Allgemeines
Wien und Wein bilden schon seit Jahrhunderten eine Einheit, und wenn die augenfällige Gleichheit der Buchstaben nicht schon gegeben wäre, hätte man sie erfinden müssen. Schon bei der Erwähnung beider Worte dürfte bei manchem Wien-Besucher Heurigenseeligkeit aufkommen. Sicherlich hatte und hat der Heurige (= Buschenschank, Besenwirtschaft) eine große Bedeutung für den Wein und die Stadt, die große Zeit dieser Institution ist aber seit gut 20 Jahren vorbei. Auffällig ist das Heurigensterben, wobei die meisten der verbliebenen Betriebe im Grunde Gaststätten und manchmal auch fast Restaurants geworden sind. Von der jahrhundertelangen Tradition ist aber bis heute die ungebrochene Assoziation von Gemütlichkeit, verbunden mit sanftem Weltschmerz geblieben - und natürlich der gemischte Satz.
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| Heurigenatmosphäre in Wien (Copyright: ÖWM/Lammerhuber) |
Nach einer Zeit der Stagnation und sogar des Rückgangs der bewirtschafteten Rebflächen nehmen sie nun wieder zu und umfassen derzeit annähernd 700 Hektar. Dies ist sowohl dem gestiegenen Interesse an Qualitätswein zuzuschreiben als auch einer in dieser Form nie da gewesenen Lust am Weinmachen selbst. Dennoch scheinen auch die inzwischen produzierten Mengen noch nicht genug zu sein, weil die Wiener und ihre Gäste die knapp 2,5 Millionen Liter pro Jahr mehr oder weniger selbst trinken.
Rebsorten
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| Grüner Veltliner (Copyright: ÖWM/Faber) |
Die Vielfalt Wien
Mit seinen knapp 700 Hektar ist Wien nicht das kleinste österreichische Weinbaugebiet (das Südburgenland und die Weststeiermark sind noch kleiner), aber das heterogenste auf so engem Raum. Das war schon in den vergangenen Jahrhunderten bekannt, man achtete auch damals auf die exakte Herkunft, bis hin zur Lage und sogar Teilen einer Lage. Daher sollte man den Kleingebieten innerhalb der Region vermehrt Aufmerksamkeit schenken.
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| Wien - Weingärten (Copyright: ÖWM/Egon Mark) |
Oberlaa (10. Bezirk) ist, von den Weinbergen her gesehen, ein Newcomer, da für die Wiener Internationale Gartenschau 1962 die damaligen Weingärten fast komplett geschliffen worden waren. Danach wurden neue Lagen ausgepflanzt, mit hervorragendem Ergebnis. Der pannonische Klimaeinfluss und der etwas schwerere Boden begünstigen Rotwein und Grünen Veltliner. Die Weine sind gerne eher füllig, aber auch mineralisch.
Mauer (23. Bezirk) liegt ebenfalls im Süden Wiens, die besten Lagen sind Kroissberg und Kadoltzberg. Die oft sehr schweren Böden mit guter Wasserspeicherung sowie die Südexposition begünstigen den Anbau roter Sorten. Die Weine können sehr kräftig ausfallen.
Ottakring (16. Bezirk): Nur mehr sehr kleine Flächen am Wilhelminenberg sind von den ehemals bedeutenden Weinbergen des Winzerdorfes übrig geblieben. Die Braunerdeböden ermöglichen die Kelterung eher subtiler Grüner Veltliner.
Dornbach (17. Bezirk): Hier dominiert eine der ganz bekannten Rieden Wiens, nämlich Alsegg, eine Hanglage in Südausrichtung. Sie ist noch heute im Besitz von Stift St. Peter in Salzburg und wird vom Weingut Mayer am Pfarrplatz bewirtschaftet. Die Nähe des Wienerwaldes bringt starke Temperaturschwankungen, daher sind die Rieslinge aus Dornbach meist aromatisch, lebendig und animierend.
Neustift (19. Bezirk): Seit über 800 Jahren wird in Neustift am Walde und in Salmannsdorf Wein angebaut. Die Rieden Mitterbergen und Neubergen in Neustift am Walde sind mit die schönsten geschlossenen Weinlagen Wiens. Sie liegen geschützt und bringen eher elegante und aromatische Weißweine mit oft erstaunlich hoher Reife hervor.
Sievering (19. Bezirk): Als Top-Lage gilt der Hackenberg, für viele Weinliebhaber ist sie eine der besten drei von Wien. Mit nicht ganz fünf Hektar umfasst sie eine für Wiener Verhältnisse eher große Fläche. Die
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| Wien - Grinzing (Copyright: ÖWM/A.Faber) |
Grinzing (19. Bezirk): Sehr gute Lagen im bekanntesten Heurigenort Wiens sind Steinberg, Oberer und Unterer Reisenberg, der Großteil des Nussbergs und der Hungerberg, in dem eher Rotweinsorten angebaut werden. Die Böden sind meist steinig und oft kalkreich. Grüner Veltliner, Riesling, sowie Weißburgunder und Traminer fallen hier oft duftig und mineralisch aus, manchmal erinnern speziell die Rieslinge an Rheingauer Weine.
