AW: Re: Italien und Sangiovese
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Betreff: AW: Re: Italien und Sangiovese
Datum: 2010-02-25 11:49:37Absender: "Peter Neupert"
Hallo Runde,
jetzt muss ich mich dann doch auch mal beteiligen und eine Lanze für den
italienischen Wein brechen.
Die meisten schönen Weinüberraschungen der letzten Jahre habe ich mit
italienischen Weinen verschiedenster Herkunft gemacht. Dies waren zwar fast
immer die Weine im Preissegment von 5 bis 15 EUR, dennoch war die
Überraschung bei so manchem Wein umso "hochwertiger".
Überrascht wurde ich immer da, wo ich es mangels Kenntnis schlichtweg nicht
erwarten konnte.
Nun einige Beispiele.
Di Majo Norante aus Molise. Bereits die einfachste Qualität der "Moli" ist
ein sauber gemachter, fruchtiger Rotwein, der als Essenbegleiter überzeug t.
Der Aglianico des Hauses ist trotz seiner deutlich maskulinen Struktur
wunderbar harmonisch und betörend.
Argiolas aus Sardinien:
Insbesondere der Cannonau ist ein Traum, selbst wenn ich festgestellt habe,
dass seine Lagerungsfähigkeit nur begrenzt ist. Perdera und Vermentino sind
ebenfalls bedenkenlos zu trinken. Insbesondere der Veremtino hat wirklich
Rasse, die mich zunächst in der Nase an Riesling denken ließ (Bitte nicht
aufschreien, dies war meine erste Assozaition)
Conti Zecca aus Salento
Das Sortiment von Conti Zecca ist wie das von Di Majo Norante einfach
riesig. Fehler kann man meines Erachtens kaum machen. Die Serie Cantalupi
bietet bereits trotz des günstigen Preises ein tiefes und langes
Weinvergnügen. Die Riserva ist grandios.
Ich denke hier wird jeder glücklich.
Nun waren das alles keine Sangiovese. Mag ich diese nicht?
Doch, eigentlich liebe ich diese Rebsorte. Ich habe aber langsam aufgehör t,
nach interessanten Sangiovese zu suchen, da diese meines Erachtens
vollkommen überteuert sind. Ein einfacher Chianti von Felsina, Fontodi etc
ist kaum mehr unter 15 EUR zu bekommen. Riservas liegen nicht selten
jenseits der 30 EUR.
Das ist es mir in Anbetracht der vielen günstigen süditalienischen
Alternativen nicht wert.
Festzuhalten ist für mich, dass Süditalien zusammen mit Portugal vielleicht
zur Zeit das interessanteste und authentischste ist, dass es in Europa zu
bewundern und kennen zu lernen gilt. Autochthone Rebsorten werden hier
gehegt und gepflegt, wieder neu angepflanzt. Das schöne daran ist, dass auch
dies international erfolgreich sein kann.
Zum Abschluss noch ein Tipp (den viele wahrscheinlich schon kennen).
Der "Barrua". Ein sardischer Spitzenwein, der gemeinsam von Santadi (in
deren Kellern) und der Tenuta San Guido produziert wird. Wenn ich richtig
liege eine Cuvee von Carignan, Cabernet und Merlot (ich weiß, dass ich mich
zu meinen obigen Ausführungen in Widerspruch setze, aber Wein ist ja niemals
rational .....).
Meines Erachtens zur Zeit mit das Beste, was Italien hervorbringt.
Herzliche Grüße
Peter
-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: weinforum_owner@wein-plus.de [mailto:weinforum_owner@wein-plus.de] Im
Auftrag von JKlucken
Gesendet: Mittwoch, 24. Februar 2010 18:56
An: peter.neupert@gmx.de
Betreff: [weinforum] Re: Italien und Sangiovese
>Wow, das tönt aber deftig - "Lust auf intellektuell unredliche
>geführte, weil völlig meinungsgetriebene Kreuzzüge" -, was Du zu
>der Italiener-Diskussion beizutragen hast. Ich meine, dass ein ganzes
<Heer an Frust hinter den Zeilen aufmarschiert ist.
