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Wachtelberg- nördlichste Weinlage Deutschlands Nur ein Souvenir?

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Artikel
02.09.2008

Wachtelberg- nördlichste Weinlage Deutschlands

Nur ein Souvenir?


Nach fünf Wochen Sonne, Hitze, Strand und keinem Tropfen Regen sind wir in den Norden gefahren. Nicht in den „hohen Norden”, nur in die nördlichen Bundesländer Deutschlands: Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg. Dorthin, wo eigentlich kein Wein mehr wächst. Camping! Schon fast ein Schimpfwort für bewusste Genießer, denn wir reisen nicht mit einem feudalen Wohnwagen, sozusagen einer verkleinerten Version unseres Daheims, nur eben auf vier Rädern. Nein, wir benutzen noch ein Zelt, einfachste Gaskocher, Luftmatratzen, Schlafsäcke, Esskorb und ein paar Utensilien mehr, die das Leben im Freien erleichtern.

Camping: das einfache Leben - zurück zur Natur

Ich brauche dieses alljährliche, etwa auf eine Woche limitierte Rousseau-Gefühl - zurück zur Natur - um all das wieder hervorzukramen, was als Selbstverständlichkeit im Wohlstand meist untergeht. Mein Gefühl für die Natur wird so erhalten und geschärft: Wind, Regen, Kälte, Gestank - aber auch Sonne, Wärme, Düften - Trinken, Essen, Entsorgen, die Wende von Tag und Nacht, Sonnenaufgang und -untergang, Mond, Sterne und kühle, oft nasse und kalte Erde.

Erst wenn diese Erfahrung immer wieder - Jahr für Jahr -neu mein sonst so bequemes Leben dringt, kann ich das so richtig schätzen und genießen, wovon ich sonst in dieser Kolumne schreibe: Wein, Wein und nochmals Wein. Er schmeckt plötzlich ganz anders: viel natürlicher, naturnaher, vielleicht sogar elementarer. Ich meine plötzlich durch die hochentwickelten Vinifikations-Methoden hindurchzugucken und dahinter den Wein wieder zu enttecken.

Wo keine Reben wachsen. Strand an der Ostsee bei Scharbeutz

Weil es in den Norden ging, habe ich wohlweislich einige Flaschen mitgenommen: Italiener, Franzosen (Languedoc, keine Bordeaux) und Schweizer. Der Schweizer hatte einen starken Korker (und musste weggeschüttet werden), ein hochrangiger Italiener (den ich sonst sehr schätze) war viel zu kompliziert, wirkte gekünstelt, gemacht. Die einfachsten Weine waren - wenn wunderts in dieser Situation und Umgebung - bei weitem die besten. Doch es kam, wie es kommen musste: der Vorrat ging zu Ende, wir mussten Weine kaufen.

Auf den Spuren von Theodor Fontane: hier das Geburtshaus, die Löwen-Apotheke in Neuruppin

In Neuruppin interessierte uns plötzlich nicht nur die Löwen-Apotheke, wo Theodor Fontane geboren wurde, nein auch die Weinhandlung am Schulplatz, wo ich hoffte, guten deutschen Weine zu finden. Bei den Roten war das deutsche Sortiment eher spärlich: Literweine aus Baden-Würthemberg wurden mir empfohlen (sehr preiswert), ein Blauer Zweigelt aus Saale-Unstrut, ein Portugieser (Spätlese) von der Winzergenossenschaft Westhofen eG, Rheinhessen, und ein Dornfelder aus Werder (Havel), also ein Wein aus Brandenburg. Brandenburg? Da wurde es für mich plötzlich spannend!

Der Weinhändler wusste Bescheid: Der Werderaner Wachtelberg ist die nördlichst gelegene weingesetzlich erfasste Reblage der Welt. Man hat sie der Weinregion Saale-Unstrut zugeordnet, da es eine brandenburgische Weinregion sonst nicht gibt.

