Zwitterblüte
Glossar-Begriff
|
Informationstexte
Suchwort: Zwitterblüte
Zwitterblüte
Übersetzungen in andere Sprachen sind nur für Abonnenten verfügbar.
Die kultivierte Weinrebe ist zumeist einhäusig (monözisch) mit zwittrigen Blüten. Zugleich ist sie fakultativ selbstbefruchtend. Die Wildreben sind zumeist zweihäusig (diözisch), das heißt es gibt Pflanzen mit ausschließlich männlichen oder ausschließlich weiblichen Blüten, so dass eine sogenannte Selbstung (Selbstbefruchtung) ausgeschlossen ist. Bei einhäusigen Pflanzen kommen beide Geschlechter an einer Pflanze vor. Die Blüten können getrenntgeschlechtlich sein, so dass männliche und weibliche Blüten an der selben Pflanze, aber in getrennten Blütenständen vorkommen, oder es sind hermaphroditische (intersexuelle) Zwitterblüten, in denen männliche und weibliche Sexualorgane in einer Blüte vereinigt sind. Der Rebstock ist eine so genannte bedecktsamige Pflanze. Das heißt, die Blütenknospe ist mit der Blütenhülle (Perianthium) bedeckt, die in der Zeit der Blüte geöffnet bzw. abgeworfen wird, um dadurch eine Bestäubung (und sofort daran anschließende Befruchtung) zu ermöglichen. In der Regel sind die kultivierten Rebsorten so genannte Hermaphroditen, das heißt eben zwitterblütig bzw. zweigeschlechtlich. Es gibt aber auch eingeschlechtliche Exemplare, die ausschließlich weibliche Blütenorgane tragen.
Im Prinzip gibt es drei Möglichkeiten, wie die sexuellen Organe bei Pflanzen angeordnet sind. Bei der ersten Möglichkeit sind die „Geschlechtsteile“ getrennt auf zwei verschiedenen Pflanzen, zum Beispiel ein Baum mit nur funktionsfähigen männlichen Teilen (und verkümmerten weiblichen Teilen), und ein zweiter Baum mit nur funktionsfähigen weiblichen Teilen (und verkümmerten männlichen Teilen). Nun müssen die zwei „zusammenkommen“. Die Pflanzen sind auf fremde Hilfe angewiesen, das heißt auf Wind und Insekten. Viele Blüten werden deshalb nicht befruchtet und die Fruchtausbeute kann relativ gering sein. Solche Pflanzen nennt man übrigens „zweihäusig“, denn die männlichen und die weiblichen Sexualorgane befinden sich ja jeweils auf einem eigenen „Haus“ (Pflanze). Diese Form kommt wie oben erwähnt in der Regel bei den Wildreben vor.
Die zweite Möglichkeit sind Pflanzen, wo die Geschlechtsteile zwar getrennt, aber auf derselben Pflanze vorhanden sind. Das heißt, auf Zweig A gibt es einen männlichen Teil, und auf Zweig B einen weiblichen Teil. Da ist das Zusammenkommen leichter, aber immer noch schwierig, da die Pflanze ebenso auf fremde Hilfe angewiesen ist. Solche Pflanzen nennt man bezeichnenderweise „einhäusig“, da sich beide Sexualorgane auf einem „Haus“ befinden. Die dritte Möglichkeit sind Zwitterblüten (Hermaphroditen), wo der männliche Teil (Samen = Pollen) und der weibliche Teil (Narbe) in einem Organ vereinigt sind. Das ist in der Regel bei der kultivierten Weinrebe der Fall. Hier ist die Pflanze auf fremde Hilfe nicht oder kaum angewiesen. Zur Zeit der Blüte öffnet sich der männliche Pollensack, die Pollen werden freigegeben und von der darunter liegenden klebrigen weiblichen Narbe aufgefangen. Voraussetzung ist allerdings, dass sie nicht selbststeril ist, was bei nicht kultivierten Pflanzen oft der Fall ist. Sie schützt sich damit sozusagen vor einer (zumeist negativen) Inzucht; nur eine Fremdbefruchtung führt zu positiven Heterosis-Effekten.
