Es gibt kaum einen andern Begriff, der so populär und gleichzeitig so ideologisch belastet ist wie das Wort „Heimat“. Man versucht deshalb auch immer wieder wenigstens das belastete Wort zu ersetzen, zum Beispiel durch „Lebenswelten“ oder „Zuhausesein“. Viele haben den Begriff sogar aus ihrem Wortschatz gestrichen, den Inhalt kann aber niemand wegstreichen, vor allem nicht, seit ein fast noch populärerer Begriff aufgetaucht ist: „Globalisierung“. Heimat als Gegenpol zur Globalisierung? Reduzieren wir doch diese fast schon philosophische Frage auf den Bereich, der uns hier interessiert: Wein. Gibt es so etwas wie eine Weinheimat?
|
|
Meine Heimat und meine Weinheimat in der Schweiz (Quelle: P. Züllig)
|
Gehen wir von der wohl häufigsten Definition des Begriffs aus, die etwa besagt: „Heimat ist ein Ort der Geborgenheit, der Nähe, der Vertrautheit; Heimat nimmt auch immer Bezug auf das Gefühl.“ Der lateinische Spruch „Ubi bene, ibi patria“ (deutsch: „Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland, meine Heimat“) zeigt deutlich, dass der Mensch durchaus auch immer wieder eine „neue Heimat“ finden kann.
Der Geburtsort bestimmt also längst nicht mehr, wo Heimat ist. Wieso also soll es beim Wein und Weinkonsum keine Heimat geben? Den Ort – oder in diesem Fall den Wein –, wo man sich wohlfühlt, wo man geborgen ist. Verschiedene Studien über die Vorlieben beim Weinkonsum zeigen, dass nebst Preis und Qualität vor allem der emotionale und soziale Wert eine entscheidende Rolle spielen. Es gibt also doch so etwas wie eine emotionale „Weinheimat“. Dies entspricht durchaus auch meinen eigenen, persönlichen Erfahrungen.
Zum geläufigen Heimatbegriff finde ich immer wieder auffällige Parallelen. Zum Beispiel die Zuwendung zu einer bestimmen Region, Sozialisation (wie man zum Wein gekommen ist), die Abwehr oder Abgrenzung gegenüber dem Fremden, falsche Gefühle (auch Kitsch genannt), die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht. All dies (und natürlich noch viel mehr) spielt eine entscheidende Rolle für die Gewohnheiten im Umgang mit Wein und für seine Wahl.
|
|
Welches ist nun mein Wein? Das Angebot eines einzigen Winzers (Quelle: P. Züllig)
|
Ich war schon in so manchem großen oder kleinen privaten Weinkeller; fast immer ein ähnliches Bild: Die Mehrheit der Weine stammen aus der gleichen Region (Land), sie haben einen ähnlichen Charakter (Stil, Rebsorte etc.) und – das Erstaunliche – es gibt immer ein bis drei Weine, die sind karton- oder kistenweise vertreten. Dies ist der Hauswein, der Alltagswein, sagt man mir, fast entschuldigend.
Natürlich muss das nicht immer so sein. Da gibt es auch den Globalisten oder den akribischen Sammler, der möglichst viele unterschiedliche Weine – meist aus der gleichen Weinregion – zusammenträgt. Die Mehrheit aber – dies bestätigt fast jede Begegnung mit Weintrinkerinnen und -trinkern – hat ihre(n) Lieblingswein(e), eben ihre Weinheimat. Bei mir sind es – ich gebe es zu – la France und (sozialisations- und ortsbedingt) die Schweiz. So sieht auch mein Weinkeller aus: achtzig Prozent französische Weine – eigentlich fast alles Bordeaux. Zehn Prozent Schweizer Weine und die restlichen zehn Prozent entsprechen einer touristischen, globalen Weinorientierung, von Italien über Österreich bis nach Südafrika oder gar Australien, sie entsprechen sozusagen meiner globalen Zuwendung zum Wein.
|
|
Weinkeller – auch eine Art von Weinheimat (Quelle: P. Züllig)
|
Noch deutlicher werden diese Vorlieben beim Bestellen von Wein im Restaurant. Da sei – sagt man – das entscheidende Kriterium doch die Abstimmung zum Essen. Daran glaube ich schon lange nicht mehr: In langen Diskussionen entschieden letztlich fast immer die Vorlieben (Weinheimat), die Weinkarte und der Preis, und dies nicht nur bei Weinunkundigen, durchaus auch bei kenntnisreichen Weintrinkern. Beobachten Sie sich doch einmal selber, sich und Ihre Freunde.
