Das Umdenken beginnt auf der Straße: Linksverkehr. Doch das ist nicht nur in Australien so, auch im Mutterland Großbritannien und in vielen seiner ehemaligen Kolonien. Der Norden ist der heißeste Landstrich, der Süden der kühlste. Eigentlich logisch, wenn man die Koordinaten auf dem Globus betrachtet. Noch heute permanente Angst vor der Reblaus – noch gibt es viele wurzelechte Reben in Australien; die Reblaus hat Australien nie flächendeckend heimgesucht. Ein Land der Biertrinker – erstaunlich, wenn man denkt, wie viele gute Weine es in Australien gibt. Inselmentalität – die schärfsten Quarantäne-Bestimmungen. Die Hunde bei der Einreise suchen nicht nach Drogen, sondern nach Lebensmitteln.
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Reben im Muster-Rebberg des Weinzentrums in Adelaide
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Im Bereich Reben und Wein sind es vor allem drei Dinge, die ich rasch lernen musste. Erstens der ganz andere Rebschnitt. Mich traf beinahe der Schlag, als ich im Mustergarten vom „National Wine Centre“ in Adelaide den Wildwuchs der Reben gesehen habe. Fehlleistung eines Instituts – Konflikte mit dem Botanischen Garten, wo der kleine Schau-Rebberg steht? Der falsche Moment, mitten im australischen Sommer? Doch ich habe rasch begriffen, dass viel mehr Laub an den Reben gelassen wird, um gleichsam die Trauben vor der brennenden Sonne zu schützen. Im Barossatal sind die Reben wohl etwas gepflegter, doch bei weitem nicht stärker entlaubt. Die reifenden Beeren müssen geradezu gesucht werden. Die sonst gut gepflegte Rebflächen machten hier einen eher wilden Eindruck.
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Wertvoller Rebberg der Winery Langmeil mit 150jährigen Rebstöcken
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Das zweite, was ich schon am ersten Tag gelernt habe: Wein ist eher ein Luxusgut. Jedenfalls ist er nicht, wie bei uns, in jedem Lebensmittelgeschäft und Supermarkt einfach zu kaufen. Bottle-Shops gibt es zwar in jeder größeren Ortschaft, oft mit einer Bar oder einem Restaurant verknüpft. Doch in bestimmten Bundesstaaten und Territorien muss man sich ausweisen, wenn man Wein kaufen möchte. Am meisten aber haben mich die alkoholfreien Zonen
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Alkoholfreie Zone
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irritiert. Sie sind überall – auch in den Städten – öffentlich sichtbar markiert. In diesen Bereichen darf im Freien kein Alkohol konsumiert werden. Schlechte Gegenden für Clochards, die meist im billigsten Fusel ein Stück Wärme und Glück suchen.
Und ein Drittes habe ich rasch begriffen: die Weingüter – auch die berühmten und hochrangigen – führen alle einen Besuchsraum, „Open Door“, meist wie die Geschäfte mit präzisen Öffnungszeiten. Hier kann man jederzeit ohne Voranmeldung eintreten und die meisten Weine frei verkosten. Das gehört zur australischen Gastfreundschaft genau so wie zum australischen Weinmarketing. Selbst bei Peter Lehmann und ähnlich hoch dotierten Weingütern herrscht keine Spur jener Hochnäsigkeit und Exklusivität, wie sie zum Beispiel im Bordelais bei fast allen großen Namen anzutreffen ist. Man bekommt den Eindruck, das Weingeschäft sei gut geregelt und für jedermann – der Interesse hat – zugänglich. Weit weniger aufdringlich als zum Beispiel in Stellenbosch, Südafrika.
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Open Doors
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Wer gelernt hat, australische Inselmentalität zu akzeptieren, sich gewöhnen kann an riesige Dimensionen und die verklärte Vergangenheit jahrhundertealter Traditionen nicht braucht, der weiß den australischen Weinbau zu schätzen und die australischen Weine zu genießen. Die kurze, aber bewegte Geschichte des australischen Weinbaus liefert die Erklärung, warum der australische Wein mit Europa eng verbunden ist. 1833 – also vor knapp 170 Jahren – brachte James Busby – ein Schotte – die ersten Rebsetzlinge nach Australien. Nur ein paar Jahre später kamen schlesische Auswanderer nach Australien, meist einfache Handwerker, welche die ersten Weingärten um Adelaide anlegten.
Einer dieser Schlesier war der arme Schneider Friedrich Johann Herbig. Er lebte mit seiner Frau und den ersten zwei Kindern fünf Jahre lang in einem ausgehöhlten Eukalyptusbaum.
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Herbig Baum in Friedensberg, Springton
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Friedrich Johann Herbig arbeitete in einer Molkerei, pachtete nebenbei 32 Hektar Land, pflanzte Weizen an und wurde so zum Vorbild einer großen Emigrantenschar, die sich hier ansiedelte. Das Ehepaar Herbig zog später in eine Hütte, erwirtschaftete einen gewissen Wohlstand, zeugte 16 Kinder. Der Herbig-Baum ist bis heute wohl das berühmteste Symbol für die landwirtschaftliche Erschließung Südaustraliens. Milchwirtschaft, Ackerbau und Weinbau waren die Grundlage. Wer vom Goldrausch nicht „verführt“ wurde, blieb bis heute Farmer – auch Weinbauer – meist im südlichen Teil Australiens.
Damit also begann die Weinbau-Geschichte Australiens zu einer Zeit, in der in Frankreich die Bordeaux-Weine bereits klassifiziert wurden. Verglichen mit Europa ist Australien zwar ein riesiges Land, doch ein bescheidenes Weinland. Die Rebfläche von ca. 170000 Hektar entspricht weniger als einem Fünftel von jener Frankreichs. Zudem wird rund 70 Prozent des Weins zu „Massenwein“ verarbeitet.
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Degustier- und Empfangsraum der Winery Peter Lehmann
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Um so erstaunlicher ist die beachtliche Qualitätsspitze, die in den letzten Jahren doch so etwas wie „Weltruhm“, zumindest Anerkennung erlangt hat. Es sind nicht nur die Penfolds Wines, auch einzelne Weine von Magpie Estate, Henschke, Fox Creek, Classic McLaren, Clarendon Hills etc. bewegen sich unter den „Spitzenweinen“ der Welt, durchaus – wie Auktionen zeigen – mit beachtlichem Marktwert. Was mich aber weitaus am meisten fasziniert, das ist das große Mittelfeld im Weinangebot. Weine in der Preiskategorie zwischen 15 und 25 Euro, die sich mit europäischen Weinen durchaus messen lassen, in ihrer Eleganz, Aromatik, Würze und was man so alles von einem guten Wein erwartet.
Herzlich
Ihr/Euer