Erfolgt während der Blüte die Befruchtung durch Pollen desselben Rebstocks innerhalb der Zwitterblüte (Autogamie) oder zwischen zwei Blüten (Geitonogamie), spricht man von Selbstbefruchtung oder Selbstung. Sind zwei verschiedene Rebstöcke beteiligt (egal ob gleiche oder fremde Sorte) spricht man von Fremdbefruchtung (Xenogamie). Für den Fruchtansatz und die Beerenentwicklung ist es weitgehend unerheblich, ob der Same selbst oder fremdbestäubt wurde. Die kultivierten Reben sind aber in der Regel nicht selbststeril. Großteils findet eine Selbstbefruchtung innerhalb der Zwitterblüte statt. Die problemlose Selbstbefruchtung ist aber etwas unterschiedlich je Sorte. Mangelnde Fähigkeit dazu haben zum Beispiel Grünling (Adelfränkisch) und manche Traminer-Klone. Solche Sorten sind dann oft parthenokarpisch (jungfernfrüchtig) und damit kernlos (ohne Samen). Sie brauchen Pollenspender, die früher im Mischsatz in alten Weingärten rundum gestanden sind. In sortenreinen Anlagen machen sie Probleme, besonders bei schlechtem Blühwetter, wenn die Pollen nicht weit genug fliegen und vom Regen aus der Luft ausgewaschen werden. Eine auch bei nassem Wetter guter Selbstbestäuber ist z. B. der Welschriesling.
Erst durch die Befruchtung entsteht aus jeder einzelnen Blüte eine einzelne Beere. Findet keine Befruchtung statt, dann gibt es auch keine Beere, bei solchen Blüten kommt es zum Verrieseln. In einer befruchteten Beere sind die bis fünf (selten sechs) Embryos = Kerne potentiell für jeweils eine neue Sorte bereit. Das heißt, dort sind alle Gene der zwei Elternteile weitergegeben worden. War es eine Selbstbefruchtung, dann ist das zum Beispiel Grüner Veltliner x Grüner Veltliner. Sind die Pollen aber vom Nachbargarten gekommen, wo ein Blauburgunder steht, dann ist das Grüner Veltliner x Blauburgunder (die Mutter wird immer zuerst genannt). Dieses natürliche Kreuzungsergebnis ist aber wie gesagt nur potentiell (schlummernd) vorhanden und kommt im Weinbau nicht zum Tragen. Die Weintrauben entsprechen äußerlich und von den sortentypischen Eigenschaften immer zu 100% der Mutter, unabhängig der väterlichen Gene in den Traubenkernen.
Nur dann, wenn nun so ein Kern in den Boden gelangt, zu wachsen beginnt, zu einem Sämling (jungen Rebstock) wird, es zur Blüte kommt, eine Befruchtung stattfindet, und schließlich eine Beere heranwächst, erst dann ist diese Beere das nun verwirklichte Ergebnis einer bis dahin nur theoretisch vorhandenen Möglichkeit. Eine neue Sorte entsteht dann, wenn die Befruchtung durch einen fremden Rebstock einer anderen Sorte erfolgte. Auf diese Art und Weise wurden in vielen Tausenden Jahren die derzeit rund 10.000 Rebsorten gebildet. Im Prinzip werden die Gene auch dann neu gemischt, wenn es sich um zwei Rebstöcke derselben Sorte handelt, die genetischen Unterschiede sind aber gering.
Bei einer Neuzüchtung von Rebsorten macht man sozusagen die Natur nach. Man kastriert die Muttersorte, das heißt, man entfernt den männlichen Teil einer Blüte, um eine Selbstbefruchtung zu verhindern. Dann entnimmt man nimmt Pollen vom gewünschten Vater und bringt sie auf die Narbe der Mutter. Der ausgewachsenen Beere entnimmt man die Kerne, setzt sie in den Boden und zieht einen neuen Rebstock heran. Das macht man mit ein paar hundert Beeren und selektiert immer mehr, bis die besten Ergebnisse übrig bleiben. Siehe auch unter Blüte, Reben-Systematik, Rebsorte, Rebstock und Züchtung.
Hermaphrodite flower