Reben auf dem Wachtelberg in Werder (Havel), Brandenburg

Gerne gebe ich zu, dass ich keinen dieser Weine je gekauft hätte: Dornfelder, Winzergenossenschaft, Portugieser.... Nein, unter „normalen” Bedingungen hätte ich das Weinhaus fluchtartig verlassen; meine Vorurteile gegenüber deutschem Roten wären einmal mehr bestätigt worden. So aber nahm ich drei Weine mit. Den ersten, den blauen Zweigelt, haben wir vor dem Zelt genossen. Ja, genossen! Er schmeckte uns viel besser, als so viele hochbenotete Weine aus Frankreich, aus Italien, aus Oesterreich... Es widerstebte mir in dem Augenblick auch zu anlaysieren, zu beschreiben, zu werweißen… Nein, einfach trinken und genießen!

Es war ein einfacher Wein, sicher. Die alles entscheidender Frage nach Punkten wurde gar nicht erst gestellt. Die Bemerkung sei mir erlaubt: er war viel, viel besser als all das, was ich in den Tagen zuvor als „offene Weine” in Restaurants ins Glas bekam.

Eigentlich wollten wir - auf Grund dieses für mich neuen Wissens - den Werderaner Wachtelberg aufsuchen. Wir wollten die 6,2 Hektar Rebberge sehen, die verschiedenen Jahrgänge und Gewächse (Dornfelder, Regent, aber auch Sauvigon blanc, Kernling, Saphira und Müller-Thurgau) degustieren. Wir wollten sehen und erleben, wo diese Weine zuhause sind.

Drei deutsche Weine - nur Souvenirs?
Leider haben wir es nicht geschafft. Fontane ließ uns nicht los und auch den Spreewälder Gurken zollten wir unseren Tribut. Das Wetter verschlechterte sich, und wir zogen über Deutschlands nördlichstes Weingebiet Saale-Unstrut ab, nach Hause, meist auf der Autobahn.

Jetzt stehen die drei Flaschen vor mir: eine schon auf der Reise geleert, die andere kommt langsam ins Glas, während ich diese Kolumne schreibe und die dritte bleibt wohl als Souvenir für einige Zeit im Keller. Unter all den Franzosen ein Exot von einer Reise.

Sind die drei Flaschen nur Souvenirs, oder weit mehr? Jetzt weiß ich es: Sie sind mehr! Sie verkörpern ein Stück Weinkultur, die ich jetzt - nach der Robinson-Pfadfinderwoche - erst wieder so richtig zu schätzen weiß. Inzwischen ist auch der Werderaner Wachtelberg fast ausgetrunken, fast unbemerkt während des Schreibens. Und? Fruchtig, leicht, spritzig, Anklänge an Kirsche, leichte Säure, kein Barrique-Ton, einfach Wein....

Zwar kann man dies alles nachlesen, in Büchern, im Internet ergoogeln... Doch nie hätte ich dies getan, wäre ich nicht in Brandenburg auf diesen kleinen, exklusiven Weinberg gestoßen. Dann wüsste ich nicht, dass etwa 10 Kilometer westlich von Potsdam ein kleines Sück merkischen Weinbaus seit rund 20 Jahren wieder entstanden ist, eine Reminiszenz an eine rund 600 Jahre alte Tradition des Weinbaus, die wohl von den Zisterziensern ins Land gebracht wurde.

Erinnerung an eine Woche, in der die einfachsten Weine am besten mundeten

Inzwischen ist auch die dritte Flasche kein Souvenir mehr: geleert, getrunken. Zuhause, im komfortablen Heim. Das Zeit mitten im Regen - nur noch Erinnerung, Erlebnis. Die drei Flaschen sind nicht einfach Mitbringsel; sie sind ein Stück Weingeschichte, die ich ohne meine Reise in den Norden nie kennen gelernt hätte. Hinter dem „Souvenir” Wachtelberg verbirgt sich eine Kultur, die sich dem Weinliebhaber öffnen kann. Wenn sie sich wirklich öffnet, dann ist dies weit erlebnisreicher und glückvermittelnder als noch so tolle Flaschen aus berühmteren Weingebieten.

Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)





Peter Züllig
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