Bagrationi: Georgischer Sekt
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Betreff: Bagrationi: Georgischer Sekt
Datum: 2010-03-09 11:50:34Absender: "Boris Maskow"
Bagrationi
Von Georgien hört man seit mindestens zehn Jahren schon vieles
rumoren. Von autochthonen Reben, uralter Weinkultur, Gärung in
Amphoren, spannenden Weinen und einer dollen Zukunft raunt es da
immerfort. Aber ernsthaft mal Verkostungsnotizen schreiben - da tun
sie sich schwer, die Weinpropheten. Deshalb bleibt es den einfacheren
Arbeitern im Weinberg überlassen, sich mit der Weinkultur des
erwachenden Weinriesen und was der abgenutzten Phrasen noch mehr sind,
auseinanderzusetzen.
Georgien, das kann jeder schnell bei Wikipedia nachblättern, liegt
am Schwarzen Meer, das Klima ist mild, diese Kreuzworträtseltypen,
die Argonauten, waren da, usw. usf. Neben dem ganzen Rotwein, der in
Georgien gemacht wird, stammt auch Schaumwein aus diesem unbekannten
Land. Einer der größten und namhaftesten Erzeuger ist das 1882
gergündete Haus Bagrationi. Die Bagratiden waren die am längsten
regierenden königlichen Familien im Kaukasus. Der Ursprung der
georgischen Bagratiden-Dynastie und der Zeitpunkt ihres Auftauchens in
Georgien ist umstritten. Wie jedes gute Herrscherhaus stammen die
Bagratiden nicht von hundsgewöhnlichen anderen Geschlechtern ab,
sondern von König David. Gesichert ist, dass Adernase Bagration, ein
Enkel Aschots des Blinden (†761), Fürst-Patriziers von Armenien
für den Kalifen, um 772 in das ostgeorgische Iberien kam. Seine
Nachkommen sind seit 888 Könige von Iberien gewesen. Dem goldenen
Zeitalter bis zum 13. Jahrhundert folgte die mongolische Invasion
unter Timur Lenk und schliesslich der Zerfall des Hauses in drei
Linien. Im 19. Jahrhundert annektierte der russische Zar das heutige
Ostgeorgien, die Bagratiden verloren ihre Souveränität, durften aber
als Durchlauchte im Fürstenstand dem russichen Reich dienen. Pjotr
Iwanowitsch Bagration brachte es im Kampf gegen Napoleon zu
besonderem, von Tolstoi literarisch verewigtem Ruhm.
Der uns interessierende Zweig der Familie stellte seit 1512 die
Fürsten von Muchrani (in Mittel-Iberien) und verlor 1801 zusammen mit
anderen Bagratiden seine dynastischen Rechte. Bestätigt wurde am 20.
September 1825, einem freundlich-warmem Herbsttag, lediglich der Titel
Bagration von Muchransky. Prinz Iwan Bagration-Muchranskij (geb. am 7.
Dez.1812, gestorben am 11. März 1896) war der älteste Sohn des
letzten Fürsten von Muchrani und Gründer des Sekthauses Bagrationi.
Ein versöhnlicher Nachtrag zu den dynastischen Streitigkeiten, die
nach dem Ende der Akkexion einsetzten: Am 8. Februar 2009 heiratete
David Bagration-Muchrani Anna Bagration-Grusinski, die älteste
Tochter seines Rivalen um die georgische Thronfolge, Nugsar
Bagration-Grusinski. Die Heirat vereint die Grusinski- und die
Muchrani-Zweige der georgischen Bagratiden-Dynastie - Grund genug,
diesen königlichen Schäumer zu probieren.
Die Schaumweine - es gab
1. Reserve Vintage 2007 Brut und
2. Finest Vintage 2007 Brut
Der Reserve stammt aus den drei weissen Rebsorten Chinuri, Mtsvane
und Tsitska. Lebhaft die im ganzen Glas verteilte Perlage, üppig der
Schaum. Sofort steigt ein fruchtiger Duft ins Riechgewölbe und
läutet an der Pfirsich-Aprikosen-Tür. Dort wird selbstverständlich
aufgetan und mit großem Hallo heisst man den Fremdling willkommen.
Der gibt seinerseits nicht vor, Champagner zu sein. Die Einordnung in
der Blindprobe fällt deutlich schwer. Gut ist er, sauber,
ansprechend, sehr fruchtig in der Nase - und wenn Champagner
ausfällt, was kommt denn dann noch in Betracht? Was Französisches?
Eher nicht, es sei denn, ein besonderes fett geratenes Exemplar von
der Loire, soll es ja durchaus geben. Hmm, Stichwort fett - vielleicht
einer von diesen biodynamischen Elsässern oder wagemutigen Pfälzern?
Käme hin, wenn da wenigstens irgendetwas an Burgunderrebsorten,
Riesling oder Traminer erinnerte. Tut es aber nicht stark genug, um
die Arbeitshypothese sträker belasten zu wollen. Dann weiter, Oltrepo
Pavese vielleicht? So ein schlanker, weiss gekelterter Pinot-Noir aus
Italien? Gewicht und Statur würden es hergeben, aber die Nase nicht.
Kalifornien scheidet aus, deren sparklings sind zu champagnerähnlich.
Item Franciacorta. So summt und rattert es hinterm bulbus olfactorius,
bis auch Südafrika und Neuseeland, ja selbst Brasilien abgemeldet
sind. Am ehesten hätte übrigens das Rennen noch Südafrika machen
können, wenn ich nicht wenige Tage zuvor meine Geschmacksnerven in
reichlich Cap Classique getunkt hätte. Kurz hätte man auch an einen
Champagner denken können, der unter Zugabe einer der verrückten
Rebsorten wie Petit Meslier oder Arbane entstanden ist, ja vielleicht
am ehesten sogar mit einem splash Weissburgunder. Im Mund nämlich
zeigt sich eine Besonderheit, der Bagrationi ist völlig säurearm.
Das kommt den Damen und Herren mit der Refluxuösophagitis zur
Abwechslung mal aus einer anderen Richtung sehr entgegen und dürfte
dort herzlich willkommen sein. Ich dagegen empfand den Schäumer nicht
als druckvoll genug, konnte mich aber zusammenreissen und denken: das
ist kein Blanc de Blancs aus Le Mesnil und soll es auch nicht sein. Im
Vergleich mit Konkurrenzschäumern gleicher Gewichtsklasse muss man
sogar sagen, dass er sehr gut schmeckt, einen charaktervollen, für
hiesige Verhältnisse etwas ungewohnten, aber noch im sweet spot der
anvisierten Kundschaft einschlagenden Aromenapparat vorzuzeigen hat.
Eine klare Steigerung in jeder Hinsicht war der Finest Vintage aus
100% Chinuri. Der legte nicht viel mehr Säureambitionen an den Tag,
als der kleine Bruder, konnte aber mit einer ausgefeilteren,
exotischen, dabei nicht übertriebenen oder infantilen Fruchtaromatik
und einer Andeutung von Kalk punkten. Mir kam er ausserdem länger und
ausziselierter vor, schon ein richtig weltgewandter Schaumwein und
überhaupt kein Nischenprodukt für wine geeks, die schon alles im
Glas gehabt haben. Mein Fazit deshalb: Bagrationi bietet ein echtes,
eigenständiges aliud zum Champagner.
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