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Was passt besser zum Wein als Worte? Die Kunst

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Artikel
19.05.2008

Was passt besser zum Wein als Worte?

Die Kunst


Lange bevor sich Wein als „Kulturgut” in mein Leben geschlichen hat, war es die hehre Kunst - von den alten Meistern bis zur Avantgarde -, die mich in meinen Träumen und Sehnsüchten beflügelt hat. Ich fand in der Kunst den Ausgleich zum Alltag, das Gegenstück zu dem, was ich „Unkosten des Lebens” nenne.

Tatsächlich studierte ich auch Kunstgeschichte, stand immer wieder andächtig staunend vor Bildern großer Meister, versuchte zu beschreiben, was nicht in Worte zu fassen ist. Als Höhepunkt meiner Kunstbegeisterung tauften wir dann unsere Tochter Saskia, damals ein noch ungewöhnlicher Name. Aber eben: durch die Kunst geweiht. Die berühmteste Saskia (van Uylenburgh) wurde vor 374 Jahren Rembrandts Frau. Das Selbstporträt Rembrandts mit Saskia (Gemäldegalerie, Dresden) hat es mir besonders angetan.

Rembrandt, Selbstporträt mit Saskia

Heute, so viele Jahre später, weiss ich nicht, ob mich einst dieses Bild des zechenden Künstlers auch zum Wein gebracht hat. Mag sein! Oder war es irgendein anderes Bild, aus einem ganz andern Jahrhundert, zum Beispiel eines der vielen Stilleben mit Trauben, oder gar der leicht besäuselte Bacchus von Caravaggio?

Wahrscheinlich war es gar nicht die bildende Kunst, sondern die Kunst des Weinmachens, das gute Produkt eines guten Winzers, das der Kunst in meinen kulturellen Begegnungen den Rang abgelaufen hat. Ich bin dem Wein dafür nicht einmal böse.

Doch, ab und zu, wenn ich beim Genuss eines Weins händeringend nach Worten, nach treffenden Beschreibungen, nach Sprach-Synonymen für Empfindungen und Gefühle suche, dann kommt mir meine Zeit mit der Kunst in den Sinn.

Caravaggio: Bacchus

Tatsächlich begegnen sich Wein und Kunst immer wieder, nicht nur in künstlerischen Darstellungen, in der Literatur, in der Architektur. Auch dort, wo es ums harte Geschäft geht, um die Betonung der Einmaligkeit eines Weins oder ganz einfach, wenn ein Sinneseindruck in Bildern darzustellen ist. Zum Beispiel auf Etiketten. Natürlich denkt da jeder Weinliebhaber an Mouton Rothschild, den Premier Cru aus Pauillac, dessen Etikett seit 1945 Jahr für Jahr von einem großen Künstler gestaltet wird: 1947 Jean Cocteau, 1955 Georges Braque,
1958 Salvador Dali, 1964 Henry Moore, 1973 Pablo Picasso… um nur einige wenige zu nennen. Welchen speziellen Einfluss diese Kunstverzierungen auf den Sammlerwert (und letztlich auf den Preis) eines Weins ausüben, können wir Schweizer leicht am Mouton 1987 erkennen. Ein eher schwacher Wein aus einem schwachen Jahrgang trägt ein Bild von Hans Erni, einem der populärsten zeitgenössischen Schweizer Maler. Der Jahrgang erzielt in der Schweiz auf Auktionen Preise, die sonst nur für gute Mouton-Jahrgänge bezahlt werden.

Mouton Rothschild 1987

Die Darstellung auf einer Weinetikette kann auch zum Politikum werden. 1993 durfte der Wein von Mouton Rothschild mit einem Akt von Balthus - aus sittlichen Erwägungen - so nicht in die USA exportiert werden. Für den amerikanischen Markt gab es deshalb in diesem Jahr ein eigenes, neutrales Bild. Beide Varianten - zufällig ist es auch ein schwaches Bordeaux-Jahr - werden heute als Besonderheiten zu guten Preisen gehandelt, um 170 Euro pro Flasche, nicht allzu viel weniger als der wesentlich bessere 1990er (ca.220 Euro).

Doch verlassen wir die weithin bekannte Verbindung von Mouton Rothschild mit der Kunst. Sie wird auch dokumentiert in der Kunstgalerie auf dem Château in Pauillac, die sich ausschliesslich mit Darstellungen des Weins und des Wein-Genusses befasst.

