AW: Re: Italien und Sangiovese
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Betreff: AW: Re: Italien und Sangiovese
Datum: 2010-02-24 20:13:55Absender: "brunello57@bluewin.ch"
Hallo Peter,
Italien ist in der Tat ein Randthema im Weinforum. Vielleicht liegt es ja auch an mir, dass ich mich schon lange
nicht mehr gemeldet habe. Ich bin ein Liebhaber des Sangiovese und teste schon viele Jahre Brunello, der nach wie vor
zu 100 Prozent aus dem speziellen Klon Sangiovese Grosso bestehen muss.
Wieso habe ich mich lange nicht mehr gemeldet? Ich lese doch alles mit. Fehlt es an der Herausforderung? Ist es die
versteckte Furcht gleich mit Kritik eingedeckt zu werden? Oder daran, dass meine Kommentare einfach ins Leere laufen?
Vielleicht von allem ein wenig.
Ich vermisse ein wenig die authentischen Sangiovese mit der starken, fast stahlig wirkenden Saeurestruktur. Ich erlebte
das mit den Brunello der 70er und 80 er Jahre. Mit dem 1990 war dann Schluss. Seither finde ich vor allem gefaellige
rotfruchtige Sangiovese nicht nur in Montalcino, sondern auch in anderen Weingegenden. Keiner erscheint mir auf lange
Lagerfaehigkeit ausgerichtet zu sein.
Ich habe gerade kuerzlich einen Brunello Biondi Santi 1998 getestet und ihn einige Tage stehen lassen. Gewiss hat so
ein Wein einmalige Aromen. Speziell die Aromatik der grossen, gebrauchten Faesser erschien mir wunderschoen in der
Nase. Aber die Struktur hat mich nicht ueberzeugt.
Dann gibt es die teuren Brunello Klassiker wie z.B. den Poggio di Sotto von Palmucci oder den Salvioni, die mich jedoch
mit ihren reduktiven Aromen (nasser Hund oder noch schlimmer) immer wieder zu schlechten Beurteilungen verleiten.
Manchmal frage ich mich, weshalb man solche Weine Jahr fuer Jahr auf den Markt bringt. Offenbar gibt es eine
Fangemeinde fuer solche Aromen. Offenbar sind diese Aromen erst im Verlauf der Flaschenreife erkennbar. Ich habe auch
festgestellt, dass mit der Reife solche Aromen wieder abgebaut werden. Jedoch keineswegs immer.
Im Laufe der Jahre habe ich beim Sangiovese etwa ein dutzend typische Aromenrichtungen ausgemacht. Beim Brunello habe
ich den Eindruck, dass er nach etwa 7 bis 10 Jahren im breiten Durchschnitt der Produzenten die beste Phase erreicht.
Die Tannine sind dann schon etwas gebunden, die Fruchtphase noch nicht vorbei. Gute Weine koennen im Verlauf von bis zu
vier Tagen sehr schoene Aromen entwickeln.
Mir gefallen bei den Weinen in der Fruchtphase speziell die authentisch wirkenden Kirschenfruechte. Da gibt es von den
hellroten, saeurereichen Fruchtfarben bis zu den dunklen schwarzkirschigen Weinen alle Varianten. Manchmal glaube ich
auch hagebuttenartige Varianten zu erkennen. Seltener sogar rote Johannisbeeren.
Bei den hellroten Sangiovese Tropfen mit viel Primaersaeure gibt es tolle Sachen aus der Romagna und sogar aus der
Maremma. Zum Beispiel einen Morrelino Scansano La Fornace, der von Andreas Maerz im Merum als JLF Wein herausgearbeitet
worden war. Als ich dann in Italien weilte und nach diesem Wein suchte (ich hatte die Merum Degubox bestellt und war
von diesem Wein sehr angetan), war ich fast ein wenig erschrocken, dass ich diesen Wein ganz profan in einem der
grossen Discounter in der Maremma fand - fuer gerade mal 6 Euro.
Ueberhaupt erscheint mir das Pricing von Sangiovese Weinen sehr seltsam. In Bordeaux gibt es meiner Meinung nach klare
Preisabstufungen. In Italien scheint mir, macht jeder was er will. Der gleiche Wein kann in der einen Vinothek 21 Euro
kosten, ein paar Laeden weiter das Doppelte. Oder die italienische Weinzeitschrift Il Mio Vino stellt einen Brunello
Casanova Neri Tenuta Nuova als 150 Euro Wein als Sparringpartner normalpreisigeren Brunello gegenueber. Was soll den
das? Ich selber hatte doch den gleichen Wein fuer knapp 40 Euro gekauft. Ein schoenes Beispiel ist der Brunello von
Cupano. Ich habe den noch nie fuer weniger als 95 Euro in einem der Laeden in Montalcino gesehen. Sogar der 2002er als
schwacher Jahrgang ist nicht guenstiger. Uebers Internet oder bei einem kleinen Weinhaendler in der Schweiz gelten ganz
andere Konditionen. Der starke 2004er Jahrgang war fuer weniger als 100 Franken erhaeltlich. (ca 60 Euro).
