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Wenn die Korken knallen: Es prickelt

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Artikel
10.01.2011

Wenn die Korken knallen:

Es prickelt

Reims ist nicht nur die Stadt, wo einst die französischen Könige gesalbt wurden und Jeanne d’Arc die Engländer besiegte, Reims ist auch die Stadt des Champagners. 300 Millionen Flaschen werden jährlich umgesetzt und damit 3.7 Milliarden Franken generiert. Eine stolze Bilanz. Doch dem Champagner geht es längst nicht mehr so gut. Zwar soll der Abwärtstrend im Export gestoppt worden sein, doch die Konkurrenz holt langsam auf: Prosecco, Winzersekt, Cava, ja sogar der französische Crémant machen dem Champagner das Leben schwer. In der Schweiz begleitet gemäß einer Studie zu fast neunzig Prozent Champagner das Fest zum Jahreswechsel.

Wenn es um Champagner geht, wird die Krawatte gebunden

Champagner ist Luxus. Dies hat man über Jahrzehnte verkündet. Zum weltweit größten Luxuskonzern LVMH (Louis Vuitton, Moët Hennessy) gehören immerhin ein paar der berühmtesten Champagnerhäuser: Moët & Chandon, Ruinart, Mercier, Veuve Clicquot und Krug. Schon vor vier Jahren, als ich das erste Mal mit der „Revue du Vin de France“ im Weingebiet Champagne unterwegs war, stellte ich beim Pressechef von Roederer Sorgenfalten fest: „Was, sie kommen aus der Schweiz? Dies ist ein wichtiges Exportland für uns. Doch der Absatz geht zurück.“ Es sollte noch weit schlimmer kommen. 2009 brachen die Exporte von Champagner noch mehr ein als im Jahr zuvor. In diesen Kreisen spricht man ja ungern von Verlusten. Absatzrückgang ist soviel wie ein verlorener Kampf, wie eine Niederlage auf dem Schlachtfeld Markt. Das darf doch nicht sein, dass die Welt den Champagner nicht mehr liebt!

Luxusgut Champagner – Werbung in den Caves Pommery

Ich gehöre zu jenen 80 Prozent Schweizern, die sich ein Neujahrsfest ohne Champagner kaum vorstellen können, obwohl ich guten Wein jedem noch so guten Champagner vorziehe, nicht aber am Silvesterabend und nicht in den Pausen von Konzerten und im Theater. Da gehört Champagner einfach dazu, genau so wie eine leicht festliche Kleidung. Champagner ist für mich weniger ein Getränk des Genusses als ein Attribut der Festlichkeit. In der Schweiz hat der Champagner in den letzten Jahren ordentlichen Ärger ausgelöst und sich kaum Sympathien geschaffen, seit durch EU-Recht dem kleinen Weindorf Champagne verboten wurde, seinen Wein Champagner zu nennen. Solche Schmach muss man den Schweizern nicht antun! Jedenfalls enthüllt die Statistik, dass der Champagner in der Schweiz „an Boden verliert“, wie die Schweizerische Weinzeitung feststellt: „Im Vergleich zum Vorjahr sank der Umsatz um 10,9 Prozen, Prestige-Champagner verloren 44,9 Prozent. Innerhalb von zehn Jahren verlor der Champagner auf dem Schweizer Markt 26 Prozent an Volumen.“

Champagne ist auch eine Gegend und ein Dorf im Kanton Waadt in der Schweiz
Ob dies auch mit dem ungeliebten „EU-Vogt“ zu tun hat, lässt sich kaum schlüssig feststellen. Tatsächlich scheint sich aber der Rütli-Schwur von 1291 in der Weinschweiz des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu wiederholen: „Wir wollen frei sein, wie die Väter waren.“ In der Westschweiz, im Kanton Waadt, gibt es tatsächlich eine politische Gemeinde, die „Champagne“ heißt. Es ist ein landwirtschaftlich geprägtes Dorf, in welchem Weinbau seit Jahrhunderten betrieben wurde, und ihr Wein hieß eben Champagner. Durch die bilateralen Verträge zwischen der Schweiz und der EU wurde dies aber verboten. Ihr Weißwein heißt deshalb seither Libre-Champ und das Dorf Champagne – 885 erstmals erwähnt – und mit ihm die ganze Schweiz machen die Fäuste im Sack.

Die erzwungene Abkehr vom Schweiz-Champagner muss dem „echten“ Champagner in der Schweiz weh getan haben. Dabei müssten eigentlich Reims und seine Weine stolz sein auf die Schweiz. Das kleine Land – 7,5 Millionen Einwohner – gehört zu den sieben größten Champagner-Importeuren der Welt. Es bezieht immerhin etwa halb so viel Champagner wie Deutschland, das rund zehn Mal mehr Einwohner hat.

Degustation im Champagner-Haus Bollinger in Ay

Die Champagner-Handelshäuser tun alles, um ihr ramponiertes Image in der Schweiz aufzupolieren. „Vertäubt“ man doch nicht gern einen guten Kunden. „Champagne kommt nur aus der Champagne“, verkündet das Informationsbüro für die Schweiz. Doch da zeigt es sich schon: viele der Seiten sind nur in französischer Sprache zu lesen, der deutsche Teil ist bescheiden, einen italienischen gibt es gar nicht. Tatsächlich lassen sich wesentliche Unterschiede feststellen bei der Champagner-Zuneigung in den drei Sprachregionen. In der Deutschschweiz und im Tessin macht der Prosecco dem Champagner zu schaffen, während man in der französischen Schweiz treu zum Nachbarland steht. Auch die Frauen – glaubt man einer LINK-Studie – sollen die Champagner-Gewohnheiten verändert haben: zum Beispiel hin zum Champagner Rosé.

Auch ich neige dazu, solche Studien mit den eigenen Gewohnheiten und jenen in der nächsten Umgebung zu vergleichen. Eines stimmt: auch bei uns liebt meine Frau den Champagner weit mehr als ich, der nur selten die Korken knallen lässt. Hingegen mit dem modischen Rosé hat es meine Frau nicht, und wenn die Qualität stimmt, dann ist ihr auch ein Prosecco (meist deutlich billiger) hoch willkommen.

Besuch beim Champagner Großunternehmen Nicolas Feuillatte

Glossar zum Thema
Allerdings haben wir da kürzlich unsere Erfahrung in der Konzertpause gemacht. Ich solle einen Prosecco bringen, keinen Champagner, meinte meine in solchen Fällen bestimmende Frau. Also brachte ich den günstigeren Prosecco (die Marke war weder beim Prosecco noch beim Champagner bekannt). Wir beide rümpften die Nase: puhh – das nächste Mal wieder Champagner! Seither überlege und wer-weiße ich, ob Champagner eher Kult oder echtes Trinkvergnügen ist. Ich für meinen Teil bin da nicht sicher. Auch jetzt nicht, nachdem an Silvester wieder die Korken knallten. Es prickelt nicht nur auf der Zunge, sondern auch im Hirn. Sind wir gar Opfer des Marketings, das behauptet: „Champagner gehört mit zum Edelsten, was der Mensch aus Trauben herstellt?“ Nun stehe ich sinnierend im Weinkeller: und all diese schönen Bordeaux, sind sie mir nicht viel lieber? Auch wenn sie nicht so edel sein sollten und gottseidank nicht Kult-prickeln. Bis jetzt jedenfalls noch nicht.

Herzlich
Ihr/Euer


Peter Züllig
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