Sorry Peter,
uns Ollie hat sich nicht auf Dich bezogen (bevor er verreist ist)
sondern auf die pauschalen, seit Jahren immer wiedergekäuten
Schwarz-Weiß-Malereien von Bernd Schepperle zum Thema
(ich habe den Text unten noch mal angehängt)
polemisiert.
Dabei ist dann Toskana austauschbar mit jeder Weinregion , wo
Holz (bzw. Parker) statt Terroir regiert.
Ach ja, ich mag es bunt.
Gruß aus Berlin
Jürgen Klucken
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Liebes Forum, lieber Peter
Ich bin überrascht, dass Peters m.M. nach interessanter Annäherungsversuch
an den italienischen Wein hier im Forum so wenig Resonanz findet.
Ist das die Forumskrise?
Oder interessiert sich hier einfach niemand für italienischen Wein?
Verstehen viele andere den italienischen Wein auch nicht (mehr)?
Peter hat sich da auf ein schwieriges Unterfangen eingelassen. Das Typische
im italienischen Wein finden. Noch dazu in der Toskana.
Gerade in der Gegend, in der die Winzer sich geradezu in kollektiver
Selbstaufgabe den Wanderönologen und dem Diktat der Weinjournalisten
unterworfen haben.
In der man, wie Peters Zitate eindrücklich unterlegen, Tradition keinen
Stellenwert hat und die Mehrheit der Winzer lieber Weine machen, die so
sind, wie alle anderen auf der Welt. Tradition und Typizität stehen noch
als
werbewirksame Schlüsselwörter in den Selbstdarstellungen und
Marketingprodukten. Im Wein sind sie weitgehend verschwunden.
Traditionellen, typischen Sangiovese zu finden, das gelingt mittlerweile
nicht mal den jahrzehntelangen Kennern dieser Region so auf Anhieb.
Ein Zitat von Andreas März (Zeitschrift MERUM) aus dem Jahre 2005: ¢Wie
schmeckt eigentlich Chianti? Ich weiss es nicht mehr, denn jeder schmeckt
anders.¢
Zum Sangiovese: Das Problem der Entfernung von der Sortentypizität liegt
wahrscheinlich nur teilweise in der mittlerweile massenhaften Verwendung
von
Cabernet und noch viel stärker von Merlot. Der eigentlich kuriose
Verschnitt
dieser Trauben mit Sangiovese, wie er in vielen Chianti legalerweise
betrieben wird, ist ja im Brunello nicht erlaubt und trotzdem hat dieser
seine Typizität schon längst eingebüsst. Reichen beim Chianti schon ein
geringer Anteil dieser französischen Trauben, um den eher eleganten und
frischen Sangiovese zu dominieren, so genügt beim Brunello der virtuose
Umgang mit allen önologischen Zaubertricks (Barrique, Mikrooxidation,
Enzyme, Überreife, Maischerhitzung ..) um ihn als Sangiovese unkenntlich
zu
machen und ihn als solchen schmecken zu lassen.
Obwohl ich Sangiovese mag, betrachte ich persönlich die Toskana solange als
önologisches Niemandsland, bis dort die Winzer und Konsortien sich auf ein
Geschmacksprofil geeinigt haben, das es mir erlaubt, einen Chianti in einer
Blindprobe von einem Merlot aus Chile wieder unterscheiden zu können. Bis
ein Brunello nicht mehr nach Schokolade, Vanille oder Ruß riecht und nicht
ölig dick und pechschwarz ist. Bis dort wieder Weine, die zum Trinken
gemacht werden und nicht zum Besitzen oder Renomieren. Diese Zeit wird
kommen, früher oder später, denn Italien wird sich nicht auf dem Markt
behaupten können, indem es Weinoriginale anderer Länder imitiert oder
önologisch weltweit standardisierte Produkte herstellt.
Bis dahin würde ich Peter raten, vielleicht mal im Piemont beim Nebbiolo
anzufangen. Auch dort haben die Wunderönologen schon gewaltige Spuren
hinterlassen, aber der Anteil der Klassiker ist noch sehr gross und
unschwer
zu finden. Und eine Reise dorthin ist sowieso ein Erlebnis.
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