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Zum Vierzigsten

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Artikel


Zum Vierzigsten

Diesen Vortrag hat mein Schwager und Freund Michael Küchle zu meinem (Utz Graafmann) 40. Geburtstag gehalten. Wer es liest, dem lüftet sich damit auch eine Begebenheit aus den Anfängen des Weinführers, die wir bisher schamhaft verschwiegen haben...


Geburtstagsfeier !
Fort der Dreier.
Jubilar
40 Jahr.
Altersschwelle
Psychodelle
Mittelalter - demoskopisch,
aus, vorbei mit jung-dynamisch:

In Kürze ist man 50 Jahr
und dann ist gleich der Sechz‘ger da.
Und die mit 60 nennt der Demoskop
die „Neuen Alten” - ziemlich grob.

Älter werden - Psychotief !
Doch was bleibt - alternativ ?

Jetzt zu leben,
und - älter werden !

Mit 40 hat man das gerafft
und die Basics angeschafft.
und, weil man jetzt erfahren ist,
lebt man ab da als Hedonist !


Utz baute, als man dieses Haus
erneuerte, den Keller aus.
„DEN kleinen Keller”, wundert sich
so mancher, der noch jünger ist;
der ältere erkennt daran:
„Utz ist wohl Ende 30, Mann.”
Ein kleiner Keller - steinbewandet,
klimatechnisch lehmbehandelt,
Außenzugang, -- gut verschließbar:
was drin ist, bleibt da lang genießbar....!

Utz baut also diesen Keller aus,
und was erkennen wir daraus?
Utz denkt, -- wie immer reflektiert,
voraus, -- wie es mit 40 wird:
Denn was für’n Yuppie s Handy ist,
das ist der Wein für’n Hedonist,
lebenstechnisch, ideell,
rundherum halt essentiell!

Doch es gibt da Unterschiede
in des Hedonisten Triebe:
Der Eine sich den Wein einleibt.
Der Andere es planvoll treibt,
befragt erst Bücher, Zeitschrift, Internet,
schult Auge, Nase, Intellekt,
wählt Gläser und Karaffen aus,
und baut den Keller weiter aus,
lernt Vokabel, Fachjargon,
und übt erst dann Degustation
und die Sprache, die es braucht,
wenn der Wein da etwas taugt.



Wein ist wie Physik - Passion!
Erkenntnis braucht die Diskussion,
Weltweit, wenn es irgend geht.
Darum die Page im Internet.
Wein-plus und -Stammtisch virtuell
macht Weingenuß rein ideell;
besoffen macht der E-mail-Scroll
ohn‘ jeden Tropfen Alkohol.
(und die Riesen-Mailing-List
bringt’s, daß da kein Mangel ist)

Nur - so theoretisch-virtuell
verblaßt der Eindruck ziemlich schnell,
beflügelt zwar die Phantasie,
bleibt aber doch nur Onanie.
So braucht’s das praktische Erleben,
man will auch Zung‘ und Nas‘ was geben,
und auch Auge, Hände, Gaumen
wollen ihren Teil der Trauben:
Messen also, -- Essen, -- Monatsweine,
dort trifft sich jetzt die Weingemeinde,
diskutiert und dekantiert,
degustiert und describiert,
schlürft und schmeckt
und schwenkt und schleckt -
und dann, - spuckt man den Wein hinweg. -
und schont damit den Intellekt.

Kaum, daß einer mal was schluckt,
der Wein wird einfach ausgespuckt
in einen Extra-Kübel, den es gibt,
wohin man auch den Rest im Glase kippt.
Dort mischen sich die Moleküle,
verschmäht, voll trauriger Gefühle
die Weine, die trotz Prädikat
der Weinfreund weggeschüttet hat.!
So’n Wein versteht sich letzten End‘
schließlich doch als ein Getränk!
So weggeschüttet, ausgespückt
des Weines Seele sehr bedrückt.
Dem Wein und mir scheint das verrückt!
- Ich komm‘ d’rauf später noch zurück.-

Zunächst -s‘ ist dieser Treffen Sinn
Erkenntnismehrung und -Gewinn.
Das Wissensarchiv füllt sich an
und irgendwann - und irgendwann
muß dieses wissen an den Mann
und an die Frau.
Dank EDV
und world wide web
weiß man es im Internet:
Sam probiert die Weine aus,
und Utz gibt dann das Buch heraus.
Perfekt vorher organisiert,
unabhängig, kontrolliert,
Flaschenfotoautomat,
Nummernsekretariat,
Blindverkostung, Punktescalae, -
und auch große Weinregale,
damit das Buch perfekt erscheine
als DER Führer Deutscher Weine.


