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Zwei Jahre verstreichen von der Fassprobe bis zur Arrivage Warten auf Bordeaux

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Artikel
11.06.2007

Zwei Jahre verstreichen von der Fassprobe bis zur Arrivage

Warten auf Bordeaux


Das christliche Kirchenjahr kommt mir in den Sinn: Es beginnt im Advent, mit der Zeit der Vorbereitung und endet im Herbst, nach dem Erntedankfest. Eingeteilt, je nach Konfession, in Weihnachtskreis, Osterkreis und Trinitatiszeit. Der liturgische Kalender der katholischen Kirche hat dazu noch einen zwei- und dreijährigen Rhythmus um die Heilsbotschaft zu verkünden.

Château Pichon-Longueville Baron gehört einmal mehr zu den Spitzenweinen im klassischen Stil

Nein, ich will die Analogie nicht allzu sehr strapazieren, doch der Osterkreis, der mit dem Pfingstfest endet, ist für jeden Bordeaux-Liebhaber die Zeit der entscheidenden Rituale. Die Fastenzeit, die schenkt man sich, doch dann - im Umfeld der Karwoche - beginnt die Pilgerfahrt ins gelobte Land Bordeaux.

Händler, Journalisten, geadelte und selbsternannte Fachleute ziehen - eine Woche lang - von Château zu Château, von Empfang zu Empfang, von Degustation zu Degustation. Fünfhundert, achthundert, ja tausend Fassproben werden stolz - aber auch abgeschlafft und ermattet - vermeldet.

Der Bordeauxfreund zuhause wartet auf die ersten „Rauchzeichen” aus dem Land der Sehnsüchte. Die zentrale Frage ist weit weniger dem Christentum, als vielmehr der Märchenwelt entnommen: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist ....” Nein, nicht die schönste, der beste (Wein) im ganzen Land. Noch vor Jahren, da musste man warten, hoffen, bangen, bis all die Notizen verarbeitet und publiziert waren. Jetzt, im Zeitalter des Internets, da geht alles blitzschnell. Täglich melden die Auguren, was sie in den Gläsern gesehen, erschnüffelt und verkostet haben.

Arrivage 2004: Die Bordeaux-Kisten stapeln sich zum letzten Mal in der Wohnstube

Dann, das Osterfest ist längst vorbei, tauchen die ersten Punkte auf: Die einen halten es mit der Hunderter-Skala, die andern mit der Zwanziger, die Bescheidenen lediglich mit der Fünfer. Die Notizen dazu sind eintönig, meist banal und gipfeln oft in Kurzformeln wie „wow”, oder etwas differenzierter: „blumig, fruchtig, knackig, frisch und lecker”. Als einziger, etwas besser messbarer Anhaltspunkt dienen die Tannine und der Alkoholgehalt, etwa „frisches Tannin, spürbarer Alkohol, Harmonie noch nicht gefunden”.

Mai - Juni: Weinzeitschriften haben ein gemeinsames Thema: Bordeaux 2006
Neugierig, besessen darauf, d i e Wahrheit im neuen Bordeaux-Jahrgang zu finden, habe ich mich wenigstens an der Statistik festgeklammert: Einer der vielen Weinkritiker für eine große Weinzeitschrift hat 359 Fassproben taxiert und beschrieben, das Wort „lecker” kommt darin 15 mal vor, der Begriff „würzig” 19 mal und „eckig” gar 22 mal, Tannine werden 124 mal erwähnt, davon gibt es das eine Mal zu viel, das andere Mal etwas wenig und das „Holz” taucht 67 mal auf.

Weiß ich jetzt mehr - kann ich mich der „Wahrheit” nähern? Der ernsthafte Bordeauxfreund gerät spätestens jetzt in Stress. Der junge Wein - noch fast zwei Jahre verborgen im tiefen Keller der Bordeaux-Châteaux - drängt schon auf den Markt, der „alte” - abgefüllt in Flaschen, vor zwei Jahren gekauft und bezahlt, trifft allmählich ein. Und dies alles in der Zeit vor und nach Ostern. Die Flaschen und Kisten stapeln sich: in der Regel in einer Ecke des Kellers, bei mir - zwecks Aufteilung und Eintragung in die Bordeaux-Statistik und Lagerhaltung - zum Entsetzen meiner Lieben in der Wohnstube.

