Weinerzeugung - Technik oder Romantik?
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Weinerzeugung - Technik oder Romantik?
Über kaum ein Thema wird dermaßen verträumt und schönmalerisch geschrieben wie über die Herstellung von Wein. Dabei ist die Erzeugung von Wein heutzutage ein hochtechnischer Vorgang, der leider nur wenig mit der Weinromantik zu tun hat.
Wenn ich im Folgenden die Erzeugung von Wein beschreibe und dabei auch Verfahren beim Namen nenne, die meistens verschwiegen werden, laufe ich natürlich Gefahr, dem Image des Weins zu schaden. Ich hoffe nicht, dass dies passiert. Ich meine, dass bestimmte Auswüchse bei der Technisierung der Weinerzeugung nur verhindert werden können, indem man diese klar benennt und Aufklärung betreibt.
Es beginnt mit dem Rebstock
Die für unseren Wein verwendeten Reben haben mit der Wildrebe nicht mehr viel gemeinsam. Unsere Weinreben sind das Resultat einer Jahrhunderte langen Züchtung. Dabei werden im Wesentlichen gewünschte Eigenschaften selektiert und für die weitere Vermehrung verwendet. Oft werden dazu auch Mutationen ausgenutzt, d.h. sprunghafte Veränderungen von Eigenschaften, die dann multipliziert werden. Das Resultat ist eine heute bestehende gigantische Vielfalt von Rebsorten.
Züchtung kann auch bedeuten, aus zwei bestehenden Rebsorten durch Kreuzung eine völlig neue Rebsorte zu erzeugen. In diesem Fall spricht man auch von Neuzüchtungen.
Müller-Thurgau, Scheurebe, Huxelrebe, usw. sind bekannte Beispiele für Neuzüchtungen.
Alles in allem geht man heute von mehreren zehntausend Rebsorten aus.
Neue Füße braucht die Rebe - Pfropfreben
Eine gefährliche Blattlaus mit dem Namen Reblaus sorgte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa für eine Katastrophe. Ein Großteil aller Rebbestände wurde in dieser Zeit durch die Reblaus zerstört.
In Amerika dagegen gibt es die Reblaus schon seit Jahrmillionen. Die Rebstöcke dort haben eine Resistenz gegen die Reblaus ausgebildet und sind gegen sie völlig immun.
Die Reblaus zerstört die Wurzeln der Rebe, nicht das Blattwerk oder die Trauben. Ende des 19. Jahrhunderts begann man, die europäischen Reben auf die resistenten Unterteile der Amerikaner-Reben aufzupfropfen (Veredelung).
Was wir heute bis auf sehr sehr wenige Ausnahmen (wurzelechte Reben) in den Weinbergen finden, sind also auf diese Weise veredelte Reben.
Auch die Rebe will erzogen werden
Wenn man die Reben im Weinberg einfach natürlich wachsen lassen würde, käme dabei wohl kaum ein anständiger Wein heraus. Stattdessen wird der Wuchs der Rebe im Weinberg stark beeinflusst. Durch regelmäßiges Schneiden, Binden, Biegen etc. wird die Rebe in genau vorgegebener Form an Kletterhilfen erzogen.
Es gibt, je nach klimatischen Gegebenheiten und Tradition, die unterschiedlichsten Erziehungssysteme.
Zur Erziehung gehört es, zumindest bei qualitätsorientierten Erzeugern, auch die Menge der Trauben pro Weinstock zu begrenzen. Das fängt schon mit dem Winterschnitt an, mit dem dem Weinstock nur eine begrenzte Anzahl von Knospen belassen wird. Weiter geht es weiter mit dem Ausdünnen im Sommer, wenn noch einmal überschüssige Trauben abgeschnitten werden. Je weniger Trauben pro Rebstock heranwachsen, desto mehr kann sich die Rebe auf diese Trauben konzentrieren. Das führt zu einer deutlichen Qualitätsverbesserung der Beeren, aber natürlich auch zu geringeren Erträgen des Winzers.
Ohne Chemie geht es im Weinberg nicht
Wenn wir uns in einer Weinregion befinden und unseren Blick über die Weinberge schweifen lassen, schlägt unser Herz höher. Wir sehen Rebstock neben Rebstock, Rebe neben Rebe. So schön das auch ist, wir sollten nicht vergessen, dass es sich hier um eine gigantische Monokultur handelt.