Kunst auf Châteaux Mouton Rothschild

Jetzt bin ich wieder einmal selber mitten ins Dilemma Kunst oder Wein geraten. Eigentlich wäre das persönliche Erlebnis eine gute Illustration zum Thema Kunst und Wein. Aber - die beiden vertragen sich nicht immer so gut! In meinem Keller lagert nämlich seit 16 Jahren eine Flasche „Marechal Foch” des Bio-Winzer-Pioniers Guido Lenz aus Islisberg (Thurgau, Schweiz). Die Flasche ist geschmückt mit einem handgemalten und signierten Bild des Künstlers Luciano Capello. 1020 Bilder hat er gemalt und damit die Ernte 1991 eines Ostschweizer Kleinwinzers zum Unikat gemacht: „Die Farben sind wasserfest, sodass die Etikette abgelöst und gerahmt werden kann”, steht auf dem Begleitblatt. Dieses Ablösen habe ich bisher nicht übers Herz gebracht. Die Etikette gehört zum Wein, der Wein zur Etikette, dachte ich und lagerte beides ungetrennt in meinem Weinkeller. Nun aber ist der Wein wohl längst „überlagert”, kaum mehr auf dem Genusshöhepunkt, im besten Fall noch trinkbar. Die Etikette ist leicht angegraut, längst nicht mehr so frisch leuchtend wie früher, auf der neuen Flasche. Vor allem haftet ihr der dumpfe Geruch des Kellers an. Was soll ich tun?

„Marechal Foch”, 1991, Guido Lenz Weinbau Islisberg
Den Wein trinken, um noch einen Rest meiner Weinbegeisterung zu befriedigen, denn ich habe diese Rebsorte noch nie im Glas gehabt ? ( „Marechal Foch” ist eine selten gewordene Rebzucht, die vor allem von den Bio-Winzern bevorzugt wird, weil sie pilzresistent ist). Wenn ich die Flasche leere, ist die Kunst ihrer Bestimmung, ihres unmittelbaren Bezugs zum Wein, beraubt. Also die leere Flasche aufbewahren? Macht eigentlich wenig Sinn, denn der Bezugspunkt Wein ist ja weg. Ober eben doch ablösen, einrahmen und aufhängen? Da fehlt mir etwas Wesentliches, was zu diesem Bild gehört, der Wein.

Kunst und Wein ist halt doch nicht so harmonisch verbunden, wie ich bisher glaubte. Es sind zwei Genusswerte, die sich für kurze Zeit wohl treffen können, dann aber sich oft auch resolut trennen müssen.

Es kommt mir ein verwegener Gedanke: Warum Weinbeschreibungen immer wieder mühsam in längst standardisierte Floskeln verpacken? Bei einen alten, reifen Lafite 1959 etwa so: „Kraftvolles, warmes Rubinrot mit einem Anflug von Mahagoni; Alkohol, Gerbstoff und Säure perfekt verwoben, grosszügig, mit starker Ausstrahlung, ruhiger, erhabener Nachgeschmack.” Vielleicht sagt ein Bild mehr aus. Zum Beispiel das „Doppelbildnis eines betenden Ehepaars” vom Meister des Halepagen-Altars (um 1500, Ludwig-Roselius-Sammlung, Bremen). Oder - ein anderer Versuch, für einen Riesling von Heyman-Löwenstein: „Ein bukettreicher Wein mit delikater Frucht, am Gaumen voller Lebendigkeit, Eleganz, Finesse und - dank angenehmer Säure - mit einem typisch kühlen Kern.” Passt da etwa das Engelkonzert von Werner Gilles (1951, Hamburger Kunsthalle) oder vielleicht noch besser Ernst Wilhelm Nay, „Mit blauer Dominante” (1951, Hannover)?

Drei Kunstwerke zu zwei Weinen

Das Spiel beginnt mir Spaß zu machen. Für den Château des Estanilles, Cuvée Syrah, 2003 (Languedoc), den ich heute Abend wohl öffnen werde, finde ich bestimmt auch rasch ein Bild. Ein konkretes, ein abstraktes, ein bekanntes oder gar ein selbstgemaltes? Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Es passt so vieles besser zum Wein als schale Worte, zum Beispiel die Kunst.

Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)

Peter Züllig
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