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Zum Tod eines schweizerischen Spitzenwinzers Thomas Mattmann

Artikel
08.08.2011

Zum Tod eines schweizerischen Spitzenwinzers

Thomas Mattmann

„Der Schock sitzt tief!“ Immer wieder ausgesprochen von seinen Freunden, seinen Bewunderern, den Konsumenten seiner Weine. Und es ist keine Floskel, vielmehr bittere Realität.  Was sagt man, was schreibt man in solchen Augenblicken? Es bleibt auch mir nur, in Erinnerungen zu kramen.

Auf Schloss Reichenau bin ich in Begleitung des Schlossherrn und Winzers, Gian-Battista von Tscharner, hinuntergestiegen in den Keller, wo die alten Flaschen lagern und junge Weine ausgebaut werden. In einer Ecke sitzt ein junger Mann, über Instrumente, Papiere, Zahlen, Notizen gebeugt, er analysiert, vergleicht und errechnet Werte, die ich nicht so richtig verstehe. Bevor er von mir Notiz nimmt, rapportiert er dem Winzer seine Berechnungen und Erkenntnisse. Es wird beschlossen, morgen im Rebberg zu arbeiten und die Kellerarbeit ruhen zu lassen. Der junge Mann ist Thomas Mattmann, Önologe und Mitarbeiter des Winzers Gian-Battista von Tscharner. Das war vor gut zehn Jahren, zum ersten Mal bin ich da Thomas begegnet, zum ersten Mal haben wir über Reben und Wein, über Pinot Noir und Completer gesprochen.

Thomas Mattmann als Kellermeister bei der Weinlese

Vielleicht ein halbes oder ganzes Jahr später: Ich bin wieder beim Winzer in Reichenau. In der großen Küche – am imposanten Holztisch – haben wir Brot und Käse gegessen und Weine des Hauses getrunken. Es ist schon ordentlich spät, da kommt Thomas Mattmann aus dem Keller, um dem Winzer über den aktuellen Stand der Arbeiten zu berichten. Der Schlossherr lädt ihn ein, mit uns noch ein paar der alten, gereiften Käse zu verkosten und mit uns anzustoßen. Es wird ein langer Abend, fast schon eine lange Nacht. Thomas erzählt von seinen Erfahrungen in den Rebbergen, im Keller, beim Beurteilen von Weinen. Er ist soeben Schweizer Meister im Degustieren geworden.

In den nächsten Jahren – immer im Herbst bei der „Wümmet“ – sind wir gemeinsam im Rebberg. Thomas, der umsichtige Kellermeister und Önologe, achtet auf die Qualität unserer Arbeit bei der Lese. Er nimmt es genau. Befördert die eine oder andere Dolde aus dem Kistchen auf den Boden, schmunzelnd, aber bestimmt, und erklärt, warum er sie aussortiert hat: „Schau mal, darum sind diese Beeren...“ – zu grün, zu sauer, zu reif, zu faulig – „... Kann jedem passieren!“ Dann geht er weiter, zum nächsten Leser, zum nächsten Kistchen, zum nächsten Rebstock. Legt selber Hand an, schneidet Trauben ab, begutachtet sie und weiß etwas zu erzählen über das, was er gerade erntet.

Thomas Mattmann bei den Lesehelferinnen

Oft haben wir am gleichen Rebstock gelesen, er auf der einen Seite, ich auf der andern. Er spricht nicht viel, seine Art aber, mit den Trauben umzugehen, sein kritisches Prüfen, führt immer wieder zu Fragen, zu Gesprächen, Erklärungen. Ich will wissen, wie man es zur „Nase der Nation“ schafft; ich möchte auch einmal daran teilnehmen. Nur die erste Runde überstehen, mehr nicht. Er gibt Tipps, ermutigt mich, ist stolz auf den Titel, misst ihm aber nicht so viel bei wie dem Anliegen, guten, den besten Wein zu machen.

Zum letzen Mal stehen wir zusammen im Weinberg. Thomas erzählt uns von seiner „neuen Aufgabe“, ein Weingut in Zizers übernimmt er. Eine schwierige Aufgabe. Doch wir wissen es: Schon als Kellermeister bei von Tscharner hat er seinen eigenen Wein gemacht, den „Mattmann“. Er darf eine kleine Parzelle im Rebberg seines Chefs in eigener Regie betreuen, den Wein ausbauen und per Internet verkaufen. Wir sind gerade daran, „seine“ Trauben zu lesen. Am traditionellen Mittagstisch im Freien öffnet er eine Flasche, Magnum, seines „Mattmanns“. Wir staunen – ein ausgezeichneter Wein, wohl mit besonderer Sorgfalt und Liebe ausgebaut. So etwas wie ein Gesellenstück. Wir alle sind überzeugt, dass er es in Zizers schafft.

Schon bald, ein, zwei Jahre nach der Übernahme des Weinguts, macht Thomas von sich reden. Als Senkrechtstarter wird er bezeichnet. Schon rasch in die Gilde der schweizerischen Spitzenwinzer aufgenommen. Ich bin nicht überrascht, denn längst wissen wir, was er will: den allerbesten Wein machen. Immer häufiger taucht sein Name auf in den Weinzeitschriften, im Weinhandel, unter Weinfreunden. Sein Pinot Noir steht in den Regalen der besten Weinhandlungen.

Thomas Mattmann (Mitte) auf der ProWein 2008

„Pinot Rhein“, ein Gemeinschaftsprojekt der Bündner Winzer Hansruedi Adank, Hanspeter Lampert, Jürg und Ueli Liesch und eben Thomas Mattmann: Vier Weingüter vereinen das beste von ihren Pinots zu einem Wein, den sie genau so nennen, „Pinot Rhein“. „Das Gemeinschaftswerk ist vielleicht besser, ganz bestimmt aber anders. Nämlich nahe an der bestmöglichen Typizität für einen Pinot Noir aus dem Bündner Rheintal“, schreiben sie.

Immer wieder begegne ich Thomas, auf Veranstaltungen, Präsentationen, Degustationen. Vor drei Jahren sogar auf der ProWein in Düsseldorf, am Stand von „Vinum“, zusammen mit seinen Freunden von „Pinot Rhein“. Zum letzten Mal vor ein paar Monaten, wieder in Düsseldorf auf der ProWein, diesmal am Schweizer Stand. Wir reden wieder – wie schon vor Jahren – über den Completer, über seine Absicht, in Quinten am Walensee – nur mit dem Schiff zugänglich – den Completer anzusiedeln. Ein geradezu prädestiniertes Terroir für den so speziellen Bündner Wein. Er erzählt auch von seinem Misserfolg, als fast seine ganze erste Ernte vom Completer durch einen Schlauchbruch verloren ging. Er erzählt... und er erzählt auch den nächsten Besuchern am Stand... und – wie ich ihn in all den Jahren immer erlebt habe – nicht von seinem Leben, von seinen Ängsten und Sorgen, er erzählt von seinen Weinen und seiner Liebe zum Wein.

Thomas Mattmann auf der ProWein 2011

So also habe ich ihn in Erinnerung. Thomas Mattmann, den begabten Winzer. Nun ist der gegangen, kaum vierzig Jahre alt, „der Schock sitzt tief“. Trost auszusprechen, allen denen, die ihm nahe stehen, das ist das eine. Das andere – und ich glaube, das ist das Entscheidende –, seine Weine leben weiter, nicht nur in der Schatzkammer von „Mémoires des Vins Suisses“, auch in unserer Erinnerung, auch in unseren Herzen.


Peter Züllig
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