurzelechten Marzemino-Stöcke. Die sind in oberer Hanglage teilweise noch auf Pergeln, der größere Teil aber im Guyot-Spalier erzogen. Und der wirklich exzellente Wein, der daraus gekeltert wird, hat alle typischen Eigenschaften, die man von dieser Sorte erwarten kann. Er duftet zart nach Veilchen und Zimt, hat ein gutes Verhältnis von Weichheit und Struktur und einen zarten Hauch von Bittermandel. Ehre einlegen kann Vallarom übrigens auch mit einer anderen, hier ursprünglich heimischen Rebe, dem Lambrusco! Auch wenn der in Deutschland einen arg schlechten Ruf hat wegen der kitschigen Massenware, die wir hierzulande in den 1970zigern kennen und fürchten gelernt haben - die Scienzas machen aus der zu Unrecht in Verruf geratenen Rebsorte einen richtig erwachsenen Rotwein, der Aufmerksamkeit verdient!


Gundula Christiane Oertel
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