Drei Stunden intensive Weinverkostung liegen hinter mir, mehr als sechzig Fassproben des neusten Bordeaux-Jahrgangs, des besten aller Zeiten: „Ich habe genügend Weine von 2005, 2009 und 2010 verkostet, um festzustellen, dass dies die drei größten Bordeaux-Jahrgänge sind, die ich in meiner Karriere degustiert habe", lässt Robert Parker ausrichten. Da bin ich aber gespannt! Mit mir haben jetzt noch gut zweihundert Weininteressierte degustiert, notiert, geprüft, gespuckt und beurteilt. Wenn man die Ohren spitzt, kann man sogar Urteile erhaschen: von phantastisch bis enttäuschend, von ahhh und ohhh bis puhh. „Ce ne sont que des échantillons“ (dies sind nur Muster), betonen die Vertreter der Weingüter immer wieder.
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Fasskeller auf Chateau Troplong-Mondot. Hier schlummert noch lange der Jahrgang 2010.
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Philippe Magrez von Pape-Clement, mit dem ich mich auf ein kurzes Gespräch eingelassen habe, zückt aus einem goldenen Döschen seine Visitenkarte: „Wenn Sie wirklich wissen wollen, wie die Weine sind, müssen Sie uns in zwei Jahren auf dem Château besuchen.“ Doch davon will im Augenblick niemand etwas wissen. Das große Bordeaux-Geschäft hat jetzt begonnen, heute und auch hier. The show must go on!
Dem Hotel „Palace“ – wo die Degustation stattgefunden hat – entronnen, zurückgekehrt aus der Plüschwelt der Nobelherberge in den Alltag, ins Menschen-Gewühl am Bahnhof, steigen wieder einmal Zweifel auf: Ist dies die Weinwelt? Meine Weinwelt? Kaum habe ich die Heimfahrt angetreten, öffnet sich vor mir ein Rebpanorama, eine der schönsten Landschaften der Schweiz, das Lavaux. Das Wetter spielt mit, zwar leichter Dunst, doch herrlicher Sonnenschein. Die fast noch kahlen Reben sind erst von einem hellen, leuchtenden, jungen Grün angehaucht. Noch dominiert das Braun-Grau die Rebberge, die sich bis hinab zum dunklen Blau des Genfer Sees ausbreiten.
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Lavaux - das Weingebiet über dem Genfer See.
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Die Hoffnung auf ein gutes Rebjahr ist zu spüren, die Hoffnung auf einen köstlichen Jahrgang klopft leise an: Noch ist es eine ungetrübte Hoffnung, ein leiser, unbeschwerter Start. Das Frühlingserwachen im Weinberg ist für mich rasch vorbei: der Zug taucht ein in den Tunnel, entschwindet zur anderen Seite des Berges, in eine Landschaft der satt-grünen Wiesen, weidenden Kühe, unbestellten Äcker. Nur die weissen Berggipfel am Horizont sind geblieben.
Ich greife nach einem Wein-Prospekt, der schon lange auf meinem Pult gelegen hat, und den ich am Morgen eingepackt habe, für den Fall, dass es im Zug langweilig wird. „Wein Entdecken – der Mut zum Abenteuer Neubeginn: M’Hudi Wines.“ Und schon tauche ich ein, in eine nun ganz andere Weinwelt: Südafrika.
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Das Weingebiet in Stellenbosch, Südafrika.
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M’Hudi soll eines der ersten Weingüter sein, das ganz im Besitz einer farbigen Familie ist. Allein schon dies erweckt mein Interesse. Diale Rangaka, Professor für englische Literatur, und seine Frau Malmsey haben sich einen Traum erfüllt und vor neun Jahren ein Weingut in Stellenbosch erworben. Fast exotisches Beispiel eines Quereinsteigers als Winzer, nicht irgendwo, abgelegen auf dem Land, sondern mitten im Herzen südafrikanischer Weinbautradition. Ein Schwarzer, ein Schöngeist, der – wie er selber sagt - von Weinmachen keine Ahnung hatte, unter selbstbewussten weissen Siedlern, die den Ruf vom „Kap des guten Weins“ begründet haben. Wenn das nur gut geht!
Inzwischen ist bekannt: Es ist gut gegangen. Die Familie Rangaka – zwei Söhne und eine Tochter sind ebenfalls ins Wein-Unternehmen eingestiegen – machen gute Weine. Weine, die bereits international Anerkennung gefunden haben. Anfänglich war es vielleicht die abenteuerliche Geschichte der Familie Rangaka, die das Weingut bekannt gemacht hat.
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Die Winzerfamilie. (© Rangaka)
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Heute sind es eher die Qualität der Weine und die die Philosophie, die hinter der Weinproduktion steckt: „Unsere Weine sollen unkompliziert sein und einfach Freude bereiten“, so fasst Lebogang Rangaka das Motto des Weinguts zusammen (siehe Video). Freude bereiten? Ein Aspekt, den ich vor gut zwei Stunden – bei der Fassproben-Bordeaux-Tour – kaum angetroffen habe. Da ging es um Raffinesse, um Wucht, um Einmaligkeit, um Preise und Vermarktung. „Wow“, war wohl der häufigste Ausdruck, das Universalwort für alles, was an Urteil nicht in Worte zu fassen ist. Bewertet wird da nicht der Genuss, sondern das Potenzial, das mutmaßliche Genusspotenzial als Eichgrösse für das Geschäft im Genussimperium Bordeaux. Ich bin froh, nach der Fahrt quer durch die Schweiz wieder zu Hause zu sein. Denn jetzt kann ich die Notizen weglegen und das tun, was ich bei gut 60 Weinen eigentlich tun wollte: genießen. Es blieb aber bei der schon fast krampfhaften Suche nach vagen Genuss-Möglichkeiten für spätere Jahre, ohne Garantie. Ich greife zu einer Flasche, die neben dem Werbeprospekt auf meinem Pult gestanden hat, Merlot 2009 vom Weingut M’Hudi, Stellenbosch.
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Wein-Entdecken - Im Glas Merlot 2009 von M'Hudi, Stellenbosch.
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Ich tauche ein, in eine andere Weinwelt als noch vor ein paar Stunden: weich, würzig, mittlerer Körper, nicht zart oder gar gebrechlich; aber auch nicht vollbusig oder muskulös wie so viele Weine auf der Bordeaux-Probe. Geschmeidig ist er, dieser M’Hudi-Wein, begleitet von einer dezenten Holznote. Die Tannine sind abgeschliffen und bereiten den Aromen und dem leicht pfeffrigen Bukett ein behagliches Bett.
Während ich so schnüffle und teste, trinke und genieße, fällt mein Blick auf einen anderen Prospekt auf dem Pult: „Hier ist er: der Hammerwein 2010 zum Hammerpreis… aus der Toscana.“ Dafür habe ich im Augenblick nur ein müdes Lächeln. Es braucht eben keinen Hammer und keinen Hammerpreis und auch keinen Jahrhundertwein. Vielleicht aber braucht es „den Mut zum Abenteuer Neubeginn...“
Herzlich
Ihr/Euer