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Was hat 2008 gebracht? Ein Weinjahr

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05.01.2009

Was hat 2008 gebracht?

Ein Weinjahr

Es ist üblich, dass am Jahresende Rückschau gehalten wird: „Das also war 2008!“ Es reihen sich Ereignisse an Ereignisse: politische Umwälzungen, wirtschaftliche Probleme, Gewinne, Verluste, sportliche Höhepunkte, kulturelle Glanzlichter, Geehrte, Verstorbene…. Mein Rückblick ist bescheidener. Er ist schlicht und einfach – mein Jahr mit Wein.

Meine Statistik – besser gesagt: mein Weintagebuch –  verrät mir, wieviel Flaschen im vergangenen Jahr bei mir zu Hause geöffnet und getrunken wurden. Die nackte Zahl stimmt mich nachdenklich. So viele? Dabei habe ich nur die Bordeaux aus meinem Keller registriert. Außer diesen habe ich natürlich auch viele Weine aus andern Anbaugebieten konsumiert, von den Schweizern bis zu den Kaliforniern, von den Deutschen bis zu den Süditalienern. Ausserdem habe  ich auswärts – zum Beispiel an unserem zweiten Wohnsitz in Südfrankreich – nochmals so viele Weine getrunken. Und schließlich sind es auf all den Messen, Veranstaltungen, bei Winzerbesuchen, Degustationen, in Freundesrunden und was weiß ich wo, nochmals eine stattlich Zahl. Es dürften weit über 500 sein.

Neujahrsnacht – festtäglich geschmückte Stadt. Eine besondere Stimmung an der Schwelle zum neuen Jahr

Doch die Zahl ist höchstens ein Indikator für meinen Hausarzt, mein Kassenbuch, den Platz im Keller und die Verhandlungen mit meinen Weinhändlern. Nein, sonst sagt die Zahl nichts, gar nichts! Was einzig und allein zählt, das ist die Erinnerung. Welcher Wein oder welche Weinfreude sind haften geblieben? Sind heute noch lebendig?

Nicht viele, erschreckend wenige, eigentlich (fast) keine. Kann dies sein? Ich spüre, wie ich rot werde, wie ich mich schäme. So viele Weine und kaum einer, der weiterlebt in mir, dessen Geschmack ich noch im Gaumen spüre, dessen Freuden mich allein schon beim Gedanken an den Genuss einholen. Nein, alles ist weg! Reduziert auf Statistiken, eingefangen in Beschreibungen, ab und zu (wenn auch selten) auf Punkte konzentriert. Natürlich weiß ich noch ein paar Namen, erinnere mich an besondere Jahrgänge, spreche von ein paar Entdeckungen, staune über einige Überraschungen. Wenn ich gefragt werde, kann ich all dies abrufen, präsentieren und sogar den Eindruck erwecken, ein Weinkenner zu sein. In Wirklichkeit sind das nur bewusst oder unbewusst aufgegriffene Attitüden. Ich spüre immer mehr, dass etwas ganz anderes wirklich zählt, immer mehr in den Vordergrund tritt: nämlich der Umstand, mit wem ich einen Wein getrunken habe und in welcher Stimmung.

Mein Bordeaux-Tagebuch enthält neben den üblichen Rubriken: Name, Herkunft, Bewertung, Preis, Kaufdatum etc. auch je eine Kolonne mit der Bezeichnung: „Getrunken mit“ und „Ereignis des Tages“. Dies hat nichts mit der Qualität des Weins zu tun, vielmehr mit mir und meiner Befindlichkeit. Da wird das Weintagebuch persönlich, ja ganz intim. Bei „Getrunken mit“ steht ein Name weitaus am häufigsten: „Heide“, meine Lebenspartnerin. Offensichtlich habe ich nur ganz selten einen Wein allein getrunken, wirklich ganz selten.