Jedenfalls eines ist klar. Sobald der Wine Spectator einen Brunello zwischen 95 und 100 Punkten bewertet, schiessen die
Preise in astronomische Hoehen. Bis anhin schien diese Weinzeitschrift einen recht deutlichen Einfluss auf die
Weinmacher in Italien gehabt zu haben. Der grosse Marktanteil in Amerika tut sein Uebriges, um die Weine suess und
gefaellig zu machen.
In meine Testsystematik verfolge ich die Entwicklung der Weine ueber mehrere Tage. Es ist eigentlich unfassbar, wieso
gewisse Produzenten auf die Idee kommen, Sangiovese Weine zu produzieren, die mich an Fruchtkaugummi erinnern, oder
derart fett auf Barrique Kirsche oder Barrique Traube getrimmt sind, dass man den Basiswein nicht mehr erkennen kann.
Mit den Jahrgaengen 2003 und 2004 und dem kleinen Weinskandal in Montalcino, der zu einem voruebergehenden Importstopp
in den USA gefuehrt hatte, erscheinen mir die Weine wieder etwas frischer und saeurebetonter. Vielleicht bilde ich mir
das auch nur ein. Man hatte den grossen Brunello Produzenten vorgeworfen, andere Traubensorten dem Brunello beigemischt
zu haben.
Ich glaube schon, dass der Sangiovese einen hervorragenden Wein hervorbringen kann, mir erscheint aber die Entwicklung
der letzten Jahre nicht auf die Eigenart dieser Traubensorte ausgerichtet zu sein. Ich glaube eher, dass man mit dem
franzoesischen Know How aus Bordeaux oder auch durch die Konsumentenwuensche der Sangiovese Traube nicht gerecht wird
und versucht, aus einer eher sperrigen und saeurereichen Varietaet weiche konsumfreundliche Weine zu basteln. Die
Resultate sind manchmal wirklich grauenhaft.
Ich blicke aber dennoch optimistisch in die Zukunft. Ich hoffe das Know How der Weinmacher und die Konsumenten werden
es richten.
Freundlicher Gruss aus Zollikon (Schweiz)
Bruno Schuler
----Ursprüngliche Nachricht----
Von: zuelligpe@bluewin.ch
Datum: 24.02.2010 15:54
An: <brunello57@bluewin.ch>
Betreff: [weinforum] Re: Italien und Sangiovese
Grüezi Ollie
Wow, das tönt aber deftig - "Lust auf intellektuell unredliche
geführte, weil völlig meinungsgetriebene Kreuzzüge" -, was Du zu
der Italiener-Diskussion beizutragen hast. Ich meine, dass ein ganzes
Heer an Frust hinter den Zeilen aufmarschiert ist.
Tatsächlich habe ich mit meinem Beitrag (und schon mit der Kolumne,
auf die sich das Forumsmail bezog) nicht die Frage nach echt oder
unecht, nach Traubensorte und Terroirspezifikation, nach
Parkerisierung oder Idealisierung, nach... aufgegriffen, sondern
schlicht und einfach wieder einmal festgestellt, dass italienische
Weine hier im Forum fast schon eine Ausnahmeerscheinung darstellen.
Und wenn das Thema einmal auftaucht, sei es in einer Empfehlung oder
einer Frage, dann sind es die üblichen Namen, meist die "grossen
Tiere" und bekanntesten Weingebiete.
Es ist aber so, dass es nebst Riesling und Bordeaux doch noch etwas
anderes gibt, unter ihnen Spanier, Australier, Oesterreicher,
Schweizer, Chinesen, sogar Sahara-Weine (Beitrag im neusten "Vinum")
und eben auch Italiener.
Ich gebe auch gerne zu, dass mir das italienische Wein-Durcheinander
von erlaubt und nichterlaubt, von DOCG und DOC, von IGT und VdT noch
immer ein Buch mit etlichen Siegeln ist. Vielleicht ist dies gar
Chaos, also ganz anders und ich bin in den 60er Jahren stehen
geblieben, in der Zeit, in der ich durch italienischen Wein
"wein-sozialisiert" worden bin.
Unterdessen habe ich mir - nicht zuletzt auch durch zehn Jahre
eifriges Mittun bei Wein-plus - über viele Weingebiete (auch über
deutsche Rieslinge) ein Grundwissen angeeignet, habe durch eigene
Anstrengung (und meine Sammelleidenschaft) das Bordelais "erobert",
bin in der Languedoc fast schon heimisch geworden, durchziehe (fast
wie ein Wanderprediger) deutsche Lande mit Schweizerweinen, wagte
einen Abstecher nach Kalifornien, ja sogar nach China und, und,
und...
Nur meine Nachbarn, die Italiener, sind mir nahezu fremd geblieben.
