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Weinviertel Charakter und Vielfalt einer unterschätzten Region

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06.07.2011

Weinviertel

Charakter und Vielfalt einer unterschätzten Region

Die Region

Das Weinviertel ist mit 13.356 ha die größte österreichische Weinbauregion und damit nur etwa 10 Prozent kleiner als das Weinbaugebiet Baden in Deutschland. Es ist ein über 7000 Jahre bewirtschaftetes Kulturland, wobei der Wein hier seit etwa 1300 Jahren kultiviert wird. Grob gesagt wird es im Süden von der Donau, im Norden von Tschechien, im Osten von der Slowakei und im Westen vom Waldviertel und der Weinbauregion Kamptal begrenzt. Diese große Ausdehnung legt nahe, dass die Bodenbeschaffenheit und auch das Kleinklima durchaus unterschiedlich sein können.

Klima

Das Klima ist eher kontinental mit ozeanischen und pannonischen Einschlägen. Das bedeutet vereinfacht relativ heiße Sommer, eher kalte Winter und nicht allzu viel Niederschlag. Dazu kommt, dass es hier, im Gegensatz zum Gebirge, auch im Winter nicht allzu viel schneit. Insgesamt sind dies nicht unbedingt die einfachsten Bedingungen für den Weinbau, sie sorgen aber bei aller aromatischen Vielfalt für eine oft unverwechselbare Charakteristik der Weine.

Talkessel von Mailberg (Foto: ÖWM/Gerhard Trumler)

Böden

Die doch sehr verschiedenen Böden führen zu merklichen Geschmacksunterschieden bei ein und derselben Weinsorte, auch und gerade bei der mit Abstand wichtigsten Sorte des Weinviertels, dem Grünen Veltliner. Im Nordwesten sind Granitböden häufig, der Wein hat dort oft fast steinige Komponenten und fällt mitunter zudem recht duftig aus. Die Molassezone im Westen mit Tonen, Kies und Schluff bringt eher unkompliziert erscheinende, mittelkräftige Typen hervor, deren inneren Wert man oft erst nach und nach ergründen kann. Quer durch die Mitte der Region zieht sich die Klippenzone, die meist ziemlich kalkig ist. Die Weine aus diesem Bereich sind oft feingliedrig und manchmal beinahe zurückhaltend. Die Flyschzone im Süden des Gebiets, in der Umgebung der kleinen Stadt Korneuburg, besteht in der Hauptsache aus Sanden und Tonen, Sandstein und Tonmergel. Diese Formationen ermöglichen variantenreiche, dezent mineralische und oft recht nachhaltige Qualitäten. Das Korneuburger Becken selbst sowie die östlichen Gebiete bis hin zur Grenze der Slowakei sind von Löss und teilweise Lehm charakterisiert. Die Weine von diesen Böden zeigen sich gerne eher sanft und zugänglich, aber auch von einigem Gehalt und oft guter Lagerfähigkeit.

Sorten

Wie bereits erwähnt, ist die alles dominierende Sorte der Grüne Veltliner. Das Weinviertel gilt als das Stammland dieser Sorte, deren Herkunft noch etwas im Dunkel liegt. Sie wurde ab Mitte des 19. Jahrhunderts in der Gegend um Retz angebaut, ab den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts ziemlich rasch dann im gesamten Gebiet. Es gibt vom Grünen Veltliner zahlreiche Klone, von denen aber etliche wegen ihres fast aufdringlich muskatigen Geschmacks jedenfalls im DAC keine Chance haben. Der typische Grüne Veltliner des Weinviertels ist zart fruchtig, oft mit Apfelnoten, hat eine gewisse Würzigkeit (das sprichwörtliche Pfefferl) und eine meist präsente Säure. In einer von der Region in Auftrag gegebenen wissenschaftlichen Studie wurde bewiesen, dass der Grüne Veltliner aus diesem Gebiet, unabhängig vom Boden, neben den anderen Inhalten unverwechselbare regionaltypische Aromastoffe aufweist. Der Grüne Veltliner ist die einzige zugelassene Sorte für den Weinviertel DAC (Districtus Austriae Controllatus).

