Besuch im Beaujolais Sommer 2011
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Betreff: Besuch im Beaujolais Sommer 2011
Datum: 2011-08-11 17:20:00Absender: "Ulrich Bubrowski"
Man kennt ja inzwischen seine Pappenheimer im Beaujolais ein wenig,
die Couderts, Chignards, D. Boulands, Desvignes, Burgauds, Janins usw.
Die liefern verläßliche Spitzenqualität seit Jahren - und die
sollen auch weiter im Kopf und Herzen bleiben. Aber da gibt es auch
solche, die mir bisher unbekannt, nur aus Gerüchten geläufig sind
und deren Weine ich bisher nie verkosten konnte. Auf die Suche nach
einigen von denen machte ich mich jetzt.
So etwa nach eine gewissen Marie-Elodie Zighera, die ihr Gut nach
ihren Initialen benennt: 'Clos de MEZ' - und über die u. a. die
'Revue du Vin' mehrfach geschrieben, der 'Figaro' berichtet hat, und
auch dem 'Time Magazine' war sie einen Artikel wert. Ich schrieb sie
an. Kein Echo. Bat dann nach einiger Zeit um Auskunft, wo man ihre
Weine denn kaufen könne. Dann die Antwort, ich sei auf dem Gut zur
Verkostung willkommen. Anfrage, wie sie zu finden sei: Les Raclets.
Das war nur eine kleine Hilfe. Les Raclets ist ein 'lieu-dit' am Rande
von Fleurie mit diversen Wegen und diversen Gehöften. Ein Schild gibt
es nicht, das zum Ziel führen könnte. Nach einiger Fragerei war ihre
'cave' gefunden, auf der sich allerdings keine Seele rührte.
Schließlich rauschte ein Auto heran. Eine junge, strahlende Frau,
etwa Anfang dreißig, stieg aus. Lachende Augen, große natürliche
Freundlichkeit, eine ursympathische Erscheinung. Sie habe ein
Familienerbe übernommen, mit Besitz in Fleurie und Morgon.
Ursprünglich waren es etwas mehr als drei Hektar, inzwischen sind es
gut fünf geworden. Der erste Jahrgang war der 2006er. Zu verkosten
gabâ€s die 2007er und 2008er der genannten Crus. Insgesamt dichte,
sehr frische Weine, von denen die 2008er dem Vorjahr überlegen
schienen. Trotz der klimatisch nicht sonderlich begünstigten Jahre
eignete den Weinen eine große Feinheit, zarte Mineralität, zudem
eine angenehme fruchtige Fleischigkeit. (Man hätte sie sich zu den
Froschschenkeln in Kräuterkruste der Madame Chagny aus der 'Auberge
de Cep' gewünscht, die sie leider nicht auf der Karte hat.) Auf dem
Clos de MEZ wird spontan vergoren, mit langer Maischestandzeit, langem
Ausbau in gebrauchten Burgunderbarriques in einer urigen alten
Gewölbecave. Madame Zighera gibt zu, daß noch alles im Fluß ist,
sie noch am optimalen Stil arbeitet. Betont die Handwerklichkeit der
Herstellung, will unverwechselbare Weine und strahlt größten
Enthusiasmus und größten, dabei unverkniffenen Ehrgeiz aus. 70% der
Weinqualität hänge von der Arbeit im Weinberg ab, deshalb wird die
pingelig betrieben: intensive Boden- und Laubbearbeitung,
Mengenreduktion. Die aus dem Faß verkosteten 2009er machten schon
jetzt großen, großen Spaß und bestätigten, daß 2009 im Beaujolais
ein besonderer Jahrgang ist. Erstaunlicherweise wirkte dabei der
Morgon noch eleganter als der Fleurie. Abgefüllt werden insgesamt
weniger als 10 000 Flaschen, der Rest wird 'en vrac' verkauft und sei
exakt von der gleichen Qualität wie die Flaschenweine - bei
folglich gleichermaßen in Weinberg und Keller investierter Arbeit,
aber deutlich geringerem Erlös. Ein Büro dient als Lager - oder
ist es das Lager, das Bürofunktion hat? Bei dessen Verlassen besteht
die Gefahr, daß man in die Tiefe stürzt und sich das Genick bricht.
