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Wie sollte ein Wein aus der Schweiz eigentlich sein? Schweizerisch!

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Artikel
19.03.2008

Wie sollte ein Wein aus der Schweiz eigentlich sein?

Schweizerisch!


Der Schweizerwein hat es im Ausland nicht gerade gut, auch wenn er gut ist. Vor allem nicht in Frankreich, Österreich oder Italien. Etwas besser soll es in Belgien sein. Deutschland aber ist seit Jahren das wichtigste Wein-Exportland der Schweiz, immerhin gehen fast 1,5 Millionen Liter im Jahr ins  Nachbarland. Jetzt aber die ernüchternde Meldung: nach Jahren des Wachstums sinkt der Export nach Deutschland. O Schreck, was ist los mit dem Schweizerwein?

Von meinen Weinfreunden in Deutschland höre ich immer wieder augenzwinkernd den saloppen Spruch: „Die Schweizer trinken halt ihren Wein lieber selber!” Nachgefragt tauchen dann ein paar Namen, Begriffe, Weingebiete und Erfahrungen auf: Gantenbein; das Wallis mit seinen autochthonen Sorten; die hohen Preise in den Restaurants; der viel zu „saure” Weisswein aus der Westschweiz: Gutedel oder - eben schwer auszusprechen - Chasselas; der Schweizer-Weinpapst René Gabriel, doch der wird eher mit dem Bordelais in Verbindung gebracht.

Bekanntes Weingebiet in der Bündner Herrschaft: Jenins

Dabei habe ich ein paar ganz gute Tropfen im Keller, vor allem auch interessante. Zugegeben, es sind meist jene der 20, 30 besten Winzer der Schweiz, die man (im besten Fall) auch im Ausland kennt, und sie kommen aus Weingebieten, deren Ruf die Schweizer Grenzen überwunden hat. Am stärksten ist wohl das größte Weingebiet der Schweiz, das Wallis, mit seinen 5‘200 Hektaren Rebfläche vertreten, vor allem mit seinen vier Rebsorten, die sich als Aushängeschild so gut eignen: Arvine, Amigne, Humagne rouge und Cornalin. Aber auch die Bündner Herrschft mit ihren 420 Hektaren Reben und der kleine Kanton Tessin mit immerhin rund 1‘000 Hektraren Reben haben ihre „typischen” Vertreter in meinem Keller. Dann aber wird es eng: ein paar wenige Waadtländer, Neuenburger, Schaffhauser und Ostschweizer haben noch Platz.

Prestigeweine vom Weingut Stucki
Aus dem Bordelais sind rund 300 Weingüter mehr vertreten. O Schande!

Wie ist das mit dem „Selbsttrinken bei den Schweizern und ihren Weinen?” Bin ich gar kein richtiger Schweizer?

Diesem frechen Ansinnen wollte ich entgegen wirken und folgte - zusammen mit zwei Nachbarn - einer liebenswürdigen Einladung in einen Weinkeller in einem Weingebiet, das ich (trotz der Nähe) kaum kenne: Zürcher Unterland. Bei der Einmündung von der Töss in den Rhein liegt das - für mich bisher kaum bekannte - Freienstein-Teufen, eine Gemeinde mit 2‘200 Einwohnern und 332 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche, davon etwa 20 ha mit Reben bepflanzt.

Ja, wer hätte das gedacht: Zürich, die Wirtschaftsmetropole und bevölkerungsdichteste Agglomeration der Schweiz, hat auch das größte Weinbaugebiet der Deutschschweiz: 620 Hektaren. Nicht viel - und doch: hier gibt es engagierte Winzer - meist Selbstkelterer - die Schweizerwein machen.