Derartige Monokulturen bedürfen eines hohen Maßes an Düngung und sind sehr anfällig gegen tierische Pflanzenschädlinge.
Weitere Feinde für die Rebe sind neben diesen tierischen Schädlingen Bakterien, Viren und diverse Pilzarten. Letztere befallen insbesondere die Traube selbst.
Ohne den Einsatz von Bioziden hätte der Winzer keine Chance gegen all diese Bedrohungen, und wir hätten keine Freude am Wein.
Vom Weinberg in den Keller - Die Lese
Irgendwann ist endlich die Traube so weit. Entweder ist sie optimal reif, oder sie muss gelesen werden, weil ansonsten die Fäule nicht mehr zu beherrschen wäre.
Der Lesezeitpunkt hängt natürlich auch davon ab, welchen Weintyp der Winzer anstrebt. Bei einem Eiswein muss er entsprechend niedrige Außentemperaturen abwarten. Das ist immer ein Glücksspiel. Aber auch hier kann etwas "nachgeholfen" werden: Folien, mit denen der Weinberg abgedeckt wird, oder Spritzmittel zur Verhinderung einer bei Eiswein eigentlich unerwünschten Botrytis, helfen die Wartezeit zu überstehen.
Selbst ein künstliches Frieren der Trauben ist denkbar und in einigen Ländern, z.B. Kalifornien, auch erlaubt und in der Praxis anzutreffen.
Die Weinlese ist in den Weinbaugebieten eine jährliche Attraktion. Scharen von Weintouristen kommen dann in die Region, um zuzusehen oder auch mitzuhelfen, den Wein in den Keller zu bekommen und dafür mit einem Federweißen, Sauser, Bremser - oder wie immer der noch gärende Traubenmost in den Regionen genannt wird - belohnt zu werden.
Auch hier spielen Maschinen eine mittlerweile unverzichtbare Rolle. Es wäre wohl kaum möglich, sämtliche Trauben durch Handlese zu ernten. Die Maschine macht das viel schneller, mit geringerem Personaleinsatz und zumindest für Massenweine genauso zuverlässig. Ein Vorteil der maschinellen Lese ist nicht zu vergessen: Die Lese kann wegen der höheren Geschwindigkeit gerade bei unbeständiger Witterung kurzfristig und zum bestmöglichen Zeitpunkt durchgeführt werden.
Lediglich die besseren Qualitäten sowie Trauben aus für den Maschineneinsatz zu steilen Weinbergen werden mit der Hand gelesen. Auslese (in den meisten Anbaugebieten) und höhere Prädikate müssen in Deutschland sogar von Hand gelesen werden. Die Handlese hat den Vorteil, dass selektiv in mehreren Durchgängen mit zeitlichem Abstand nur die jeweils dann reifen Trauben gelesen (oder auch die faulen herausgelesen) werden können, so dass auch bereits während der Lese eine erste Selektion des Traubenguts möglich ist.
Nach dem Abschneiden der Trauben vom Weinstock gelangen sie hoffentlich schnell und ohne Beschädigungen in den Pressraum. Die Größe der Sammelgefäße spielt eine wesentliche Rolle dabei, ob die Beeren unversehrt bleiben.
Einige wenige Erzeuger machen sich die Mühe, die Trauben kurz vor dem Pressen noch einmal zu selektieren. Unbrauchbare Trauben werden weggeworfen. Manchmal geht das sogar so weit, dass aus den Trauben selbst noch faule und kranke Beeren herausgeschnitten werden.
Weg mit den Stielen und Kämmen
Das Abbeeren (oder Entrappen) dient dazu, die Trauben von den Stielen zu trennen.
Bei der Weißweinerzeugung entfällt das Entrappen, wenn die sogenannte Ganztraubenpressung angewandt wird, bei der die Trauben komplett einschließlich der Kämme und Stiele gepresst werden. Das ist aber ein eher seltenes Verfahren.
Bei der Rotweinerzeugung können die Stiele und Kämme bei der konventionellen Maischegärung mitgekeltert oder vorher durch Abbeeren entfernt werden. Bei der sogenannten Kohlensäure-Maischung (Macération carbonique) werden die unverletzten Trauben im Ganzen vergoren.
