Hilfe, ich ertrinke! Nicht etwa im winterlich kalten Wasser des nahen Zürichsees, auch nicht im Wein. Nein, in den Fluten der Weinwerbung. Seit sich Weihnachten im Kalender deutlich abzeichnet, werden Tag für Tag meine Briefkästen (jene vor dem Haus und die im Computer) vollgestopft mit Weinwerbung. Da hilft keine Abwehr: weder ein überdimensionierter Makulaturstapel, noch ein scharfer Spamfilter.
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Ungeöffnete Weinwerbepost. Nicht Flyers und Prospekte. Nein, Inhaltsschwangere Kuverts.
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Es beginnt schon am frühen Morgen. Ich setze mich an den Computer, um eine Kolumne zu schreiben. Auf der aufgeschalteten Startseite erwarten mich die neuesten Meldungen und - weit augenfälliger - Werbung: "Weinwelt – Adventskalender. Jetzt schnell das nächste Türchen öffnen!" Erinnerungen an meine Kindheit. Das Öffnen der Türchen im Adventskalender gehörte zu den glückseligsten Augenblicken. "Zum Kalender" wird deutlich markiert. Ich bin versucht zu klicken. Ist gar nicht nötig: das System öffnet das Fenster irgendwann automatisch. Und ich weiss jetzt: "19.80 CHF statt 24.00 CHF – 2006 Bourgogne AOC Rouge. Les Vieilles Vignes Vincent Girardin."
Eigentlich brauche ich jetzt keinen Wein - schon eher einen starken Kaffee, der mich meiner Schlaftrunkenheit entreißt. Trotzdem: weil ich vor kurzem im Burgund auf einer Weintour war, bleibe ich dran, an der Werbung. Vincent Girardin - figuriert nicht ein Wein dieses Winzer aus Meursault unter den "100 Topweinen 2008" des „Weinspetcators“? Richtig! Schon tummle ich mich auf diversen Websites. „Gevrey-Chambertin village 2005 les vieilles vignes“ ist dieses Jahr tatsächlich mit Note 91/100 ausgezeichnet worden. Ich erfahre aber auch über den offerierten Standartwein ein paar wichtige Details: Ertrag: 40hl/h – vendanges vertes – 45 Jahre alte Reben – Ernte von Hand – Vinifikation in Inox-Tanks – Ausbau zu 50% in Holzfässern (davon 30% neu), und, und, und…. Und schon bin ich im Element: überlege, vergleiche, recherchiere. Der Wein hat mich gepackt, obwohl ich ihn noch nie getrunken habe und kaum je kaufen werde. Auch wenn er 4.20 CHF billiger ist (billiger als was?). Aber, wer weiß, ob ich beim nächsten Besuch beim Weinhändler widerstehen kann?
Zurück zum Tagesgeschäft. Eigentlich will ich ja die nächste, weihnächtliche Kolumne schreiben. Offensichtlich kann ich den Verlockungen der Sirenen nur trotzen, wenn ich mich – wie einst Odysseus – festbinden lasse, um unbeschadet zwischen Skylla und Charybdis durchzusegeln. Denn auf meinem Schreibtisch liegt die nächste Verlockung. „Lidl“ – Einkaufsführer. Ich gestehe: Aldi und Lidl sind für mich „rote Tücher“. Ich umgehe sie konsequent, trotz verlockenden Sirenenklängen. Dieses Massenshopping – die Ware als Massenprodukt -aufgestapelt als Massenkonsumgut, als ob „viel“ auch besser und billiger wäre. Zugegeben, die „verlockenden“ Preise sind verführerisch, doch sie überdecken – jedenfalls für mich – die Verkaufsunkultur dieser Häuser nicht. Wein als Massenprodukt. Betrachtet man die weltweite Produktionsstatistiken: dann mag dies stimmen. Doch für mich, den einzelnen Konsumenten, ist guter Wein noch immer ein Kulturgut – das mich nicht als Massenangebot erreichen kann.
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Standardwein von Vincent Girardin
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Nun aber dies: „Entdecken Sie die Lidl-Weinkompetenz“. Ein Weinführer, der 66 Seiten umfasst und 46 Weine aus dem Lidl-Sortiment beschreibt. Weil ich gerade von den Sirenen ins Burgund gelockt worden bin, suche ich unter dem Stichwort „Burgund“ im Lidl-Angebot. Umsonst! Bei der Suche nach Herkunft finde ich Anbaugebiete von den Abruzzen bis Württemberg, etwa 35 an der Zahl. Wahrlich fast schon ein weltweites Angebot. Doch das Burgund fehlt. Also nehme ich das mir vertrautere Bordeaux vor: Hier nur ein Angebot: „2007 Bordeaux AOC, Frankreich“.