Und täglich treffen neue „Beurteilungen” ein. Ernsthaft, wie ich die Sache beim Bordeaux anzugehen pflege, trage ich Punkte und Urteile säuberlich in eine Excel-Datei ein. Das artet in Arbeit aus. Bis jetzt sind es sieben Kritiker mit ihren Punkten und Kommentaren, immerhin 3.500 Eintragungen, die längsten an die 1.000 Anschläge.

Fassmacher auf Château Margaux: in diesen Fässern ruhen jetzt die Weine

Das Bordeaux-Fieber steigt: Warten auf den Meister Robert Parker: um ihn und sein Urteil dreht sich die Preisspirale. Er lässt sich immer mehr Zeit, lässt auf sich warten. Doch noch vor Pfingsten ist es soweit: der Meister hat gepunktet.

Erst jetzt geht es so richtig los: die Preise. Früher waren es die Grossen, die den Ton angaben und das Preisniveau bestimmten. Jetzt rücken die Großen ganz am Schluss mit ihren Preisvorstellungen heraus. Quasi, wenn der Markt erkundet ist. Inzwischen bewegen sie sich in einem Umfeld, wo nicht mehr die Liebe zum Wein, sondern der Luxus den Markt bestimmt.

Auf dem Prüfstand: Fassproben von Clos Badon bis Valandraud
Zuerst kommen also jetzt die Kleinen, sie nutzen den Zeitvorsprung für die ersten Verkäufe. Dann sind es die Mittleren, die auf den Markt drängen und die ersten heftigen Diskussionen zum Verhältnis Preis - Leistung auslösen. Und schließlich warten die teuren und ganz teuren Weine Pfingsten ab (Hoffen auf den heiligen Geist?), um dann, eben in diesen Tagen - Mitte Juni - den Kauf „en primeur” zu starten.

Jetzt ist wieder der Bordeaux-Liebhaber am Zug. Was soll er subskribieren - kaufen, so quasi als Termingeschäft - oder warten? Auch wenn er jetzt kauft, werden die Weine erst in zwei Jahren (siehe katholischer Liturgierhythmus) in seinem Keller ankommen: Arrivage. Erst dann kann er überprüfen, wofür er schon jetzt - auf Grund seiner Überlegungen und seines Glaubens - bezahlt hat. Viel Geld, für immer weniger Flaschen.

Vor einem Jahr bin ich ausgestiegen, aus diesem liturgischen Karussell (siehe Kolumne „Abschied von Bordeaux”). Ich mache nicht mehr mit, oder nur noch ganz am Rande. Die 12er und 6er Kisten vom Jahrgang 2004 stapeln sich zum letzten Mal. Dann wird es bescheidener. Dafür habe ich gute Gründe: mein Alter - was ist schon in 10 Jahren, wenn die Weine wirklich reif sind? - und die Entwicklung im Bordelais bei den Weinen mit großen Namen in Richtung Luxus.

Fassprobe: nach geschlagener Schlacht um den besten Bordeaux 2006

Die Bordeaux-Erregung aber, rund um den Osterkreis bis weit nach Pfingsten, ist geblieben. Schweißige Hände, leicht zittrige Lippen, flackernde Augen: sie sind ein sicheres Zeichen, dass ich der Dame „Bordo” noch immer verfallen bin, denn was man einmal innig geliebt hat, ist nicht aus der Seele zu löschen. Auch wenn man vorgibt, den Verstand walten zu lassen, oder sich gar die Liebe in Hass (eine zerstörerische Form der Liebe) wandelt.

Herzlich

Ihr/Euer

Peter (Züllig)

PS. Für all jene, die eine Aufzählung der besten Bordeaux 1996 vermissen und Empfehlungen wünschen: hier die besten Weine gemäß durchschnittlicher Wertung von 9 Weinkritikern.

Für Luxustrinker und Spekulanten:
Cheval blanc, Margeaux, Léoville-Las-Case

Für Liebhaber von Tradition und Namen:
Calon-Ségur, Malescot Saint-Exupéry, Léoville-Barton, Pichon-Longueville Baron

Für Normalsterbliche im mittleren Bereich:
Clos de Lunelle (Côtes-de-Castillon), Cantenac-Brown, Léoville-Poyferré

Für Jäger und Sammler:
Monfollet (Blaye), Moulin Haut-Laroque (Fronsac), Clos du Jaugueryron (Haut-Médoc)

(wie immer, ohne Gewähr)


Peter Züllig
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