Zuerst nur sanfter Druck - Anquetschen
Sofern die Beeren nicht bereits beim Entrappen oder während der Lese in speziellen Maischewagen gemahlen wurden, werden die Trauben jetzt durch leichten Druck angequetscht, um die Beerenhäute aufplatzen zu lassen (was bei der Ganztraubenpressung entfällt). Die resultierende Maische muss spätestens zu diesem Zeitpunkt geschwefelt werden, um eine vorzeitige, wilde Gärung oder eine Oxydation zu vermeiden.
Weniger ist mehr - Entsaften der Rotweinmaische
Nach dem Anquetschen lässt sich der bereits auslaufende Saft trennen (Saftentzug). Dieser Saft hat im Vergleich zum später entstehenden Saft weniger Farbstoffe und Tannin. Auf der anderen Seite verbleibt aber im restlichen Most ein höherer Farbstoff- und Tanninanteil, was im Ergebnis kräftigere Rotweine bringt.
Der in diesem frühen Stadium entzogene Saft kann zur Erzeugung von Roséwein oder zur Erzeugung von weißem Wein aus Rotweintrauben (darf in Deutschland nicht Weißwein genannt werden und wird daher häufig als Blanc de Noirs bezeichnet) verwendet werden.
Bei Weißwein hat dieses Verfahren eine geringere Bedeutung.
Raus mit den Mufftönen - Maischeschönung
Schon die Maische kann durch chemische Behandlungsmethoden von unliebsamen Eigenschaften befreit werden.
Ein wenig mehr Geduld - Kaltmazeration, Einmaischen
Um bei Rotwein (und teilweise auch bei Weißwein) den Schalen zusätzliche Aromen und Farbstoffe zu entziehen, kann die Maische gekühlt und so eine zeitlang stehen gelassen werden, ohne dass die Gärung einsetzt.
So entstehen Blender - Maischeerhitzung
Die bei Rotwein teilweise angewandte Maischeerhitzung verstärkt die Farbstoffextraktion aus dem Most, führt also zu einer dunkleren Farbe des fertigen Weins.
Die Maische wird zu diesem Zweck auf Temperaturen von ca. 60 °C bis 85 °C erhitzt. Ein anderer Grund für die Maischeerhitzung ist, dass dadurch eventuell vorhandene Keime abgetötet werden, was die Gärung risikoloser macht.
Anschließend wird, im Gegensatz zur konventionellen Rotweinerzeugung, der Most von der Maische abgepresst und erst dann vergoren. Das Verfahren ist also einfacher zu handhaben als die bei Rotwein sonst übliche Vergärung auf der Maische.
Die Aromenstruktur der Weine wird durch dieses Vorgehen verändert, weshalb die Maischeerhitzung von vielen Weinfreunden abgelehnt wird.
Ab in die Presse - Keltern
Für den eigentlichen Pressvorgang gibt es unterschiedliche Technologien. Allen gemeinsam ist, dass ein mechanischer Druck auf die Maische den Saft von den Feststoffen trennt. Verbreitet sind die Spindelkelter, die Schneckenpresse, die Schlauchpresse, die alte Korbpresse sowie die modernen pneumatischen Pressen. Letztere ermöglichen eine sehr feine Regulierung des auszuübenden Drucks, so dass unerwünschte Bestandteile aus der Schale oder aus den Kernen (bzw. aus Stielen bei der Ganztraubenpressung) nicht herausgelöst werden.
Weißwein wird auf jeden Fall vor der Gärung gepresst, Rotwein dagegen in der Regel erst nach der Gärung (was nicht für das Verfahren der Maischeerhitzung gilt).
Zusatz von Enzymen
Enzyme spielen bei den Stoffwechselvorgängen im Rahmen der Weinbereitung eine wesentliche Rolle. Ein Zusatz von Enzymen kann die Aromen- und Farbausbeute steigern. Auch zur Beseitigung von Klärschwierigkeiten lassen sich dem Most oder dem fertigen Wein Enzyme zusetzen.
Raus mit den Trubteilen - Klären des Mosts
Insbesondere Most für Weißwein muss vor der weiteren Verarbeitung (d.h. in der Regel Vergärung) geklärt werden. Das geschieht, indem die Maische entweder einfach in einem Klärbehälter stehen gelassen wird, damit sich Trubteile absetzen, oder auch durch Mostschönung, den Zusatz von Enzymen, Filtration, den Einsatz von Zentrifugen oder eine Kombination mehrerer Verfahren.