Die Sirene lockt: „Bordeaux! Das Wort übt auf jeden Weinfreund ein Zauber aus… ein Rotweintyp mit Vorbildcharakter für die Winzer auf der ganzen Welt… Ein Klassiker…. AOC steht für Appellation d’Origine Contrôlée, kontrollierte Herkunftsbezeichnung….“ Vergeblich suche ich nach der genauen Herkunft. Einfach „AOC Bordeaux“ – nein, nicht Médoc, nicht St-Emilion, nicht einmal Entre-deux-mers (wo der Rote auch „nur“ als AOC Bordeaux deklariert wird). Lidl-Kommentar: “Solche Weine trinken auch die Einwohner von Bordeaux zum Essen…“
Ich habe genug gelesen. Diese Art von Weinführer sagt offenbar mit vielen Worten sehr, sehr wenig. Die Sirenenklänge werden Heuldrüsen. Also ein dritter Versuch: Bisher noch ungeöffnet: ein dickes Kuvert von einem meiner bevorzugten Weinhändler. Da steht: Weinpassion für Burgund 2006. Da wären wir wieder beim Thema. Auf der Rückseite die nächsten Schalmeienklänge: „In diesem Couvert: sensationelle Rhône-Raritäten mit 20/20 Punkten“.
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Randvermerk auf dem Werbe-Kuvert
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Wer dieses Kuvert nicht öffnet, der muss schon ordentlich bekloppt sein. Zudem: der Absender ist mir bestens bekannt und vertrauenswürdig. Doch echte Zweifel tauchen auf. Habe ich jetzt, in der vorweihnächtlichen Hektik auch die nötige Ruhe, das Angebot zu studieren?
Noch liegen weitere ungeöffnete Briefe vor mir: Lobpreisungen, Einladungen, Flaschenpost, Festtagsangebote… Es gibt kaum etwas, was die Werber an Schlagworten und Argumenten auslassen. Ich lege die Werbepostillen weg – direkt auf den Makulaturstapel oder doch zu den Pendenzen?
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Verlockung oder Anfechtung?
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Auch mein Posteingang im Computer überquillt. „Cameron Hughes Wines, an exclusive discount and offer for Snooth” – “Letzte Tage: alle Weine mit 20% Rabatt” – “Vous cherchez des idées de cadeaux pour les fêtes? Notre offre spécial Noel” – “Die Welt des Weines einfach nach Hause geliefert. Jetzt mit Vorzugskonditionen kennenlernen.“ Wie komme ich nur in den Genuss von Vorzugskonditionen? Meine Mail-Adresse als Weinliebhaber scheint wie ein freier Vogel durch alle Weinhandlungen und Weingüter zu flattern. Der Angebote werden immer mehr. Mein Spamfilter würde nur noch mit dem universellen Stichwort „Wein“ Herr der Lage. Doch dann würden auch alle Mails vom Weinforum abgeblockt und all die Korrespondenz mit meinen Weinfreunden. Nein, so geht es nicht!
Weil weit und breit auch kein Schiffsmast ist, an dem ich mich (wie Odysseus) festbinden kann, muss ich wohl den Fluten der Werbung schwimmend trotzen: Brust, Schmetterling, Rücken, Croul, Freistil… Irgendwie werde ich es schon schaffen. Doch dann, in der Tageszeitung, der Hammer: „Bordeaux Grands crus zu Discountpreisen!“ Für einen Bordeaux-Liebhaber sind dies nicht einfach Verlockungen, schon eher raffinierte Anfechtungen. Der Jahrgang 2006 ist da! Zu aller erst im Warenhaus, nicht beim Weinhändler, genau richtig fürs Weihnachtsgeschäft. Der Schweizer Discounter „Denner“ ist in diesem Bereich seit vielen Jahren führend: Duhart-Milon (91-93 Parkerpunkte) für 49.90 CHF. (Subskriptionspreis vor zwei Jahren: 48 CHF) – Gruaud-Larose 54.90 CHF (Subskription 60 CHF) – Comtesse de Lalande 149.90 CHF (Subskription 140 CHF). Entnervt lege ich das Inserat zur Seite – jetzt noch weg, durch die verschneite Landschaft, auf vereisten Straßen – zum Superdiscount. Halt! Im Kleindruck steht da unter dem Inserat: „Nur in ausgewählten Filialen erhältlich.“
Da lass ich doch die griechische Mythologie mit ihrem Odyseuss und den Sirenen lieber Geschichte sein. Ich halte mich an die christliche Ueberlieferung:
Christkind, Stall zu Bethlehem, Hirten, Dreikönige, Krippe, Weihnachtsbaum – kurzum, das mir vertraute, liebe Weihnachtsfest mit seinen schönen Stunden, seinen Genüssen, den leiblichen (und hoffentlich auch geistigen). Vielleicht liegen sogar unter dem Christbaum ein paar verführerische Flaschen: nicht als Werbe- und Sonderangebot - sondern ganz real, als Tribut an die kommenden Festtage – bis hinein ins neue Jahr 2009. Prost! Ganz schöne und glückliche Stunden (ohne Sirenenklänge der Werbung) wünscht
Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)