Tafelrunde mit guten Freunden in bester Stimmung

Dafür um so häufiger mit Bekannten, mit Freunden, mit Menschen, die ich an den Tisch gebeten habe. Plötzlich ist der Name des Weins nicht mehr so wichtig, er bekommt eine andere, tiefere Bedeutung, eine neue Aura umgibt ihn, jene der Begegnung. Man mag es mir glauben oder nicht: jeder Wein verändert sich unter dem Eindruck des gemeinsamen Genusses. Plötzlich wird er viel sanfter, weicher, ausgewogener, vielfältiger, tiefgründiger – oder eben aggressiver, markanter, eintöniger, oberflächlicher, vordergründiger. Ist ein anderer Wein daraus geworden? Der Cursor in meiner Datenbank fährt über die Eintragungen. Sehr oft ist es der gleiche Wein, aber andere Begegnungen, andere Gäste. Daraus ergeben sich auch ganz andere Beschreibungen und Bewertungen.

Weinfachleute bei der Arbeit

Ich gebe zu: ich bin konsterniert. Die Sache wird noch mysteriöser, wenn ich die nächste Rubrik auch noch beachte: „Ereignis des Tages“. Da stehen kaum grosse Dinge, keine „Marksteine“ des Lebens und schon gar keine historischen Ereignisse. Nein, Alltäglichkeiten des Lebens – nicht viel anders, als sie vom Teenager verschämt dem Tagebuch anvertraut werden. Kleinigkeiten, Stimmungen, Wetter, Gefühle, Arbeit, Träume, Nichtstun, Entdeckungen oder schlicht einfach das, was an einem Tag eben getan- oder nicht getan wurde.
Wenn ich auch diese Rubrik in Bezug zum Wein setze und vielleicht noch eine dritte, letzte, die ich bisher noch gar nicht erwähnt habe: „Essen“ (zu welchem Essen habe ich den Wein getrunken), dann sieht alles nochmals ganz, ganz anders aus. Dem Wein wird ein zweites Leben eingehaucht. Er ist nicht mehr der, der er war, als er noch im Keller ruhte. In seiner Farbe, in seinem Duft, in seinem Geschmack, in seiner Nachhaltigkeit hat er sich entscheidend verändert. In einem Maß, mit einer Beharrlichkeit und einer Wirkung, die ich bisher nicht für möglich gehalten habe.

Winzer und Kritiker. Auszeichnung "Kollektion des Jahres" von Wein-Plus durch Chefverkoster Marcus Hofschuster
Bei professionellen Weindegustatoren sträuben sich jetzt sicher die Haare. Bemühen sie sich doch um möglichst grosse „Objektivität“, kämpfen sie (mehr oder weniger erfolgreich) gegen die Subjektivität in ihrem subjektiven Tun.

Da wird alles ausgeschaltet oder vereinheitlicht, was den Wein verändern könnte: Temperatur, Ambiance, Stimmung, Lagerung, Namen, Preis…. Der Wein wird sozusagen „ausgezogen“ – nackt verkostet. Ob dies auch wirklich gelingt, weiss ich nicht. Es fehlt mir die Erfahrung und – ich gebe es zu – auch die Lust, dem Wein so zu begegnen.

Je länger ich in mein Weintagebuch schaue und das abgelaufene Jahr Revue passieren lasse, desto klarer wird die Erkenntnis: Wein und Weingenuss – auch Weinärger – sind keine festen Größen, sind keine messbaren Werte. Es sind Momente des Lebens, die nur in ihrem Umfeld – verbunden mit der Subjektivität des Konsums – zum Ereignis werden können.

Ernsthafte Begegnung der "Wein-Amateure" an der Université in Suze-la-Rousse in Frankreich

Plötzlich entsteigen der fast erschreckenden Zahl getrunkener und verkosteter Weine Erinnerungen, Eindrücke, Gefühle, die sich zuordnen lassen, dem einzelnen Wein und dem Wein in einer bestimmten Situation. Was anfänglich weder als Wein-Erinnerung, noch als Wein-Freude abrufbar schien, tritt überdeutlich hervor, nicht in Form von Zahlen, Punkten, Namen und Jahrgängen. Nein, als ein buntes, vielfältiges Weinjahr, wo sich zwar die Namen wiederholen, sonst aber alles, wirklich alles immer wieder anders ist. Nicht  wiederholbar, selbst dann nicht, wenn ich die gleichen Weine wie im vergangenen Jahr auch 2009 wieder öffne, trinke und in die Statistik aufnehme. Die Namen und Zahlen mögen vergleichbar sein, alles andere aber ist jedes Mal neu. Darauf freue ich mich, ich kann es kaum erwarten.

Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)


Peter Züllig
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