Angeraten ist daher moderate Verkostung.
Will man Yvon Métras in Romanêche-Thorin finden, muß man noch
geduldiger suchen als nach dem Clos de MEZ. Das Navigationsgerät
hilft nicht, Fragen kaum. Wie sich schließlich herausstellt, wissen
etwa 100m entfernt wohnende Leute nicht unbedingt, wo Métras zu
finden ist. Nach mehreren Anläufen gelingt es endlich. Kein Schild,
nirgends ein Name. Klingeln. Jemand kommt. Ob es die Domaine Yvon
Métras sei? Oui. Es ist der Patron selbst. Ich möge zwei Stunden
später wieder kommen. Gibtâ€s schon mal â€ne Liste? Non, non, man
könne dann ja alles probieren. 19h: Der Meister ist auf dem Hof, im
Gespräch. Händeschütteln. Er führt mich ins Nebengebäude in einen
nicht sonderlich großen, etwas dunklen Raum, in dem ein eckiger
Tisch, aus mindestens zehn Zentimeter dicken Bohlen bestehend, mit
vier klobigen Füßen versehen, sich breit macht. Der ist umgeben von
fünf, sechs Männern, offensichtlich einheimischen Freunden des
Hauses, und einer jüngeren Frau. Tochter, Frau des Winzers? Auf dem
Tisch diverse Würste verschiedenster Gestalt, zwei mächtige
Schinkenstücke, ein robustes großes Brett hauptsächlich mit
allerlei Frischkäsen bestückt, mehrere, wie sich zeigen sollte,
erstklassige Brote. Die Frau redet, lacht, aber vor allem schneidet
sie permanent: Würste, Schinken, Brot. Natürlich auch auf dem Tisch:
drei Flaschen Wein, alle aus 2010, die drei produzierten Qualitäten
des Guts. Ein 'Printemps', (vermutlich aus jungen Reben), ein
lediglich 'Fleurie' genannter, allerdings aus etwa 80jährigen Reben
vinifizierter Wein, und ein 'Lâ€Ultime' aus überhundertjährig en
Stöcken. Niemand bietet mir an, niemand schenkt ein. Ich merke
allmählich, ich werde als dazugehörig angesehen und bediene mich
selbst. Großartige Würste, grandioses Brot! Die Weine sämtlich
relativ hell. Der 'Printemps' einfach, eher dünn, vernachlässigbar.
Der 'Fleurie' seidig, zart mineralisch, schöne Frucht, richtig
lecker, macht großen Spaß. Der 'Lâ€Ultime' auf derselben Linie,
aber noch feiner, differenzierter, tiefer. Erstaunlich, es sind
2010er, also jung, doch perfekt zu trinken. Müssen/sollten die
überhaupt länger liegen? Frage an den Meister. Der zuckt die
Schultern: Geschmacksache! Zwei mittelalterliche, rundliche Männer
kommen, werden mit schnatzenden Küssen begrüßt. 2010er werden
nachgelegt, ein 2009er 'Fleurie' kreist: deutlich runder, voller,
intensivere Frucht. Der entsprechende 2010er erscheint mir allerdings
eleganter, klarer, typischer. Métras redet permanent, ständig führt
er einen Marcel im Munde, vermutlich ist Marcel Lapierre, der
Großmeister des biologischen Weinbaus und der gebremsten
Kellerchemie, gemeint. (Mich erinnert das an die Saar, in denen bei
Winzern oft von einem gewissen 'Egon' die Rede ist.) Métras verläßt
mehrfach den Raum und kommt jeweils mit Magnumflaschen des
'Lâ€Ultime' aus dem Jahren 2006, 2007, 2008 zurück. Der 2006er
scheint mir über dem Zenith. Auch 2007 und 2008 fehlt etwas die
Frische. Oder brauchen sie Zeit im Glas? Gut sind sie allemal, aber an
den 2009er und die 2010er reichen sie m. E. nicht heran. Es wird
getrunken, um die Weine wird weiter kein Aufhebens gemacht. Alle
Métras-Weine stammen übrigens aus biologisch bewirtschafteten
Gärten, sind spontan vergoren, minimal geschwefelt. - Nach etwa
eineinhalb Stunden signalisier ich, daß ich gerne kaufen möchte.