Nussdorf (19. Bezirk): Hier ist der Nussberg mit seinen diversen Kleinlagen der auch namensgebende Weinberg. Kalkreiche Böden, ideale Hangneigung, die Nähe der Donau und gute Belüftung machen ihn zur begehrtesten Lage Wiens. Riesling, Grüner Veltliner, Weißburgunder, Traminer, Neuburger und Gemischter Satz, aber auch Pinot Noir erreichen hohe Qualität, sind oft kräftig und zugleich animierend.
Das Kahlenbergerdorf (19.Bezirk) liegt fast versteckt an der Straße von Wien nach Klosterneuburg. Die relativ steilen Hänge an der Rückseite des Nussbergs sind mit Weißburgunder, Grünem Veltliner und Pinot Noir bestockt. Den größten Besitz hat hier das Stift Klosterneuburg.
Jedlersdorf (21. Bezirk): An den sanften Abhängen und Ausläufern des Bisambergs stehen die Rebstöcke auf warmen, sandig-lehmigen Böden. Sie bringen mittelkräftige Weißweine und vor allem beachtliche Rotweine hervor.
Stammersdorf (21. Bezirk) ist ein langgestrecktes, ruhiges Weindorf, in dem einige der aktivsten und besten Wiener Weinbauern ihren Sitz haben. Sehr gute Lagen sind hier unter anderem Oberer Jungen Herrnweg und Unterer Jungen Herrnweg an den südöstlichen Hängen des Bisambergs. Sandige Lössböden sowie Schotter und Kalk sind gleichermaßen für weiße und rote Sorten gut, die Weine sind gerne mittelkräftig bis kräftig, dabei animierend und reifen oft erstaunlich gut, wenn man ihnen die Gelegenheit dazu gibt.
Strebersdorf (21. Bezirk) hat seinen dörflichen Charme als traditioneller Heurigen- und Weinort bis heute bewahrt, wobei die Kellergasse mehr als sehenswert ist. Die Lagen befinden sich ebenfalls an den Hängen des Bisambergs, die mineralstoffreichen Lößboden begünstigen die Kelterung von Burgundersorten und Merlot zu recht kräftigen Weinen mit gutem Rückgrat und Struktur.
Menschen und Vereinigungen
Wie in vielen anderen Gebieten und Regionen, die aus einer gewissen Stagnation zu neuem Leben erwachten, haben sich auch in Wien einige markante Persönlichkeiten ganz besonders für die Erneuerung eingesetzt. Es würde den Rahmen sprengen, alle zu nennen, aber Herbert Schilling, Fritz Wieninger, Franz Mayer (†), Michael Edelmoser, Richard Zahel und, politisch wie privat engagiert, Bürgermeister Michael Häupl als Mentor des Wiener Weinpreises haben sich um den Fortschritt besonders verdient gemacht. Sie waren und sind es auch, die die zwei wichtigsten Vereinigungen für den Wiener Weinbau zum Teil ins Leben gerufen haben und prägen, die Vienna Classic und Wien Wein. Tonangebend ist derzeit Wien Wein, vor allem von der Medienpräsenz, gemessen an den Ideen, dem Engagement (unter anderem gegen Bodenspekulation) und dem Qualitätspotenzial innerhalb der Gruppe.
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| Weinkeller - Weingut Wieninger (Copyright: ÖWM/Weingut Wieninger) |
Noch eine kleine Vereinigung, in Ihrer Form ziemlich einzigartig, ist die der Orchideenwinzer. Das ist ein Vermarktungs-Zusammenschluss von Hobbywinzern, die aber mehr als ernsthaft arbeiten und nicht selten bei wichtigen Prämierungen ganz vorne dabei sind. Überhaupt ist das Weinbaugebiet Wien eines der wenigen, in dem eine große Anzahl von Quereinsteigern und nicht spekulativ arbeitende Investoren recht erheblich die Weinszene beeinflusst und nicht selten mitträgt. Ihnen ist auch nicht zuletzt zu verdanken, dass so manche wichtige Absatzmöglichkeit (für alle) neu geschaffen wurde, alte, oft schwierige Sorten und Klone nicht ausstarben, der hier absolut passende Pinot Noir wieder vermehrt kultiviert wird und die Heurigenkultur eine zeitgemäße Form zu finden scheint. Umgekehrt haben dies die alteingesessenen Winzer ermöglicht, indem sie den Neuankömmlingen alle erdenkliche Unterstützung zukommen ließen, ob im Weingarten, bei der Logistik oder beim Ausbau der Weine. Eine so fruchtbare Symbiose mit gegenseitiger Wertschätzung und Anerkennung ist nicht nur im Weinbau ein Segen, sondern bildet auch einen sichtbaren Kontrapunkt zu falscher Globalisierung, kaltem Renditedenken und der Entsolidarisierung der Gesellschaft.
Gastronomie
| Glossar zum Thema |
Fazit
Der Wiener Wein hat sich gewandelt, teils wird die gute Tradition deutlicher betont, teils werden neue, aber nicht zeitgeistig-geschmäcklerische Wege begangen. Alteingesessene und neue Betriebe bilden eine Einheit und bieten miteinander eine nie dagewesene Vielfalt an unverwechselbaren, gebietstypischen Weinen an.
Karl Bajano
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