Anmelden
Dauerhaft anmelden
Infos über Wein-Plus
Mitgliedschaft
RSS
Hilfe
Social Networks
Stellenangebote
Impressum
Presse
Über Wein-Plus
Datenschutz
Partnerprojekte
Kontakt

Bordeaux 1995 jetzt reif (2. Teil)

  1. Information
    Weine, Winzer, Wissen
  2. Forum
     (1227 Beiträge)

Zurück zum aktuellen Forum    zum alten Wein-Plus.de Archiv

Betreff: Bordeaux 1995 ? jetzt reif (2. Teil)

Datum: 2010-02-16 16:49:49
Absender:  "Peter Züllig"




Grüezi mitenand

Anlässlich des Geburtstags meiner Frau habe ich Freunde zu einer
Degustation eingeladen. Thema Bordeaux 1995. Es waren alles
"normale" Weintrinker, keine Fachleute, nicht einmal Wein- oder
Bordeaux-Freaks. Entsprechend habe ich die vier Runden à fünf Weinen
zusammengestellt. Zweiter Teil.

3. Runde
Erst- und Zweitweine. Im Bordelais machen all die bekannten Châteaux
in der Regel nur einen Rotwein (nicht verschiedene Cuvées oder
unterschiedliche Vinifizierung. Viele von ihnen bringen allerdings
einen sogenannten Zweitwein (selten sogar einen Drittwein) auf den
Markt. Er ist gleich vinifiziert wie der Erstwein, enthält aber
Trauben von jüngeren Rebstöcken (meist unter 15 Jahren) und nicht
ganz so guten Lagen. Alles Traubengut, das nicht in den Erstwein geht.
Kann man diese "Zweitweine" erkennen? Wie ist der Unterschied zu
den Erstweinen?

Ségla, 1995, Zweitwein von Rauzan-Ségla, Deuxième Cru, Margaux
Es ist der einzige Wein der Runde, der ohne Erstwein präsentiert
wird. Er wird auch mehrheitlich als Erstwein bezeichnet. Grund ist
wohl der voll, warme, fruchtige Körper, der jetzt unglaublich gut in
die Gesamtharmonie eingebunden ist. Dieser Wein ist im Augenblick auf
dem Höhepunkt, während der Erstwein (Rauzan-Ségla) wohl erste
trinkreife erreicht und sich aus den Fesseln der
"Verschlossenheit" lösen muss.

Clos du Marquis, 1995, Zweitwein von Léoville-Las Cases und
Léoville-Las-Cases, Erstwein, Deuxième Cru, Saint Julien.
Einer der wenigen Zweitweine, die Parker gesondert bewertet und ihm
in diesem Fall 90 Punkte gegeben hat, während der Erstwein sogar 95+
erhalten hat. Meine Befürchtung, einen noch verschlossenen Zweitwein
vorzufinden, ist umsonst. Er ist offenherzig, wie Parker notiert, und
vor allem mit einer grossen, warmen Tiefe, die sein grosser Bruder -
der Léoville-Las-Cases - noch nicht vermitteln kann. Man kann die
den Zweitwein von jetzt an als genussreif bezeichnen, ihn aber -
sogar mit Vorteil - noch fünf Jahre ruhen lassen. Der Erstwein
hingegen öffnet sich wohl erst in drei, vier Jahren und erlangt die
Reifungsfülle in gut 8 bis 10 Jahren. Die beiden Weine sind zwar ein
besonderes Erlebnis, gleichzeitig auch Gradmesser für den
Reifungsprozess.

Lafite Rothschild, 1995, Erstwein, Premier Cru und
Carruade de Lafite, 1995, Zweitwein von Lafite Rothschild, Pauillac
Ich liebe die Weine von Lafite Rothschild, weil sie entgegen einiger
andern Premier Cru viel feingliedriger, viel eleganter und nuancierter
in den Aromen sind. Es sind keine Parkerweine, vielleicht gefallen sie
mir deshalb so gut. 1995 gelangte laut Aussage des verantwortlichen
Oenologen, nur etwa ein Drittel des Leseguts in den Erstwein. Er ist
deshalb wohl viel mächtiger, konzentrierter, sogar ertwas plakativer
und süsser als in anderen Jahren. Um dies genau zu beurteilen, muss
noch ein paar Jahre gewartet werden, denn noch offenbart dieser Lafite
nicht seine volle "Schönheit", er wird noch kräftig gebündelt
und gezerrt. Dafür ist der Zweitwein, Carruade, eine Überraschung.
Fast von allen vermeintlich als Erstwein erkannt, wohl der grösste
Genussfaktor des Abends. Ich bin restlos begeistert. So kann oder
sollte sich ein gerade reifgewordener Bordeaux präsentieren.