Burg Falkenstein (Foto: ÖWM/Gerhard Trumler)

Glossar zum Thema
Der DAC Weinviertel besagt, dass es sich bei einem Wein mit dieser Bezeichnung ausschließlich um einen Grünen Veltliner handeln darf, der gebietstypisch schmeckt, etwa 12 Volumenprozent Alkohol besitzt, weder Holz- noch Botrytisnoten aufweist und unter sechs Gramm Restzucker auf den Liter enthält. Bei Weinen mit der Bezeichnung DAC Weinviertel Reserve handelt es sich per Definition um einen gebietstypischen Grünen Veltliner, der kräftig und lang anhaltend sein soll, daher auch 13 Volumenprozent Alkohol und mehr sowie überdies leichte Botrytisnoten aufweisen kann. Es können nur Grüne Veltliner die Bezeichnung DAC führen, die geprüfte Qualitätsweine sind und zusätzlich eine sensorische Prüfung eines speziell ausgebildeten Gremiums bestanden haben, das die Typizität bestätigt.

Der Welschriesling hat im Weinviertel eine lange Tradition und dient hier vor allem als Grundwein für Sekt. Schwerpunkte hat diese Sorte in der Gegend um Poysdorf und in den südlicheren Teilen der Region. Er fällt oft eher neutral aus, mit ganz zarten Apfel- und Birnennoten, vom Körper her eher schlank und mit präsenter Säure.

Die Sorte Rheinriesling ist im Nordwesten und Osten am ehesten anzutreffen, wo sie entweder auf Granit oder auf Löss interessante Weine ermöglicht. Einerseits recht duftig und trotz guter Reife verhältnismäßig elegant wirkend, andererseits durch den Löss voluminöser, aber dank einer meist zitrusbetonten Aromatik und feiner mineralischer Würze ebenfalls selten schwer wirkend. Die Exemplare von Kalkgestein geben sich naturgemäß eher kühl und zurückhaltend, mit feiner Säure und dezentem Duft. Trotz seiner unbestrittenen Qualitäten spielt der Riesling im Weinviertel allerdings nur eine untergeordnete Rolle.

Auch Burgundersorten sind im Weinviertel eher Nischenprodukte, vielleicht auch deswegen, weil der Grüne Veltliner bei hoher Reife einen durchaus vergleichbaren Charakter aufweisen kann.

Rotweine haben im Weinviertel oft einen schweren Stand. Dennoch sollte man sie nicht übersehen. Vor allem der Zweigelt bringt im Weinviertel oft sehr ansprechende bis bemerkenswerte Qualitäten hervor. Dazu kommt, dass es, kleinklimatisch und durch die Formation der Landschaft bedingt, regelrechte Rotweininseln im Gebiet gibt, wenn diese auch sehr klein sind. Der Kessel von Mailberg, die Gegend um Retz und das Pulkautal sind für Rotweine derart gut geeignet, dass sich die Pinot Noirs, Zweigelts und selbst Cabernet Sauvignons von hier zumindest österreichweit absolut nicht zu verstecken brauchen.

Weingärten in der Nähe von Poysdorf (Foto: ÖWM/Egon Mark)