Auch die Verwendung von Aktivkohle ist z.B. zum Entfernen von Fehltönen sowie zur Farb- und Gerbstoffkorrektur möglich.
Konzentration durch Umkehrosmose
Mit Hilfe der Umkehrosmose wird dem Most Wasser entzogen. Dadurch steigt der relative Anteil der restlichen Stoffe (Extrakt) an, was schließlicheinen konzentrierteren Wein ergibt. Bei der Umkehrosmose wird der Most durch eine halbdurchlässige Trennwand von einer Kammer mit Wasser getrennt. Durch Erhöhen des Drucks in der Kammer mit dem Most wandern die Wassermoleküle im Most in die Kammer mit dem Wasser.
Dieses Verfahren erfreut sich zunehmender Beliebtheit bei den Weinproduzenten in der ganzen Welt.
Konzentration durch Vakuumdestillation
Auch die Vakuumdestillation entzieht dem Most Wasser und führt somit zu einer Konzentration des Weins.
Ausgenutzt wird, dass der Siedepunkt von Wasser bei niedrigen Drücken sinkt. Bei einem Druck von 0,03 bar siedet (also verdampft) Wasser im Most schon bei einer Temperatur von etwa 25 °C. Der entstehende Dampf wird an gekühlten Flächen kondensiert und auf diese Weise entzogen.
Turboeiswein - Kryoextraktion (Gefrierkonzentration)
Mostkonzentration durch Kryoextraktion ähnelt dem Prinzip der Eisweinerzeugung.
Werden wasserhaltige Lebensmittel langsam unter 0 °C abgekühlt, bilden sich reine Eiskristalle, und die übrigen Bestandteile konzentrieren sich. Das Trennen der Eiskristalle von der Restflüssigkeit nennt man Gefrierkonzentrieren.
Die Gefriertemperatur der Weintrauben beginnt bei ca. -2 °C.
Die Trauben müssen kalt (unter 0 °C) gepresst werden, damit sich der konzentrierte Saft nicht wieder verdünnt.
Nachholen, was die Natur nicht geschafft hat - Chaptalisierung
Bei der Gärung wird der Fruchtzucker in Alkohol und CO2 umgewandelt. Wenn der Fruchtzucker nicht ausreicht, kann dem durch Zusetzen von Rohr- oder Rübenzucker zum Most vor Beginn der Gärung nachgeholfen werden.
In Deutschland ist die Chaptalisierung (Anreicherung) bei Prädikatsweinen (also Kabinett, Spätlese etc.) nicht zulässig.
Die Hauptsache bei der Weinbereitung - Gärung
Gären bedeutet, Zucker in Alkohol, CO2 und Wärme umzuwandeln. Dies ist die Aufgabe von Hefen. Hefen sind im Most in natürlicher Form vorhanden, wenn sie nicht durch einige der oben beschriebenen Maßnahmen abgetötet wurden.
Kaum noch ein Erzeuger verlässt sich jedoch bei der Gärung auf diese natürlichen Hefen. Im Gegenteil: Oft werden diese vor der Gärung gezielt durch Sterilisation des Mostes abgetötet, um dann mit Hilfe von künstlich zugesetzten Reinzuchthefen den Wein viel kontrollierter vergären zu können.
Reinzuchthefen werden, wie der Name schon sagt, gezüchtet. Dabei werden bestimmte Eigenschaften der Hefen gefördert. Diese Eigenschaften können Einfluss auf das Gärverhalten haben (wirksamer Temperaturbereich, Empfindlichkeit gegenüber Zucker, Alkohol, Kohlendioxid etc.). Die Hefen bestimmen auch weitreichend das Aroma des späteren Weines. Mit Hilfe von entsprechend gezüchteten Hefen lässt sich heute die aromatische Prägung des Weins weitreichend beeinflussen.
Der Zusatz von Gärhilfsstoffen und Hefenährsalzen kann die Arbeit der Reinzuchthefen unterstützen.
Ein wichtiger Faktor bei der Gärung ist die Temperatur. Traditionell war die Gärtemperatur mehr oder weniger selbstregelnd und von der Kellertemperatur abhängig. In modernen Kellern können die Gärbehälter gekühlt werden bzw. die Temperatur wird automatisch geregelt. Das ermöglicht eine kühle (und langsamere) Vergärung. Auch die Größe der Gärbehälter kann einen erheblichen Einfluss auf die Gärtemperatur ausüben: je kleiner sie sind, desto geringer ist die Gärtemperatur. Die Gärtemperaturen und die damit verbundenen Gärzeiten haben großen Einfluss auf den Stil des Weines. Jeder Erzeuger hat hier seine eigene Philosophie.
