Wein- und Essgenuss auf Reisen. Ein fast vergessenes Erlebnis.
„Ratternder Zug, brum, brum, brum
” Was sich liest, wie eine Parodie auf den öffentlichen Verkehr, war einst mein Aufbruch zu literarischen Träumen: Es ist der holprige Anfang einer Weihnachtsgeschichte, die ich als Teanager verfasst habe. Mit der hehren Dichtkunst ist es bei mir nichts geworden, der Zug aber begleitet mich durchs Leben.
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Unterwegs im Zug. Schweizer UNESCO-Kulturerbe: Weingebiet Lavaux
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So sitze ich wieder einmal im Zug, der mich in den Süden bringt, jetzt bereits etwa zwei Stunden unterwegs. Es wird düster im Wagen, schwarz vor den Fenstern, die elektrische Beleuchtung spiegelt sich im Glas, das begleitende Geräusch wird dumpfer, die Stimmen sind gedämpft. Wir durchrasen einen Tunnel. Dann, plötzlich wieder flutendes Licht, Sonne, Landschaft, See, Berge
Wir durchqueren eines der schönsten Weingebiete der Schweiz: Hoch über dem Genfersee, mitten in den Reben, begrenzt von der Silhouette der Savoyer Alpen. Ein „Ahh, Ohh.., Uhh
” geht durch den Zug. Die Stimmen werden freundlicher, ja fröhlich. Ich habe das Gefühl, am liebsten würde man jetzt ein Glas erheben und anstoßen
Anstoßen auf das Unterwegssein, auf die Schönheiten der Natur.
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Hoch über dem Genfersee
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Für mich erfüllt sich da ein Traum: Nicht mehr der Traum der Dichtkunst, vielmehr der Traum des Weins: zu jeder Jahreszeit ein anderer Rebberg und ich fahre mitten hindurch. Etwas später, nach dem Zugs-Wechsel auf den TGV in Genf, öffnen wir fast feierlich eine längliche schwarze Schachtel, die fast immer auf langen Zugsfahrten in meinem Gepäck ist. Ihr entnehme ich ein Glas und ein Fläschchen Wein. Wir breiten etwas Käse, Wurst und Brot aus auf dem kleinen Klapptisch. Das „Plopp” des Korkens ist bis weit vor und hinter uns zu hören und auch sofort zu erkennen. Schmunzelnde oder lächelnde Mitreisende vor und hinter uns. Bereits ziehen andere Rebberge an uns vorbei: der Jura, dann allmählich die nördliche Rhone, die südliche Rhone
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„Der Kluge reist im Zuge”. Ich weiß nicht, ob ich ein Kluger bin oder ganz einfach bequem, genussliebend, verliebt ins Sehen und Staunen. Ich brauche nicht auf den Verkehr aufzupassen, kritische Situationen auf der Straße zu meistern, mit 130 Stundenkilometern zum überholen anzusetzten, abrupt auf die Bremse zu treten oder im Stau dahinzuschleichen.
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Reiseuntensilien auf langen Strecken
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Die paar wenigen Zehntels-Promille Alkohol - von denen man nur spricht, wenn man im Auto unterwegs ist - kann man rasch wieder abbauen, sich fit machen für den nächsten Bahnhof, wo man sich ins Menschengewühl werfen muss, den Koffer hinter sich herziehend, immer den bequemsten Weg suchend: Rolltreppe, Lift, Bahnhofbuffet
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Ja, da ist noch etwas, was ich unheimlich gerne habe: die Restaurants in älteren Bahnhöfen, vor allem dort, wo McDonalds und Co. noch nicht Einzug gehalten haben oder sich darauf beschränken, den hastig vorbeiziehenden Menschen ihre Frites in Tüten zu füllen.
Meine „Geheimorte” des Genusses sind so jene angejahrten, den Baustil der Gründerzeit nur schlecht verbergenden, auf Zirkulation ausgerichteten „Essstuben”, die einst prunkvoll waren, heute aber ums Überleben kämpfen, erdrückt von den Gourmet-Tempeln (meist um den Bahnhof) und den Schnellimbissecken Diese „Bahnhofsrestaurants” tragen jetzt Modenamen in Englisch, sind meist überdimensioniert und nicht der heute vorherrschenden Zweckmäßigkeit und Rationalisierung der Esskultur gewachsen.