Zwar gibt es hier in der Schweiz gute Weinhändler mit guten
Italienern (ein Weinhändler meines Vertrauens hat sich sogar auf
Italiener spezialisiert), und auf den Speiskarten und Weinkarten in
Restaurants dominieren in der Regel italienische Weine. An
Empfehlungen und Annäherungsversuchen mangelt es also nicht.
An was es mangelt: das ist die freie, frische, authentische (nicht
wie Du meinst: meinungsgetriebene) Diskussion über die italienischen
Weine, seien sie nun aus der Toskana, aus dem Piemont, aus Apulien
oder gar Sizilien.
Immerhin sind inzwischen eine ganze Reihe von Hinweisen und Tipps im
Forum aufgetaucht, immerhin hat sich eine Diskussion angebahnt, die
über "ich kenne auch noch einen guten Wein" hinaus geht. Immerhin ist
Italien - oh Wunder - im Forum - wohl nur strohfeuerhaft - ein Thema.
Meine Einleitung zur Adoption italienischer Weine habe ich zum Anlass
genommen - nicht um zu klönen und ein Lustkiller zu sein, sondern um
das Thema Italien ins Forum einzubringen. Zuerst einmal mit einem
kleinen, bescheidenen Erfolg. Dann aber kam Deine heftige Reaktion,
die Sau-Parabel und das Meinungsdiktat, die intellektuelle
Unredlichkeit und die geahnten Verschwörungstheorien, und haben dem
kurzen Flirt mit Italien ein Ende gesetzt. Das finde ich schade.
Nicht Deine Meinung, nicht einmal Deine Wut ist das Problem, sondern
dass Meinungen und Wut gar nicht mehr zugelassen werden, dass
Kurzaussagen wie "ein geiler Wein" und was kostet er, viel gefragter
sind, als "intellektuell unredlich geführte" Diskussionen über
Geschmack, Weintradition, Winzerlatein, Weinerfahrungen, Begegnungen,
Traubensorten und, und, und.....
Jeder Weintrinker soll selber feststellen was im schmeckt und einfach
nur trinken, nur konsumieren ..... darüber aber möglichst nicht
kommunizieren.
Wozu ist dann ein Weinforum da?
Die Bordeaux-Sau, die grunzende, hat immerhin dazu beigetragen, dass
inzwischen viele Weinfreunde die Eigenheiten des rechten und linken
Ufers im Bordelais halbwegs kennen, dass sie die verschiedenen
Klassifikationen einordnen können, dass sie vielleicht sogar wissen,
dass ein Pavie nicht mehr so ist, wie noch vor fünf Jahren war,
dass...
In diesem Sinn ganz herzlich
Peter,
der unheimlich dankbar ist, dass Italiener wenigstens nicht mehr
ausgegrenzt werden und dass man sich gelegentlich erinnert, dass es
auch noch die Rhône, Spanien, das Burgenland und weiss nicht was
alles gibt.
>
>Ach je, die Getreidesorte mag sich aendern, aber die Saecke fallen
>immer noch hoechst geraeuschvoll um...
>
>
>>Ich bin überrascht, dass Peters m.M. nach interessanter
>>Annäherungsversuch
>>an den italienischen Wein hier im Forum so wenig Resonanz findet.
>>Ist das die Forumskrise?
>>Oder interessiert sich hier einfach niemand für italienischen
>>Wein?
>>Verstehen viele andere den italienischen Wein auch nicht (mehr)?
>
>Hallo Bernd,
>
>ich glaube eher, dass niemand mehr allzugrosse Lust auf
>intellektuell
>unredliche gefuehrte, weil voellig meinungsgetriebene Kreuzzuege
>hat,
>die ausser falscher Verallgemeinerungen und absurder
>Verschwoerungstheorien nicht viel Substantielles oder gar
>substantiell
>Neues zu bieten haben.
>
>Immerhin handelt es sich um eine Wiederauflage der alten
>Bordeaux-"Problematik": Die Parkerisierung des Clarets, die
>Pomerolisierung des Medoc, die Portofizierung des Pavie, die
>Napafikation des St-Emillion, alles schon mal dagewesen. (Obwohl
>die
>Bordeaux-Sau schon lange nicht mehr gegrunzt hat. Ist sie
>mittlerweile
>an Alterserscheinungen zugrunde gegangen, oder wurde das Dorf
>endgentrifiziert? Egal, der Widerstand geht weiter...)
>
>Aber immer nur her mit *noch* einem Absolutum, wie dieser oder
>jener
>Wein *wirklich* zu schmecken habe; Der Konsument, diesem Lumpen,
>fehlen einfach klargenuge Vorgaben, jawoll! :)
>
>Nach Meinungsdiktat verreist:
>Ollie
>
>
>Dieser Beitrag wurde mit dem webbasierten Zugang zum Forum
>erstellt:
>www.wein-plus.de/forum/
>
>
>--
>
Meine Visitenkarte Online:
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