„Weinheimat“ ist ein Faktor, der immer mehr zum Tragen kommt, weil immer mehr Weine aus immer mehr Weinregionen auf den Markt gelangen. Da entsteht rasch einmal das Gegenteil eines Heimatgefühls, nämlich Verlorenheit in der Weinwelt. Viele Weinhändler haben dies erkannt, sie betonen deshalb (zu Recht) ihre Funktion „als Händler des Vertrauens“. Im Marketing-Jargon nennt sich dies Kundenbindung. Grossisten und Internetmarketing sind – vor allem in Bezug auf den Preis – eine ernsthafte Konkurrenz zum individuellen Weinhändler, der seinen Kunden aber (im besten Fall) eine andere Art von Weinheimat bieten kann: ein lange Zeit gleichbleibendes Angebot und Vertrauen in sein (Fach-)Urteil (es wird schon recht sein und er weiß, was ich gerne habe).
|
|
Mouton Cadet, der meistverkaufte Marken-Bordeaux (Quelle: P. Züllig)
|
Mit einer tiefen Verankerung im Vertrauten operieren auch die sogenannten Markenweine, allen voran Mouton Cadet aus dem Hause Mouton-Rothschild, ein Wein, der weltweit jährlich über 13 Millionen Mal verkauft wird. Und immer ist er gleich, gleicher Stil, gleiche Zusammensetzung (Cuvée aus 65 % Merlot, 20 % Cabernet Sauvignon, 15 % Cabernet Franc), gleicher Alkoholgehalt (12,7 %), gleicher Restzucker (1,2 g/l) und gleiche Säure (4 g/l). Erfolgsrezept: Wo und wann immer man den Wein kauft, man weiß, was man bekommt: einen normierten Weingeschmack. Unter dem Heimatbegriff würde dies wohl unter „Kitsch“ laufen, oder als Annäherung an klar definierte Gefühle.
|
|
Das Ungewohnte – Wein aus Afrika (Quelle: P. Züllig)
|
Es gibt noch einen Aspekt, der den Heimatbegriff belastet und in der Weinwelt fast immer präsent ist: die Abgrenzung. Auf der einen Seite das Bekannte, das beruhigt, das zu genießen ist und vertraute Gefühle weckt. Auf der anderen Seite das Fremde, das Unbekannte, etwas, das Unsicherheit bringt, das Ungewohnte, das oft auch Ängste auslöst.
Bei meinen vielen Weinbekannten begegne ich diesem Phänomen auf Schritt und Tritt. Kaum rede oder schreibe ich etwas, das aus dem bekannten Weinrahmen fällt (eben aus der individuellen Weinheimat), stoße ich bestenfalls auf Nichtbeachtung, häufiger noch auf Ablehnung oder gar auf Kampfansage. Der typische Schweizer Weißwein, der Chasselas, ist so etwas, das neben dem Riesling keine Chance hat. Oder der etwas andere, leicht bitter-salzige Pinotage, den mag natürlich niemand. Um ein drittes Beispiel zu nennen: der Rosé, in Südfrankreich ein Edeltropfen, das ist natürlich kein richtiger Wein.
Warum ich das alles schreibe? Auch ich habe meine Weinheimat. Doch sie wird mir immer wieder zu eng, ich reibe mich an ihr, die Sehnsucht nach der Ferne treibt mich um, und das Unheimatlich-Fremde soll die Langeweile der eigenen Weinheimat ersetzen. Es ist ein Aufbrechen, vielleicht sogar ein Ausbrechen aus der Enge und Überschaubarkeit, für die Heimat steht.
|
|
Blick auf das Rheintal – in der Ebene der Rhein, im Hintergrund die Berge in der Fremde (Quelle: P. Züllig)
|
Zwei europäische Ströme entspringen in der kleinen Schweiz, der Rhein, der schließlich in den Atlantik fließt, und die Rhône, die im Mittelmeer endet. An beiden Gewässern wachsen – schon kurz nach ihrer Flussbildung – Reben. Aus ihren Trauben werden die besten Schweizer Weine gekeltert. Flussabwärts, längst nicht mehr dort, wo ich zu Hause bin, gibt es noch viele andere wunderschöne Weingebiete mit ausgezeichneten Weinen. Vielleicht sind es gerade Rhein und Rhône, die mich immer wieder wegführen in die Fremde. Vielleicht gerade darum, weil ich weiß, dass in unserem dreihundertjährigen Haus, von uns liebevoll „Hämetli“ genannt, hoch über einem dieser Flüsse, im feucht-kühlen Keller auch ein kleines Stück von meiner Weinheimat liegt.
Herzlich
Ihr/Euer