Das Winzerdorf Teufen (ZH)

Einer von ihnen ist der junge Peter Stucky, - in der grossen Weinwelt kein Begriff - der 3,5 ha Reben bewirtschaftet: ein Selbstkelterungsbetrieb mit Direktvermarktung, recht typisch für die Schweiz. Was hingegen nicht ganz so typisch ist: die Winzerfamilie ist jung, sie ist das, was man dynamisch nennt, und önologisch ausgezeichnet gebildet: Der Hof wurde in den letzten Jahren umgebaut, der Weinkeller mit modernsten Geräten ausgestattet, ein gemütlicher Degustationsraum errichtet. Eigentlich ein Vorzeigeunternehmen, eine Visitenkarte für den heimischen Wein. Die Rebsorten sind auch typisch für Weine aus der östlichen Schweiz: Riesling x Sylvaner, Räuschling, Gewürztraminer, Pinot Gris und natürlich bei den Roten Pinot noir (Blauburgunder).

Besuch im engen Weinkeller

Erst bei der Degustation entwickelt sich in mir eine gewisse Skepsis. Räuschling, eine der wenigen, eigenwilligen, typischen Rebsorten der Deutschschweiz, die so gerne „verrieselt”, recht schwierig zu pflegen ist und lange Zeit kaum mehr zu verkaufen war, aber einen herb-angenehmen, spritzigen Wein hervorbringt - hier in Barrique ausgebaut. Genau so wie der Pinot gris, der Riesling x Sylvaner und der Pinot noir. Es gibt zwar noch den „classique” - ohne Barrique - aber die Weine sind wohl durchwegs konzentriert, der Pinot so konzentriert, dass er für mich als Clevner (so heisst der Schweizerische Pinot) kaum mehr zu erkennen ist. „Moderner Weinstil” nennt sich dies, so wie er sich in fast allen Regionen der Schweiz ausgebreitet hat, längst nicht mehr regionentypisch und immer mehr an den Marktbedürfnissen orientiert.

Barriquekeller

In diesem Fall zwar sauber und gut gemacht. Als Jahrgang 2007, der eben abgefüllt worden ist, allerdings noch wenig harmonisch, noch stark tanninbetont, zum Teil noch aggressiv und ordentlich aufdringlich. Doch dies wird sich noch ausgleichen, denn die Weine sind gekonnt gekeltert, sauber erarbeitet, in ihrer Art bestimmt ein Genuss. Doch wo sind Klima, Boden, Lage, Rebpflege im Produkt zu finden? Ich habe (fast) vergeblich gesucht. Für mich domi- nierte mehr und mehr die Weinbereitung, das heißt: der Mensch im Kräftespiel der Komponenten, die letztlich einen guten Wein ergeben.

Schweigsam und nachdenklich bin ich die 50 Kilometer zurück nach Hause gefahren. Schweizerwein? Nicht ein einziges Mal wurde an diesem Tag von den Böden, den verschiedenen Lagen, von der Arbeit in den Rebbergen, vom Wetter, dem Klima, der Entwicklung geredet. Es war ja auch ein Abfülltag, an dem man die Kellertür geöffnet und Weinfreunde eingeladen hat.

Es war der Tag, wo der Winzer seine Ernte, sein Produkt zum ersten Genuss offiziell „freigegeben” hat. Für ihn ein denkwürdiger Tag.

Für mich aber auch. Denn nun ahne ich, weshalb der Wein aus der Schweiz international als „Schweizerwein” kaum einen Namen hat und die autochthonen Sorten aus dem Wallis das Schweizer Weinbild prägen. Was ich da verkosten durfte ist austauschbar. Dem jungen Winzer, der seine Weine ja verkaufen will (übrigens zwischen 13 und 20 Franken - 8 und 13 Euro) ist kein Vorwurf zu machen. Er macht seine Arbeit gut. Vielleicht aber müsste sich mancher Konsument fragen, sind diese „austauschbaren” Weine wirklich das Mass der Kauf- und Genusslust? Wäre ein Schweizerwein nicht ebenso gut oder gar besser, wenn er so ist, wie er ist, nämlich „schweizerisch”?

Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)


Peter Züllig
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