4. Runde
Natürlich fehlt noch die Suche nach dem Piraten, den ich in dieser
Runde "versteckt" habe. Zudem wollte ich nochmals den Reifegrad
überprüfen. Ich mache für mich die grobe, vielleicht auch etwas
willkürliche Einteilung "zu jung", "trinkreif",
"genussreif", "zu alt" (oder gar "vorbei"!) Deshalb die
etwas ausgefallene Zusammenstellung dieser letzten Runde.

Château Prieuré Lichine, 1995, Quatrième Cru, Margaux
Wohl eine der schwächeren Jahrgänge dieses Weinguts, das recht
gross ist, vielleicht zu gross, um echt grosse Weine hervorzubringen.
Und trotzdem: der 95er Lichine scheint mir - trotz seinen fast 15
Jahren - noch zu jung zu sein, jedenfalls immer noch verschlossen,
gepresst. Vielleicht öffnet er sich nie! Ich lasse ihn jedenfalls
vorläufig lieber im Keller, die eingekeilten Aromen wie Schokolade,
Erdbeeren, Kirschen wirken nicht als Primärfrucht, bieten aber auch
keine gereiften, eingewobenen Reifenuancen.

Château Prieuré Lichine, 1982,
Gleiches Weingut, 13 Jahre älter, wurde aber einhellig als deutlich
jüngerer Wein eingestuft. Eigentlich hat er im Augenblick die
optimale Trinkreife, das was ich als "Genussreife" bezeichne. Es
ist interessant, dass alle nach braunen Rändern suchten, zwar einige
Ziegeltöne entdeckten, dann aber - auch im Vergleich zum
vorangehenden Wein - ein Alter über 15 Jahren ausschlossen. Für
mich die Demonstration eines nicht überaus grossen, dafür überaus
genussreifen Bordeaux.

Château Bellevue, 1995, Grand Cru Classé, Saint-Emilion
Ein Wein, der erst in den letzten Jahren (also vor 1995) durch die
Weinmacher und Oenologen Stépane Derenoncourt und Nicolas Thiènpont
zum kleinen "Superstar" getrimmt wurde. Da zeigte sich die
Überschätzung, wenn man nur auf Namen und nicht auf die Umstände
achtet. Der Wein ist schon zum Teil abgebaut, jedenfalls in der
absteigenden Entwicklung. Noch nicht zu alt, aber nahezu ohne
Charakter, flach, wenig sagend. Also zu alt!

Achtung Pirat:
Huandong, Cabernet Sauvignon, 2000, China
Ich habe den Wein von meiner Chinareise vor zwei Jahren mitgenommen
vom Weingut Huandong-Parry, ein Joint Venture zwischen der lokalen
Regierung und einem Investor aus Hongkong (Getränkehändler). Ein
erstaunlich feingliedriger Sauvignon, sauber vinifiziert, etwas
ausladend breit in den Aromen, kraftvoll und eindeutig französische
Weinphilosophie verratend. Der Wein konnte absolut mit den Bordeaux
mithalten, wenn auch weitgehend erkannt wurde, dass die Tiefe und
Bestimmtheit der Bordeaux, vom ersten Schluck bis zum Abgang, (noch)
nicht erreicht wird.

Château Croizet-Bages, 1995, Cinquième Cru, Pauillac
Der namensverwandte vom weitaus besseren Weingut Lynch-Bage macht
seit Jahren Weine, die weit unter den Möglichkeiten des Terroirs
liegen. Sie sind dementsprechend als Marke auch nicht sehr gut
beleumdet, meist auf Niveau eines Cru Bourgeois. Der 95er war einer
der besseren. Deshalb habe ich ihn auch in meinem Keller. Der
Vergleich zeigt nun: der Wein ist trinkreif, aber noch gar nicht über
dem Zenit, wie die meisten Weine der ersten Runde. Er kann jetzt mit
viel Spass getrunken werden und stellt einen ausgezeichneten
Essenbegleiter dar.

Zum Schluss:
Wein zum Käse:
Château Climens, 1995, Premiere Cru Classé, Barsac
Ein grossartiger, ein genialer Wein - entgegen allen Unkenrufen. Im
Augenblick volle genussreife: warmer, voluminöser Körper, schöne
Säure, dezente aber prägnante Süsse. Einer der besten Sauternes,
die ich in der letzten Zeit getrunken habe. Dies zeigte sich auch
Konsum: während meist eine oder zwei halbe Flaschen genügten, zum
offerierten Käse, wurden diesmal vier Flaschen weggetrunken und die
Frage nach mehr stand im Raum.
Zusammenfassend:

Der 1995er bietet viele Überraschungen. Man sollte sich jetzt damit
befassen und die guten Augenblicke geniessen und die schlechten rasch
vergessen. Kleine 1995 dringend austrinken, mittlere Weine geniessen
und die grossen in der Regel noch unangetastet lassen.

Herzlich
Peter


Meine Visitenkarte Online:
www.wein-plus.de/karte/zuelligpe

Dieser Beitrag wurde mit dem webbasierten Zugang zum Forum erstellt:
www.wein-plus.de/forum/


--