[weinforum] Re: Getrunken - Gressier Grand Pougeaux 1973, Moulis
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Betreff: Re: Getrunken - Gressier Grand Pougeaux 1973, Moulis
Datum: 2012-02-06 21:57:38Absender: "Peter Züllig"
Grüezi Jürgen
Du sprichst etwas an, das wohl nicht nur Dich, sondern uns alle immer
wieder beschäftigt: Kriterien für eine einigermassen verlässliche
Weinbeurteilung zu finden - vor allem im Bereich, wo es um
Marktpreise geht, die wehtun. Nicht nur als Anfänger sucht man -
zur Recht - nach Urteilen, die helfen, sich in der unglaublichen
Weinvielfalt zurecht zu finden.
Du zitierst den "Kleinen Johnson", eine unglaublich knappe und
recht pauschale Zusammenfassung. Grundsätzlich mit einem hohen
Glaubwürdigkeitspotenzial. Aber auch hier - gerade in dieser
generellen Form - findest zu Ungereimtheiten zuhauf. Es ist einfach
so, dass auch ein Johnson - er kann mit beliebigen anderen
Weinkritikernamen ersetzt werden - längst nicht mehr in der Lage
ist, Jahr für Jahr selber all das zu testen, was er bewerten sollte:
jeden Jahrgang, jedes Château, jede Veränderung im Keller und im
Weinberg. Dazu kommen die vielen neuen Namen, die neuen Weingüter,
die sich plötzlich in die Gilde der zu beurteilende Weinwelt
schieben. Allein im Bordelais - zum Beispiel in St-Emilion - sind
es in den letzten Jahren Dutzende von Betrieben, die von sich Rede
machen und so den Markt erobern wollen.
Da braucht es schon einen grossen Stab - mit genormten Kriterien
und fixen Beurteilungs-Parametern - um auch nur einigermassen ein
zuverlässiges Urteil erarbeiten zu können. So aber funktioniert die
Weinkritik nicht. Sie ist weit mehr Abhängig vom Hörensagen, von
Fremdurteilen, von Zufälligkeiten, von traditionellem Weiterschreiben
einmal gesetzter Werte, als wir annehmen oder wahrhaben wollen. Bei
Tausenden von sich ständig wandelnden Werten ist dies - besonders
im Einmann- oder Einfraubetrieb gar nicht anders möglich. In der
Weinkritik - vor allem bei älteren Weinen - ist nicht mehr viel
originär. Der Zufall (oder externe Anhaltspunkte) bestimmen
weitgehend die Aktualisierung von Benotungen oder Beschreibungen. Ich
habe über mehr als dreissig Jahren Benotungen und Beschreibungen von
fast allen beurteilten Bordeaux-Weinen gesammelt und archiviert.
Deshalb bin ich - dank Computer - in der Lage, Vergleiche zu
ziehen, Veränderungen der Urteile zu erkennen und - schon fast
genüsslich - festzustellen, dass Weinkritiken (selbst jene von
Parker) bei etwas gereifteren Weinen - eine schon fast sträfliche
Lotterie darstellt. Die Kritiker schaffen es gerade mal noch, die
Jungweine (Primeur) und vielleicht noch die ersten zwei Jahrgänge
nach dem Verkauf persönlich zu testen - alles andere ist Zufall,
Mache oder schlicht und einfach Hochstaplerei.
Herzlich
Peter
>
>>Hallo Peter,
>
>ich nehme deinen Bericht zum Anlass über ein anderes Thema, aber
>an
>Hand des von dir beschriebenen Weingutes, zu sprechen: Die
>Sogenannten
>Weingurus. In diesem Fall Hugh Johnson.
>In der mir zur Verfügung stehenden ältesten Ausgabe von 1999
>(könnte sein das ich da zum ersten Mal den kleinen Johnson gekauft
>habe)steht über GGP 97: "Sehr guter Cru Bourgeois, Nachbar von
>Chasse-Spleen. Schon lange bewährter, feiner und fester Wein.
>Aufbewahrung zahlt sich aus". Dieser Wortlaut bleibt über die
>darauffolgenden Jahre gleich. In 2006 heißt es dann nicht mehr
>Nachbar von Chasse-Spleen sondern: gleicher Besitzer wie CS. In
>2009
>eine etwas veränderte Wortwahl: "Gut mit 20ha in Moulis", der
>Rest:
>siehe oben. Dann die Ausgabe 2011: "Wenig auffälliges Gut mit
>durchschnittlich 5000 Kisten. Seit 2003 im selben Besitz wie CS, in
>der Vergangenheit solide Weine, die reifen müssen".
>Da fragt man sich doch, was ist passiert, was hat das Gut getan,
>das
>es zu dieser Herabstufung gekommen ist? Ich schaue mir, um zu
>vergleichen die Kritiken von Chasse-Spleen an: In etwa immer der
>gleiche positive Bericht. Mir währe das wahrscheinlich nicht
>aufgefallen, wenn ich nicht ähnliches bei anderen Gütern
>festgestellt hätte, wie z.B.: Caronne-St.-Gemme: "Weingut im
>Medoc,
>mit 40 ha. Stetige stilvolle Qualität ist der Lohn für die
>Geduld".
>So von 1999 bis 2010. In 2011 wird das Gut noch nichtmal mehr
>erwähnt.
>Warum werfe ich die Frage auf? Als ich in den 90ern Jahre anfing
>mich
>für Wein zu interessieren habe ich mich auf ein paar Sogenannte
>Weinexperten gestützt und gekauft. Die beiden o.a. Weine incl..
>Gute
>Alltagsweine zu vernünftigen Preisen und Lagerfähig dazu. Heute
>habe
>ich meine eigenen Lieblinge gefunden.Trotzdem kaufe ich den Johnson
>weiter, um auf dem Laufenden zu bleiben, Veränderungen zu
>erfahren.
>Aber, die Frage sei erlaubt: Welchen Nutzen haben diese Weinführer
>überhaupt und im speziellen für interessierte Neulinge,die einen
>Leitfaden suchen und um die Frage zu wiederholen: Was hat das
>Weingut
>getan? An der Weinqualität der Güter liegt es nicht, die habe ich
>weiter gekauft und getrunken. Die Qualität ist ehr besser
>geworden,
>wie bei den meisten Gütern im BDX.
>
>Gruß
>
>Jürgen Erdmann
>
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