AW: RE: AW: RE: Interview mit Reinhard
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Betreff: AW: RE: AW: RE: Interview mit Reinhard
Datum: 2006-12-24 15:46:16Absender: Jürgen Steinmeyer
Hallo Bernd,
unbestritten ist die Zahl der Erzeuger,
die außergewöhnliche Weine machen,
recht gering. Ich weiß auch sehr gut,
was du mit deiner Aussage meinst:
Zuwenig Weine haben eine Seele.
Aber was ist Seele, Charakter, Ausdruck?
In einer verdeckten Probe habe ich
langjährigen Moselkennern verschiedene
bekannte Lagen von sehr guten Erzeugern
vorgestellt.
Es waren Weine mit einer bestechenden
mineralischen Schieferaromatik, komplex,
mit einer präsenten lebendigen Säure,
mit der Vielschichtigkeit der Spontangärung
und einer vielfältigen ausdrucksstarken Rieslingfrucht.
Es waren Weine aus der Oberschicht,
es war ein außergewöhnliches Genußerlebnis,
aber der Wiedererkennungswert war äußerst gering
und entsprach der Zufallsstatistik.
Es ist das, was Peter und andere hier
schon in der Diskussion anfügten.
Etwas, das verschieden interpretiert wird.
Und gewichtet, bewertet, erkannt.
Wer will schon den Stein der Weisen gefunden haben.
Wein ist etwas zaubervolles,
darum verzaubert er uns und macht uns zu Freunden.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein frohes
friedvolles Wein-Weihnachtsfest, alles Liebe und Gute
zum Jahreswechsel, Glück und Gesundheit,
aber auch Zufriedenheit und für die kleine Minderheit -
die es noch nicht in den Ruhestand geschafft hat,
recht viel Erfolg bei den beruflichen Unternehmungen.
Freundliche Grüße
Jürgen
-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: weinforum_owner@apris.de [mailto:weinforum_owner@apris.de]Im
Auftrag von Bernd Schulz
Gesendet: Samstag, 23. Dezember 2006 22:14
An: weinforum@wein-plus.de
Betreff: [weinforum] RE: AW: RE: Interview mit Reinhard
Hallo Jürgen,
aus welchen Gründen auch immer kommt mir deine Antwort
erst heute vor die Augen. Und da muß ich dann doch
noch mal kurz dazwischenschreiben:
--- Jürgen Steinmeyer <JSteinmeyer@arcor.de> schrieb:
> > Und "Terroir" ist meiner Meinung nach durchaus
> etwas,
> > was vom Winzer herausgekitzelt werden muß. Die
> > schönsten Lagen sind witzlos, wenn der Erzeuger
> nicht
> > fähig ist, sie zu interpretieren.
>
> Hallo Bernd,
> das ist eine schöne Interpretation, aber es ist nur
> eine Werbeaussage der Terroirverkäufer.
Viele Winzer verfügen leider nicht über die Fähigkeit,
einen für ihre Lagen charakteristischen Wein mit
einigem Ausdruck auf die Flasche zu bringen. Fahre mal
an die Mosel und probiere dich da z.b. in Reil,
Kinheim oder Brauneberg durch diverse Weingüter. Dann
weißt du, was ich meine.
> Freilich richtet sich der Laubschnitt nach
> Standweite,
> Bodendurchlässigkeit und Erziehungsart.
> Aber es ist nichts geheimnisvolles.
> Auch der gemeine Winzer kennt das Menge-Gütegesetz
> und qualitätsfördernde Maßnahmen.
> Terroir verliert sich in der Menge und geringer
> Qualität.
> Wenn ein Terroir vorhanden ist, dann muß ich immer
> und überall das gleiche tun. Ich muß den Anschnitt
> begrenzen, die Trauben gesund halten und selektiv
> lesen.
> Ich muß den Trauben das lassen, was sie
> standortmäßig
> in sich tragen.
Da bin ich ganz deiner Meinung.
> Das hat nichts mit esotherisch-philosophischer
> Einflußnahme zu tun. Nicht mit der überragenden
> Fähigkeit,
> den Weinberg ähnlich eines Fußballspiels zu lesen.
> Und schon gar nicht mit überlegenen Intellekt oder
> nur einer Elite offen stehendem Geheimwissen.
Von Geheimwissen redet ja auch niemand. Eine penible
Weinbergsarbeit und eine durchdachte, möglichst wenig
manipulative Kellertechnik dürften der Schlüssel zum
"Terroirwein" sein.
Nur: Wer in Deutschland arbeitet denn heutzutage
wirklich konsequent nach dem Motto "So viel wie nötig,
so wenig wie möglich"? Selbst viele renommierte
Spitzenbetriebe wurschteln für meinen Geschmack
inzwischen viel zu viel am Wein herum. Das fängt bei
den Hefen an und hört mit der Säuerung in 03 noch
lange nicht auf.
Es gibt einige wenige Winzer, die vormachen, wie es
gehen kann. Und das sind größtenteils keine Esoteriker
und Trommelschläger, sondern durchaus sehr
bodenständige Leute. Einige (nicht alle) von ihnen
machen schon seit Jahrzehnten "Terroirwein".
> > "Terroir" ... hat in der Tat sehr viel mit
> "Philosophie"
> > zu tun. Oder anders ausgedrückt: Terroir existiert
> > hauptsächlich im Kopf!
>
> Genau das ist es eben nicht.
> So wie die italienische Landschaft von der Flora und
> dem
> typischen Baustiel geprägt wird, so wird die
> Herkunft unverbildeter
> Traubenerzeugung sensorisch durch das mögliche
> Terroir erkennbar.
> Das hat überhaupt nicht mit Denken zu tun. Es ist
> ein
> sensorisches Erkennen durch Erfahrung, das man nicht
> begreifen muß.
> Aber das ist ja den meisten zu einfach.
> Den untenstehenden Ausführungen von Joachim schließe
> ich
> mich vollinhaltlich an.
Mir geht es nicht um intellektualistisches Getue,
sondern nur darum, daß unsere Sprache jenseits der
naturwissenschaftlichen Formeln immer unscharf ist,
wobei die Unschärfe je nach der Komplexität der
Begriffe immer mehr zunimmt. Terroir ist für mich ein
weitgefächertes Wort. Ansonsten würde man es nicht
benötigen und könnte es durch "Herkunftstypizität" ;-)
o.ä. ersetzen.
Herzliche Grüße
Bernd
>
> Freundliche Grüße
> Jürgen
--