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Getrunken - Latour 1989, Pauillac

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Betreff: Getrunken - Latour 1989, Pauillac

Datum: 2012-01-01 13:20:39
Absender:  "Peter Züllig"




Château Latour: Latour 1989, Pauillac, Bordeaux

Zugegeben - ein Latour kommt auch bei mir Bordeauxliebhaber - nur
selten ins Trinkglas. Viele Jahrgänge habe ich in Degustationen -
meist eher in homöopathischen Mengen - probiert, aber eben
"nur" probiert. Irgendwann aber ist es Zeit, ein paar der
gehüteten Schätze ihrer Bestimmung zuzuführen, dem Genuss.
Silvesternacht ohne Party - "die Gelegenheit ist günstig",
Latour 1989 wird entkorkt und kommt - wie jeder Bordeaux bei mir,
auch die "Kleinen" - in die Karaffe. Rechtzeitig, denn in der
letzten Zeit habe ich einige Weine zu spät aus dem Keller geholt. Das
vom spontanen Griff in das Weinregal will eben doch nicht so richtig
funktionieren. Beim Entkorken - ich gebe es zu - war ich
enttäuscht: es drang nicht dieser starke, betörende Duft aus der
Flasche, wie bei so manchem Wein, der in Parkers höchsten
Punktekörbchen Eingang gefunden hat. Die Nase war eher dezent,
verhalten, wohlig aber nicht betörend. Parker hat dem Wein ja zuletzt
(2000) auch nur 89 Punkte gegeben. Kein Parker-Wein also. Die letzte
offizielle Parker-Verkostungsnotiz liegt auch schon 11 Jahre zurück.
In dieser Zeit ist offensichtlich viel geschehen, in der Flasche. Der
Wein gehört so ziemlich zum grössten Weinerlebnis des vergangenen
Jahres. Und an Weinerlebnissen war das Jahr ja nicht gerade arm (siehe
die Rubrik: getrunken). Gabriel notierte vor einem Jahr:
"….beginnt buttrig süss, trotz seiner inneren Trockenheit,
fleischig und ziemlich mächtig. Legt zu…". Dieses "legt zu"
hat mich bewogen, die Flasche jetzt, fast zwei Jahre später, zu
öffnen. Und ich habe gut getan. Wir hatten an diesem letzten Tag im
Jahr einen feinen, ausgewogenen, reifen Wein im Glas, einen Wein, wie
ich ihn eigentlich nur selten angetroffen habe. Vielleicht keinen 100-
oder 20-Punkte Wein, dazu fehlte es ihm vielleicht an Power, an
schlagender Kraft. Ich begegne "schlagenden" Weinen immer mit
besonderer Zurückhaltung. Wohl zu recht! Wenn ich Bilanz ziehe -
das Jahresende ist ja die Zeit Bilanzen - dann sind fast alle
Erinnerungen an "schlagende" Weine längst verblasst,
verschwunden, getaucht. Geblieben sind Eindrücke von Weinen, die -
in der Musik würde man sagen - Kompositionswille oder -talent
verraten. Der gestrige Wein gehört dazu. Man hat dem Wein lange Zeit
Trockenheit nachgesagt, er stand auch deutlich im Schatten der
90er-Weine, denen man generell - auf Grund der Jahrgangsbeurteilung
- mehr Potential zutraute. Wieder einmal offenbart die Realität ein
etwas differenzierteres Bild: der 89er ist heute mindestens so gut,
wenn nicht besser, als der 90er (der noch immer viel höher gehandelt
wird). Drei, vier Stunden habe ich den Wein dekantiert, dann war er
da: mit dezenter, aber frischer Frucht; im Gaumen nicht riesig, aber
fleischig und elegant; im Abgang warm, weich und laaaang. Wie schon
gesagt: kein Powerwein, aber ein bleibendes Erlebnis, das nicht durch
Kraft und Stärke dominiert oder gar totgeschlagen wird.



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