Stirnrunzeln. Eigentlich sei nichts mehr da. Es wird weiter geredet,
gegessen, getrunken. Nach geraumer Zeit neuer Versuch. Der Meister
bedeutet mir, ihm zu folgen. Irgendwo reißt er Kartons auf. Ich
bekomme ein paar Flaschen, aber von den 2009ern gibtâ€s nix, kein
Betteln hilft, nicht eine einzige Flasche ist drin. Bezahlung: nur
cash. Ich frage nach einer e-mail-Adresse zwecks Vorreservierung etc.
- e-mail? Nee! Ah, ja, vielleicht doch, kann sein. Er habe aber die
Adresse nicht im Kopf, würde eh nie benutzt. - Ein praller Abend.
Ich verlasse den Hof befriedigt.
Auf Georges Descombes weist ein Schild auf dem Wege zu den
'terrasses'. Er sitzt im 'Vermont', einem Flecken, der aus ein paar
Häusern besteht. Als man sich denen nähert, ein weiteres Schild, das
das Weingut als in einer engen Gasse befindlich ausweist. Mit dem Auto
fährt man da lieber nicht rein. Drei Gebäude am Ende der Gasse.
Eines könnte nach Wein aussehen, scheunenartig, eher versifft
wirkend. Eine Tür steht offen, dahinter zwei junge Männer,
beschäftigt damit, Flaschen mit heißem Siegellack zu verschließen.
Ob man Wein kaufen könne? Freundliche Antwort: Ja, klar. Eine Yvette
oder Georgette wird gerufen. Ein junges Blondchen kommt mit Handy am
Ohr, aufgebrezelt, hohe Hacken. Sichtlich übelgelaunt. Ob ich
angemeldet sei? Nö. Augenverdrehen. Dennoch führt sie mich in einen
kleinen, rumpelkammerartigen Verkostungsraum, dekoriert mit Plakaten,
Bildern, Flaschen alter Jahrgänge, zahlreichen Flaschen von
Winzerkollegen. Winziger Tisch. Eine Liste läßt sich auftreiben. Ich
möchte probieren - den einfachen Morgon erstmal. Dieses Mal
verdrehe ich die Augen: Grandios! Lecker, Fülle, Tiefe, herrliche
Frucht, große Länge. Stelle allerdings fest, es war der VV. Am
Urteil ändert das nichts. Möchte den einfachen gegenprobieren. Den
kann sie nicht finden. Ich frage, wieso alle Gamay anbauen, Descombes
aber Abouriou. Was das für eine Rebe sei? Schulterzucken. Nach
Weinbergsarbeit und Ausbau frage ich nicht mehr. Ich bestelle ein paar
Flaschen Morgon VV und Brouilly. Sie bringt die umgekehrte Anzahl.
Beim nächsten Versuch hautâ€s immer noch nicht hin. Ich nehme, was
ich kriege. Zahle. Wechselgeld wird lange gesucht. Ich gehe schnell,
aber mit dem tollen Gefühl, großartige Weine unterm Arm zu haben.
Wäre neugierig auf Georges Descombes selbst. Na, vielleicht beim
nächsten Mal. Dann frage ich auch nach Berg und Keller.
Und sonst? Das Beaujolais wird zunehmend unübersichtlicher. Man muß
auf dem Posten bzw. auf der Jagd sein. Die 2009er sind weitgehend
ausverkauft, z. T. auch schon die 2010er, so bei Métras und Daniel
Bouland. Bei anderen sind die 2009er noch nicht einmal auf der
Flasche: Vom Clos de MEZ gibt es erst die 2008er, von Desjourneys Crus
sogar erst die 2007er. Längst vorbei sind auch die Zeiten, in denen
es pro Weingut lediglich einen Wein bzw. pro Cru einen gab. Seit
einigen Jahren findet eine Differenzierung und Diversifizierung statt.
Heutzutage werden die verschiedenen climats gesondert abgefüllt,
häufig in jeweils mindestens zwei Qualitäten. Zum Generique kommt in
der Regel ein Vieilles Vignes und zunehmend gibt es Spezialcuvées,
die auf keiner Liste stehen und mitunter nur unter dem Ladentisch
gehandelt werden und - sehr teuer sind: in der Regel über 20