Turbo-Holzfass - Künstliche Mikrooxidation (Hyperoxidation)
Durch Einblasen von kleinen Sauerstoffpartikeln in den Wein (was insbesondere bei Rotwein angewandt wird) wird der Effekt simuliert, der normalerweise erst durch Ausbau im Holzfass entsteht. Der Wein bzw. die im Wein enthaltenen Gerbstoffe werden dadurch geschmeidiger.
Malolaktische Gärung (Biologischer Säureabbau)
Die zweite oder malolaktische Gärung wird nicht durch Hefen, sondern durch Bakterien (Milchsäurebakterien) verursacht. Bei dieser Gärung wird spitze Äpfelsäure in die weichere Milchsäure umgewandelt.
Bei Rotwein ist die malolaktische Gärung immer erwünscht. Kommt sie nicht zustande, kann sie durch den künstlichen Zusatz von Milchsäurebakterien initiiert werden.
Bei Weißwein hängt es vom gewünschten Weinstil und den regionalen Traditionen ab, ob eine malolaktische Gärung durchgeführt wird.
Die meisten deutschen Weißweine erfahren z.B. keine zweite Gärung, weiße Barriqueweine machen dagegen meistens zumindest teilweise eine malolaktische Gärung durch.
Chemie hilft mit - Schönen
Danach wird der Wein, also der vergorene Most, geschönt, d.h. er wird von unerwünschten Eigenschaften befreit. Das kann auf mechanischem Weg geschehen (filtern oder absetzen lassen) oder auch auf chemischem Weg. Durch chemische Schönung können z.B. Eisen, Schwermetalle, Schwefel, Gerbstoffe oder einfach nur Stoffe, die durch eine vorangegangene Schönung zugesetzt wurden, dem Wein entzogen werden. Viele Weinfehler werden durch entsprechende Schönung beseitigt, so z.B. Böckser.
In Deutschland sind z.B. die folgenden Klärmittel zugelassen: Bentonit, tierisches Eiweiß, Hausenblase, Kaolinerden, Kasein, Kieselsol, Speisegelatine und Tannin.
Der ist mir zu sauer - Entsäuerung
Zu viel Säure wird durch Entsäuerung beseitigt. Das geschieht durch Zusatz von Calciumcarbonat oder Kaliumcarbonat, wodurch Weinsäure als Salz (Tartrat) ausgefällt wird, aber auch durch die malolaktische Gärung (siehe oben).
Der notwendige Unsinn - Weinstein ausfällen durch Kaltstabilisierung
Leider hat es sich noch nicht bei allen Verbrauchern herumgesprochen, dass Weinstein im Wein kein Qualitätsmangel ist. Daher wird der Weinstein vor der Abfällung oft künstlich ausgefällt. Das kann im einfachsten Fall durch Abkühlen des Weins für mehrere Tage bis knapp über den Gefrierpunkt erreicht werden. Zur Unterstützung kann Kontaktweinstein zugesetzt werden.
Die Zugabe von Metaweinsäure (hergestellt durch Veresterung von Weinsäure) zum Wein vor der Abfüllung verhindert ebenfalls für einige Monate die Abscheidung von Weinsteinkristallen. Weinstein ist nichts anderes als das geschmacks- und geruchsneutrale, gesundheitlich völlig unbedenkliche Salz der Weinsäure.
Barrique für arme Leute - Ausbau im Holzfass
Der Ausbau des Weins erfolgt heute hauptsächlich im Edelstahltank, im großen oder im kleinen Holzfass.
Der Ausbau im Edelstahltank führt zu reduktiven, frisch-fruchtigen Weinen. Der Ausbau im großen Holzfass führt zu einem anderen Weinstil, da durch die ständige, minimale Luftzufuhr durch die Holzwände eine Mikrooxidation stattfindet, was den Wein haltbarer und geschmeidiger macht.
Das kleine Holzfass (Barrique) hat neben diesem Effekt noch die Eigenschaft, dass es Holzaromen und zusätzliche Tannine an den Wein abgibt. Der Wein wird also im Idealfall komplexer.