Betrachtungen über das Weinviertel

Das Weinviertel hat lange Zeit ein Schattendasein im Bewusstsein der Weinliebhaber geführt. International de facto völlig bedeutungslos, hatte es auch bei den österreichischen Konsumenten nicht mehr als den Status eines Lieferanten für einfache, bodenständige Weine mit dem Flair der Urigkeit. Die gefühlte Charakteristik der Weine beschränkte sich auf die Attribute sauer, rau und einfach, ungezuckert (= nicht aufgebessert), daher eher leicht und, immerhin, „ehrlich“. Dazu kam noch, dass sich die Akzeptanz der Weinviertler Weine hauptsächlich auf den Wiener Raum beschränkte, was sich durch die Nähe zum Gebiet erklärt. Schon 160 Kilometer weiter, in Linz, war der Wein aus der Region höchstens noch ein Thema für Gastronomen, die möglichst billigen Wein zum Offenausschank suchten. Vielleicht ist auch ein Grund darin zu suchen, dass das Weinviertel bis zur Öffnung des Eisernen Vorhangs zumindest im Norden als totes Land, Niemandsland, Ende der Welt erschien. Es gab dort kaum Übernachtungsmöglichkeiten, wenig Gastronomie und eine im Grunde darnieder liegende Wirtschaft, woran auch der Weinbau in dieser Zeit kaum etwas änderte. In der Hauptsache war die Region Lieferant von günstigen Fassweinen für die anderen Gebiete, den Großhandel und, als wichtigste Einnahmequelle, Erzeuger von Grundweinen für die Sektproduktion. Das Sekthaus Schlumberger zum Beispiel tat sich hier als verlässlicher Partner und fairer Zahler besonders hervor.

Nicht zuletzt lag diese Beinahe-Agonie an der fehlenden Infrastruktur der Weinwirtschaft, es gab keine rührige Dachorganisation, die eine gezielte Aufklärungs-, Werbe- und PR-Tätigkeit betrieb. Dazu kam noch, dass viele Winzer das Image des etwas rückständigen, dafür grundehrlichen, nicht von moderner Önologie beleckten Bäuerleins pflegten, weil dies die Wiener Kundschaft gerne so hören wollte. Einige wenige, eher lokal tätige Initiativen konnten daran auch kaum etwas ändern. Ebenso kämpften die damals schon fortschrittlichen und durch Fachschulen ausgebildeten Weinbauern einen zähen, aber meist vergeblichen Kampf um Anerkennung. Dazu gehörten in erster Linie der legendäre Ing. Gerhard Redl von der damaligen Weinbauschule Retz, und, beispielhaft, die Weinbauern Werner Zull, Karl Neustifter, Roland Minkowitsch, Roman Pfaffl und nicht zuletzt die Domäne Mailberg.

Herrnbaumgarten im Weinbaugebiet Weinviertel (Foto: ÖWM/Armin Faber)

Dieser Zustand änderte sich erst, als die Österreich Wein Marketing (ÖWM) tätig wurde und durch ein modernes und effizientes Konzept der Weinwerbung und des Weinmarketings eine förmliche Revolution im Weinverständnis der Konsumenten einleitete. Nach einer gewissen Zeit des Abwartens seitens der Weinbauernschaft, wohl auch des Staunens und Lernens, entstanden in rascher Folge etliche lokale Zusammenschlüsse, die mit Unterstützung der ÖWM auch einigermaßen erfolgreich waren. Dazu kam die Grenzöffnung Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts, die zu einer in dieser Dimension fast unerwarteten Belebung der grenznahen Gebiete in der Region führte. Dennoch war man nach einigen Jahren mit dem nun Erreichten nicht ganz zufrieden, und so war es nur eine logische Folge, dass das Weinviertel als erste Region die Konzeption des DAC als weitgehend optimale Lösung der Probleme erkannte und umsetzte. Diese Entscheidung erweist sich bis jetzt als richtig und hat den Weinbau des Weinviertels endgültig aus dem Schattendasein geführt.

Heute präsentiert sich das Weinviertel als durchaus moderne, so gar nicht verschlafene Region. Dies zeichnet auch andere Gebiete aus, das Einzigartige am Weinviertel aber ist, dass hier nichts gewollt am modischen Zeitgeist ausgerichtet erscheint, sondern gewachsen, dass bei aller Modernität auch Raum fürs Innehalten und eine gewisse Besinnung bleibt. Das garantieren die Menschen und die einzigartige, beruhigende Landschaft, beides entfaltet bei Besuchern meist recht rasch seine Wirkung.

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