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Wo die Wildschweine wüten Vins sauvages

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Artikel
04.05.2011

Wo die Wildschweine wüten

Vins sauvages

Wo liegt Lisson? Muss man das wissen? Nein, wenn man Mainstream-Weintrinker ist. Ja, wenn man sich gerne auf Pfaden außerhalb der Pisten bewegt. An der letzten Weinmesse „Vinisud“ in Montpellier, die alle zwei Jahre stattfindet, haben zum ersten Mal acht Winzerinnen und Winzer unter dem Titel „hors piste“ zu einer eigenen Verkostung geladen, einem „Gegenprogramm“ zu den 1.650 Ausstellern, die an der Messe um Aufmerksamkeit buhlen. Leider bin ich nicht dabei gewesen, denn zu dieser Zeit (Februar 2010) war ich auf Weinpisten-Fahrt in Südafrika. Da ist die Chance, einmal von der Piste abzukommen, viel geringer. Außerhalb der Piste aber findet man das, was an der Veranstaltung Motto war: „Natur, Bio oder einfach engagierte Winzer mit Liebe zu ihrem Terroir und ihren Trauben und mit Sorgfalt gemachten Weinen“. Dahinter verbirgt sich nicht irgendein Zertifikat mit genauen, bio...logischen Vorgaben. Dahinter stehen Menschen, Winzer und Winzerinnen, die in und mit der Natur leben und arbeiten.

Plakat der Degustation „Hors piste“ an der Vinisud 2010.

Also habe ich mich aufgemacht, dorthin zu fahren, wo eine dieser acht WinzerInnen lebt, arbeitet und auch bloggt. Nach Lisson. Wo aber liegt Lisson? Ich habe getan, was man in solchen Fällen heute tut: Google Earth bemüht. Es ist wunderbar, wie sich die Weltkugel auflöst in Kontinente, Länder, Gebiete, Dörfer, ja Häuser und Rebberge. Nur - Lisson ist kein Dorf, es ist ein Weiler, eigentlich ein Weingut in der Gemeinde Olargues im Tal des Jaur, zwischen Montpellier und Narbonne. Google Earth fliegt zielsicher dieses Weingut an, wenn man unter vier Lissons das richtige auswählt. Die virtuelle Landung mag zuerst erschrecken, sie findet irgendwo im Wald statt, abseits von Dorf und Straße, beim weit und breit einzigen Haus in der näheren Umgebung. Doch wenn man genau hinsieht, erkennt man einen Weinberg, knapp zwei Hektar groß, und durch den Panorama-Knopf wird sogar verraten: ein ordentlich steiler Rebberg, ein sehr sonniger Ort.

Der Rebberg von Iris und Klaus in Lisson.

Von der Küste bin ich hinauf gefahren auf gut 200 Meter Höhe, mit meinem kleinen Smart, von uns auch „Chruzli“ genannt. Auf den letzten vier Kilometern nach Olargues – das zu den „schönsten Dörfern Frankreichs“ zählt – musste er zwar arg rütteln und schnaufen auf dem abenteuerlichen Feldweg. Unterwegs haben wir dann Halt gemacht, an einem dem Weinberg gegenüberliegenden Platz, wo die letzten Häuser des Dorfes stehen. Iris, die Winzerin, hat uns zuvor auf dem einstigen Bahnhofsplatz von Olargues (da gibt es schon seit Jahrzehnten keine Züge mehr) abgeholt, um uns sicher zum Weingut zu lotsen. Am aussichtsreichsten Ort auf dem schmalen Weg hat sie angehalten und uns mit Stolz die Terrassen gezeigt, wo ihre Reben wachsen: „Dies alles haben wir gerodet, der Natur wieder abgerungen, als wir 1990 begannen, unseren Traum zu verwirklichen.“ Einen Traum voller Arbeit, Schweiß, Enttäuschungen, Wagemut und Entbehrungen, wie ich inzwischen weiß. Doch es ist der Traum vom eigenen Rebberg. Iris erklärt uns, dass sie – in einem Gebiet, wo „schon immer“ Reben angebaut wurden – bezüglich Rebsorten, Anbau und Vinifikation tun und machen konnte, was sie wollte, denn hier ist kein AOC-Gebiet, hier wird einzig die Liebe zur Natur und zu den Reben zum Leitmotiv. „Nach der Rodung wurden Pinot Noir, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc, Merlot, Côt, Petit Verdot und Mourvèdre gepflanzt, die edlen Rebsorten der großen Weine Frankreichs und der neuen Welt. Später kamen noch Oeillade und Grenache, alteingesessene Rebsorten der Gegend, auf einem kleinen Pachtgelände dazu.“ Dass sie das abgelegene Weingut – ihren Lebenstraum – seit nunmehr zehn Jahren ohne ihren tödlich verunfallten Ehemann Claude – einen Winzersohn – weiterführt, erwähnte sie nicht.

Hinter dem Haus liegen die Terrassen des Rebbergs.