Mittlerweile werden in einigen Ländern auch Verfahren praktiziert, die ebenfalls diese Auswirkung haben, aber wesentlich kostengünstiger sind: Dabei werden dem Wein spezielle Holzchips beigefügt, während er ansonsten im Edelstahltank oder im großen Holzfass ausgebaut wird. Das geht schneller und ist billiger als der Ausbau in Barriquefässern. Das Problem: Nachweisbar ist diese Methode im fertigen Wein nicht.
Gegen Schnupfen? - Zusatz von Ascorbinsäure
Bei Ascorbinsäure handelt es sich um reines Vitamin C. Dieses kann dem Wein vor der Abfüllung zugesetzt werden, um dessen Säuregehalt und damit auch das Alterungspotential zu erhöhen.
Im manchen Ländern ist auch der Zusatz von Weinsäure zulässig und wird dort gegebenenfalls praktiziert.
Frisch soll er sein - Zusatz von Kohlensäure
Weine mit Kohlensäure wirken frischer und lebendiger. Dieser Effekt ist bei jungen Weißweinen manchmal erwünscht. Sofern nicht noch von der Gärung Kohlensäure im Wein vorhanden ist, kann ihm diese vor der Abfüllung künstlich zugesetzt werden.
Drinlassen oder Zugeben? - Restzucker
Restzucker ist insbesondere in manchen Weißweinen erwünscht.
Die Hefen arbeiten in der Regel so lange, bis entweder der in den Trauben vorhandene oder zugesetzte Zucker vollständig in Alkohol umgesetzt ist oder der Zucker- und/oder Alkoholgehalt so hoch wird, dass die Hefen ihre Arbeit einstellen.
Will man leichte, restsüße Weine erzeugen, kann man die Gärung durch Kühlung oder Zugabe von SO2 künstlich abstoppen. Oder man kann den Wein durchgären lassen und anschließend die sogenannte Süßreserve zusetzen, um den Wein nachträglich wieder zu süßen. Bei der Süßreserve handelt es sich um unvergorenen (also süßen) Traubenmost, der durch Sterilisation vor einer unerwünschten Gärung geschützt wurde.
Verbreitet ist heute das zweite Verfahren (Süßreserve), aber auch das Abstoppen der Gärung wird vor allem von qualitätsbewussten Erzeugern durchgeführt.
Jetzt wird gemischt - Verschnitt
Während in den meisten Ländern der Verschnitt von mehreren Rebsorten durchaus üblich ist, hat Deutschland eine andere Tradition: Hier werden hauptsächlich reinsortige Weine verkauft.
Verschnitten werden in der Regel nicht die Trauben oder der Most, sondern erst der fast fertig ausgebaute Wein.
Verschnitten werden auch Weine unterschiedlicher Herkunft oder aus unterschiedlichen Jahrgängen. In Deutschland dürfen bis zu 15 % des Weins aus anderen Rebsorten, Lagen oder Jahrgängen stammen als auf dem Etikett angegeben. Dazu kommt gegebenenfalls die Süßreserve, so dass in Summe bis zu 25 % des Weins aus anderen Lagen, Jahrgängen oder Rebsorten stammen dürfen.
Zum guten Schluss - Abfüllung
Bei der Abfüllung ist Sterilität besonders wichtig, um Verunreinigungen, die z.B. in der Flasche zum Nachgären führen können, zu vermeiden.
Meistens wird aus diesem Grund unter Schutzgas (Stickstoff oder Kohlendioxid) abgefüllt. Oft erfolgt auch eine Heißabfüllung, bei der der Wein während des Füllens auf 55 °C erhitzt wird, um ihn steril zu halten.
Schlussbemerkung
Viele der oben geschilderten Verfahren, egal ob technischer oder chemischer Natur, klingen nicht so, als könnte man den so erzeugten Wein wirklich guten Gewissens trinken. Ich glaube, das wäre ein Trugschluss. Die genannten Verfahren sind erprobt und zulässig. Eine chemische Verunreinigung des Weines müssen wir nicht fürchten, solange sich die Erzeuger an die Gesetze halten.
Ich jedenfalls trinke gerne meinen Wein und habe keinerlei Angstneurosen. Ich hoffe, Ihnen wird es auch weiterhin so gehen!
Utz Graafmann
Wine production - technology or romance?