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Zwischenhalt im Bahnhofsbuffet. Zwischen zweckmäßiger Moderne und Tradition
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Dort wo früher Wände und Decken der Präsentation des Wohlstands und des Stolzes auf die Errungenschaft moderner Technik dienten, dominieren Orientierungsschriften, Monitore, Anzeigetafeln und natürlich die Werbung.
Doch hier herrscht noch oft der Geist des Genießens - mitten im Kommen und Gehen. Die Koffer sind weggestellt, so angeordnet, dass sie dauernd überwacht werden können. Es gibt einfache Menues - nicht internationale Küche. Nein, region- und landesspezifische Gerichte. Dazu fast immer einen Landwein, offen ausgeschenkt, ein einfacher Wein, schlicht, keine Barriques, nicht einmal eine Ursprungsbezeichnung. Nur eben Wein aus der Gegend, Alltagswein
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Plat du jour - das Tagesangebot im Bahnhofbuffet Montpellier
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Schon manches Rezept habe ich aus diesen Bahnhofs-Hallen mitgenommen und zuhause „nachgekocht” - immer zu meinem Entzücken und dem unserer Gäste. Und ich freue mich auch jedes Mal auf den frischen, natürlichen Landwein, der hier meist zu kühl oder zu warm ausgeschenkt wird. Doch er bringt mich rasch weg von all den oenologischen Diskussionen, Vergleichen und Erfahrungen, zurück den elementarsten Freuden des Weingenusses.
Ich liebe auch das Weiterziehen, Vorbeigehen, Stillstehen, Menschen begegnen, die auch unterwegs sind; dieses Innehalten, wenn man sich über lange Strecken fortbewegt. Es ist etwas ganz anderes als die sich künstlich aufplusternden Autobahnrestaurants ohne Seele. Ich liebe die Rückkehr und Einkehr in den etwas vernachlässigten, leicht verstaubten, längst verblassten „Prunk” aus einem andern Zeitalter. Aus jener Zeit, als die Eisenbahn und das Bahnfahren noch moderne Errungenschaften waren und niemand an die Klugheit der Menschen appellieren musste. „Der Kluge reist im Zuge”, ist heute eher ein Mahn- oder Schimpfwort für Weinliebhaber, die oft mit ein paar Zehntels-Promillen unterwegs sind. Eine Zweckehe - auf kurze Zeit - für Wein-, Bier- und andere Konsumenten von alkoholischen Getränken. „Wer trinkt, der fährt nicht”, so oder ähnlich prangt es von den warnenden Plakaten an den Strassen. An den Schienen braucht man diese Warnungen nicht (höchstens für den Lokomotivführer). Im Gegenteil: wer mit der Bahn fährt, der darf trinken. Vorher, natürlich, meinen die meisten. Dies aber erfasst nicht die ganze Wirklichkeit. Denn wer Bahnfahren als eine Art Bestrafung für den Weinkonsumenten versteht, dem entgehen viele Lebensfreuden: das Erlebnis der Landschaft - auch jener Gegenden, in denen die besten Weine wachsen; das Erlebnis des Beobachtens von Alltag, denn der Zug fährt mitten durch den Alltag der Menschen; das Erlebnis des einfachen Ess- und Trinkgenusses, unterwegs, begleitet vom Gefühl, nicht stehen oder sitzen zu bleiben, sondern weiter zu kommen, ein Ziel zu erreichen.
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„Der Kluge reist im Zuge”. Träume aus Eisen und Glas.
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Ja, der Bequeme, der Genießende und natürlich auch der Kluge fährt im Zuge. Dazu braucht es nicht einmal die einstig luxuriösen Speisewagen, die noch lange Zeit versuchten, fahrende Gourmet-Tempel zu sein. Nein, das schafften sie nicht. Die heute meist angebotenen Fast-Foods - auch jene auf den rollenden kleinen Buffets im Zug - dienen nur der Ernährung, kaum mehr den Ess- und Trinkfreuden. Darum nehme ich einen Teil dieser Kultur immer mit (das Glas, den Wein, das Essen), der andere liefert die Bahn, gleichsam als unvergleichlich schöne Garnitur zu meinem Zugs-Menue. Kein Wunder, schauen die Mitreisenden (ich meine schon fast neidisch) oft zu mir - ins funkelnde Glas und auf den Teller.
Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)