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Weine, die zum Winter passen Gefühlsweine

Artikel
28.02.2012

Weine, die zum Winter passen

Gefühlsweine

Nun hat der Winter Europa doch noch fest in Griff genommen: Kälte, Eis und Schnee bis in die Niederungen. Nicht nur warme Stuben, auch warme Getränke sind gefragt, mit und ohne Alkohol: Grog, Tee, Punsch, ja selbst der Glühwein hat die Weihnachtstage überlebt. Wärme wird gesucht. Auch beim Wein? Tatsächlich stellt sich die Frage: Was trinkt der Weinliebhaber im Winter, wenn es draußen kalt ist und der Schnee liegen bleibt? Wein ist ein Kind der Sonne und nicht der Kälte.

Eis und Schnee in den Schweizer Bergen (Foto: P. Züllig)

Das habe ich mir bisher noch nie so richtig überlegt. Wein zum Essen hat doch nichts mit der Temperatur im Freien zu tun und schon gar nichts mit Eis und Schnee, die ja draußen geblieben sind. Und doch: Wein wird bewusst oder unbewusst auch mit Gefühlen, mit Stimmungen in Verbindung gebracht, mit Sonne, Licht und Wärme genauso wie mit Kälte, Schnee und Eis. Es gibt ganz offensichtlich Weine, die mehr zu der einen oder zu der anderen Stimmung passen. Ein Spaziergang in klirrender Kälte und bei knirschendem Schnee unter den Sohlen, ein Ski- oder Snowboard-Vergnügen oder auch nur ein Blick durch das Fenster auf eine verschneite Landschaft – all das beeinflusst die Weinwahl mehr, als wir uns bewusst sind. Es gibt so etwas wie Winterweine; es sind Weine, die zum Winterzauber passen oder auch trüben, nasskalten Wintertagen trotzen können. Doch haben sie auch Namen, diese Weine, kann man ihre Eigenschaften definieren, sind es bestimmte Rebsorten, die sich besonders gut anstellen?

Winterzauber. Welcher Wein passt zu dieser Landschaft? (Foto: P. Züllig)

Vielleicht ist jede Aussage dazu gewagt, vielleicht verknüpft jeder Weintrinker, jede Weintrinkerin Winterstimmungen mit anderen Gefühlen. An einem kalten Wintertag – minus 16 Grad – wandern wir zu Fuss auf einem verschneiten Waldweg zu einem abgelegenen Gasthaus, um dort einen Geburtstag zu feiern: wunderbare Hausmannskost, Spezialitäten der Gegend. Ich muss (oder darf) den Wein auswählen. Mir ist sofort klar: ein einheimischer muss es sein! Das Angebot ist nicht groß, doch ein Bündner ist das Richtige, natürlich einer aus der Herrschaft. Den einen Wein – Pinot Noir natürlich – kenne ich: von einem hervorragenden Winzer, ein guter Jahrgang, ein ausgezeichneter Wein. Und doch – er vermag uns einfach nicht zu begeistern, obwohl er zur Speise passt. Was ist los? Da erst ist mir so richtig bewusst geworden, Weingenuss hat auch sehr viel mit Stimmung zu tun – mit Wetter, Landschaft, Natur. Draußen: ein Wintermärchen. Es ist zwar eisig kalt – doch die Landschaft ist verzaubert, eine einsame Gegend am Fuß von weisßn Bergen, vom Mondschein erhellt, darüber – glasklar und glitzernd – der Sternenhimmel. In der Gaststube viel Ofenwärme, durch Kleider und Kälteschutz wirken die Stimmen gedämpft, nicht einmal die Gläser erklingen so richtig beim Anstoßen. Man rückt zusammen, man schätzt es, dass die Gaststube eng ist, wirklich eine warme Stube.