Bald schon schicken Winzer Flaschen,
damit sich diese testen lassen.
Sam beginnt auch gleich zu testen,
doch was macht er mit den Resten?
Natürlich spuckt er auch
aus, wie es der Brauch.
Aus jeder Flasche nur ein paar Kubik-
Zentimeter fehl’n am Schluß im Schnitt,
der Rest verschmäht und weggelegt.
Ob das der Wein nicht falsch versteht?
Da wird beschrieben: „Großer Körper”,
„Lange Nase” und Aromen,
„Starker Auftritt”, „Langer Abgang”
und des Weinbergs Chromosomen,
früh gelesen, spät vergoren,
bis es klingelt in den Ohren,
makrolaktisch angebaut,
oder im Barrique versaut.
Alles wird hier durchgekaut,
doch der Wein wird weggehaut.

Wie man Sam und Utz so kennt,
hab‘n Sie sich keinen Rausch gegönnt.
Kein Gelage in dem Keller,
blieben brav auf ihrem Teller, --
wurde dabei Lust geweckt,
so war’s allein für’n Intellekt...



Nachts, wenn alles dunkel war,
- die Luft voll köstlicher Aromata, -
verflüchtigt sich der Alkohol
aus all den Resten, die noch voll
und transportiert die Botschaft leise:
„Eh‘ Flaschen, Freunde, das ist Scheiße,
die beiden hier, die hab’n ne Meise.
Bloß, weil ich auch zum Wein gehöre,
wie Tannin und Süße, Säure,
berauscht so’n Hedonist-Asket
sich allein an dem Bouquet;
keiner trinkt von uns nen Schluck,
die machen mich noch ganz verruckt.”

Die Kunde breitet sich wohl aus
und dringt auch zu den Flaschen raus,
den dicht gedrängten Prüfungskandidaten,
die in den Regalen warten.

Hat das Einfluß auf den Wein?
Wie wird seine Stimmung sein?
Erscheint ihm seine Zukunft fahl?
Wird das Warten da zur Qual?
Oder schürt es Aggression?
Kocht des Weines Seele schon?
Rüttel ungeahnte Kräfte
in des Weines Rebensäfte?
Teilt sich das mit an das Regal?

Ich meine ja, - auf jeden Fall!



Am Morgen kommt der Utz zu Apris
und spürt sofort, daß da was da is‘,
denn in der Luft
da liegt ein Duft
von all den Köstlichsten Aromen,
die meist in Weinen so vorkomen.
Und mit geschulter Kennernasen
sich die Geschmäcker teilen lassen;
der Duft schließt auf ein Rebenwunder:
Kerner, Riesling, Grauburgunder!
Kann EIN Wein
so vielfach sein?

Immer seiner Nase nach
kommt Utz ins Tester-Vorgemach,
dort, wo der Wein im Regal lach. -
Dort trifft ihn dann des Weines Kraft,
wie es nur Wein in Freiheit schafft:
aus den Flaschen nun befreit
fließt er umher als Flüssigkeit.
Das Regal, einst aufrecht, stark,
ist getroffen bis ins Mark.
Seine Streben sind geknickt
und am Boden es nun liegt.

Kartons, die einst Verpackung waren,
weingetränkt im Scherbensee,
Weindunst sitzt in Utzens Haaren,
Wein umspült den großen Zeh,
Wein benebelt Hemd und Hosen
und im Weinsee schwimmen Dosen.

Utz, mit jedem Atemzug,
kriegt er Alkohol genug,
inhaliert ihn pulmonal, -
kichernd stöhnt das Weinregal... .



EPILOG

Ist man 40, - Hedonist,
bedenke, was das Leben ist !
Der Wein will Wein sein - dezidiert,
nicht nur seziert und degustiert.
Er will berauschen, - bedenk‘ es wohl,
deshalb enthält er Alkohol !

Was war im Apris-Keller los?
War da die Depression so groß?
Gab des Weines Perspektive
für den Regalsturz die Motive?
Teilt sich das Geschehen mit
als kollektiver Suicid?

Oder war die Intention,
dem Utz, dem zeigen wir das schon:
„Wenn wir uns alle auf ihn glucken,
dann muß er - muß er - einmal schlucken!”

PROST!



Dr. Michael Küchle
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