Wer in dieser zwar wunderschönen, aber für den Weinbau unwägbaren Gegend versucht, einen Traum so konsequent zu verwirklichen, der muss daran glauben, sowohl an den Traum und als auch an die Realität des Lebens. „Die sind verrückt, diese...“ Spontan kommen mir Asterix und Obelix in den Sinn, die ja auch in Frankreich zu Hause sind. Obelix kann nicht ohne Wildschweinlenden leben, möglichst zwei bis drei am Tag. Die Frage ist deshalb berechtigt inmitten dieser wenig gezähmten Natur: „Hat es da nicht auch viele Wildschweine?“ Da wird Iris plötzlich ernst, sehr ernst sogar: „Wenn uns etwas einmal das Genick bricht, dann sind es diese und andere hier wild lebenden Tiere, die immer wieder in den Rebberg einbrechen und zwar dann, wenn die Trauben gerade ihre physiologische Reife erreichen. Letztes Jahr haben sie uns fast die ganze Ernte vernichtet.“ Ja, wir sind da wirklich „abseits der Piste“.

Der 500jährige Hof, wo schon immer Wein gemacht wurde.

„Vins sauvages“ sollten hier entstehen. Der Begriff ist schwierig zu übersetzen. Wörtlich: wilder Wein; dem Sinn nach: ursprünglicher Wein, der Natur verbundener, naturnaher Wein. Ich denke mir, wenn es

Glossar zum Thema
Wildbienen, Wildreis, Wildtiere etc. gibt, darf es durchaus auch Wildwein geben. „Vinification naturelle, culture organique“. Wenn ich den Weinberg betrachte und später – im fünfhundertjährigen Haus – den Ausbau des Weins verfolge und der Winzerin zuhöre, dann begreife ich: Dies sind keine bloßen Schlagworte, wie all das Biogesäusel in den Supermärkten. Dies sind Begriffe für eine Weinkultur „hors piste“, die nicht nur beharrlich verfolgt, sondern auch gelebt werden.

Auf dem Hof lernen wir dann auch Klaus kennen, den jetzigen Lebenspartner von Iris. Ein Sammler, Bastler, Tüftler, praktisch veranlagt, mit viel Herz für ein einfaches Leben in der Natur. Er macht, dass im stromlosen Haus die Sonne Strom bringen kann, dass die tonnenschwere Presse in den Keller kommt, dass das einzige kleine Raupenfahrzeug sich auf den schmalen Terrassen gut bewegt... Er bereitet auch, wie bei unserem Besuch, ein einfaches, aber köstliches Essen, das wir mit einem Schluck Wein in der freien Natur genießen. „Vignoble de vin sauvage“ – Rebberg oder Ort, wo der wilde Wein zu Hause ist. All die technisch hoch aufgerüsteten Weingüter, die gehegten, gespritzten und hochgezüchteten Rebflächen, all die exklusiven, hochgestylten Degustations- und Vermarktungsräume der Bordeaux-Weinindustrie kommen mir in den Sinn. Lisson, das Gegenprogramm: „vins sauvages!“

Iris und Klaus in ihrer Sonnenstube vor dem Hof.
Die „wilden Weine“, wie sind sie? Wie präsentieren sie sich? Ein Winzerbesuch ohne Degustation – unvorstellbar. Im kühlen Keller präsentierten sich die Weine so etwas wie „kühl“, vielleicht sogar etwas unnahbar. Aber sie öffneten sich schon nach dem ersten Schluck – ihr wildes Gebärdenspiel beruhigt sich am Gaumen – das Wilde wird zum feinen, differenzierten, verführerischen, saftigen Schluck. Die scheinbaren Ecken und Kanten passen sich an, an ein Panorama der Natur, das ich mir vorstelle, das meine Phantasie beflügelt: zuerst Thymian, Rosmarin, Lorbeer, Bohnenkraut und Majoran, dann Petersilie, Estragon, Kerbel, sogar wilder Schnittlauch und Kastanien. Nur Einbildung? Resultat einer soeben sinnlich erfassten, in seiner ganzen Geruchsvielfalt aufgenommenen Natur? Lassen sich all die erschnüffelten Aromen wirklich im Wein finden? Oder existieren sie nur in meiner Vorstellungskraft?

Dies tut letztlich nichts zur Sache, ist nur für den Chronisten wichtig. Allein entscheidend ist: Die Weine sind gut, sie sind einmalig, sie sind einmalig gut, vins sauvages eben.

Präsentation des Weins.

Es ist ganz selten, dass ich über ein einzelnes Weingut eine Kolumne schreibe. Diesmal mache ich eine Ausnahme. Warum? Weil alles etwas anders ist, die Winzerin und ihr Partner, das Weingut, der Rebberg und der Wein. Die Winzerin kenne ich schon seit vielen Jahren, nur virtuell. Einst schrieb sie auch im Weinforum von Wein-Plus. Dann ist sie abgetaucht in ihren eigenen Blog (www.weingut-lisson.over-blog.com). Bei der Wein-Rallye bin ich ihr dann wieder begegnet. Und jetzt habe ich auch ihre reale Welt (ein ganz klein bisschen) kennengelernt. Die Erkenntnis: Es doch gut, wenn man das Internet ab und zu verlässt, nicht nur um Weine zu trinken und genießen, sondern um zu erfahren, wie sie entstehen, erkämpft werden, zum Beispiel gegen den ausgeprägt guten Geschmack der Wildschweine. Spezielle Weine entstehen nicht im geschützten Raum, so quasi in Quarantäne. Sie entstehen vor allem in der Natur mit Geburtshelferinnen wie Iris Rutz-Rudel, die etwas Unverwechselbares, nämlich vins sauvages zu keltern weiß.

Herzlich
Ihr/Euer


Peter Züllig
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