Heimelige Gaststube in einem Bergrestaurant (Foto: P. Züllig)

Glossar zum Thema
In dieser Stimmung – so glaube ich intuitiv zu erfassen – hat ein filigraner Pinot keine Chance. Mir kommen Farben in den Sinn. Spricht man nicht bei den Farben auch von Farb-Temperaturen, von „warmen“ und „kalten“ Farben? Das hat mit Wärme, gemessen mit Celsius oder Fahrenheit, gar nichts zu tun, mit Wahrnehmung und Gefühlen aber schon. Könnte dies nicht auch beim Wein der Fall sein, irgendwie eine Rolle spielen bei unserem Empfinden? Je mehr ich darüber nachdenke, desto gewagter, aber auch stimmiger werden meine Vergleiche. Ein Champagner oder Sekt würde recht gut zur Stimmung passen, mit seiner perlenden, hellen, glitzernden Pracht käme ein Stück von draußen nach innen. Obwohl eigentlich niemandem jetzt nach einem kühlen Getränk zumute ist. Die Idee Champagner wird akzeptiert. Sozusagen „Schneechampagner“ in der guten Stube. Doch dann wird es schwieriger: ein Pendant zur warmen, wohligen Stimmung bei Rotwein zu finden. Der Pinot ist definitiv die falsche Wahl. Da kommt mir der „Veltliner“ in den Sinn; ein Wein (meist Nebbiolo), der unmittelbar im Süden des Kantons Graubünden von Tirano bis zum Comersee angebaut wird und der den Ruf hat, ein „Bergwein“ zu sein. Wunderbar in einer Berghütte auf zwei-, dreitausend Metern Höhe zu trinken, wenn es draußen Nacht wird, die Sonne längst verschwunden ist und die Winde um die Hütte pfeifen: ein „warmer“ Wein, der nicht nur die Kehle wärmt, auch die Herzen.

Champagner oder Rotwein, ist ein Pinot der passende Wein? (Quelle: P. Züllig)

Und dann, aus der gleichen Gegend, die Spezialität, der Sforzato. Gewonnen aus Trauben, die auf dem Holzrost ausgelegt werden. Ein üppiger, alkoholstarker, trockener Wein. Ein echter „Höhenwein“, der schon auf so mancher Skitour – nicht immer wohltuend – nachgewirkt hat. Ich gerate immer mehr ins Sinnieren, durchstreife im Geiste Aromen, Gefühle, Ich sitze – gottlob nur in meiner Vorstellung – auf der Bank am Waldrand, unter verschneiten Tannen, hoch über mir Berge im bläulichen Mondlicht, noch weiter oben der Sternenhimmel. Da steige ich – natürlich nur in Gedanken – in den Keller, suche nach den ältesten, verstaubtesten Flaschen und bin überzeugt: Ein Winterwein muss ein alter Wein sein, ein reifer Wein, ein runder, abgeklärter Wein, der die Stürme eines Weinlebens längst hinter sich hat.

Die Darstellung der Jahreszeiten in mittelalterlichen Bildern – kürzlich bestaunt im Museum – tauchen auf. Da wird der Winter immer wieder durch einen Greis versinnbildlicht, der einen Becher in der Hand hält, oft einen Siegeskranz auf dem Kopf trägt. Natürlich auch eine Anspielung auf den Tod – aber auch auf die innere Wärme, die Reife, die Abgeklärtheit, die Vollendung. Für mich gibt es seither einen „Winterwein“: Er trägt die Spuren des Frühlings, des ungestümen Wachsens, der Reife in sich. Er hat sich aber so sehr beruhigt, ist so sehr abgeklärt und in sich ruhend, dass er „Wärme“ ausstrahlt. Jene innere Wärme, die man gerade im Winter – wenn es draußen bissig kalt ist – sucht und auch im Wein finden kann. Womöglich viel prägnanter als in „warmen“ Farben oder gar warmen Getränken.

Warm und kalt – nicht nur in der Natur, auch bei der Weinwahl (Foto: P. Züllig)

Wärme ist für mich spätestens nach diesem Wintererlebnis nicht nur eine Frage der Temperatur, vielmehr eine Frage des Spürens und Erlebens. Deshalb gibt es für mich den „warmen“ Wein, auch wenn er nicht so einfach zu definieren und schon gar nicht einer Rebsorte oder einem Weingebiet zuzuordnen ist. Nicht einmal einem bestimmten Alter. Vielmehr der Bereitschaft der Weinliebhaber, die „Wärme“ zu spüren.

Herzlich
Ihr/Euer


Peter Züllig
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