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Mit Freude einverleibte Bordeaux

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Betreff: Mit Freude einverleibte Bordeaux

Datum: 2007-02-28 18:17:48
Absender:  Peter Züllig



Grüezi mitenand
wer im Metaforum die Diskussion verfolgt, der ist
eigentlich nicht überrascht, dass laut repräsentativer
Umfrage jeder zweite Schweizer die Deutschenüberfremdung
fürchtet. Ich kann aber glaubhaft beweisen, dass ich
der 1. bin (nicht der zweite!), brauche also keinen
Rechtsanwalt.

Ich möchte deshalb wieder über Wein berichten, und
zwar über ein paar mit viel Freude einverleibte (lies
genossene, geschätzte, erlebte etc.) Bordeaux.
Dabei halte ich mich vor allem an den augenblicklichen
"Zustand" der Weine, denn über die generelle Qualitäten
haben berufenere längst in allen Foren und Zeitschriften
berichtet und sie bewertet.


Gestern:

Lynch Banges 1982
Einer der reifsten, schönsten, ausgeglichensten "alten"
Bordeaux, die ich in der letzten Zeit getrunken habe.
Einerseits diese leisen Lebkuchen-Noten, aber auch
Veilchen und Zwetschgen, alles schön eingebunden rund,
warm, Fruchtspuren noch vorhanden, etwas wenig, (zuwenig)
Säure. Sicher auf dem absteigenden Weg, aber noch ein
voller Genuss.

Canon la Gaffelière 1997
Für mich ein exotischer Wein: fernöstliche Gewürze,
natürlich die obligate Vanille-Note, in der Struktur
noch streng, gebieterisch. Hat eine Kraft, die an
aller, nur nicht an einen 97er gemahnt. Für mich einer
der besten 97er überhaupt. Obwohl ich im Augenblick
diesen Jahrgang oft im Glase habe, stelle ich diesen
Neipperg Wein noch etwas zurück, kann noch warten.

vor einer Woche:

Lafite 1982
Absolute Spitze: spricht man da von einem "unsterblichen"
Wein? Ich weiss es nicht. Jedenfalls strömt all das,
was ich einen "gereiften" Bordeaux nenne, aus dem
Glas. Immer noch jugendlich und doch gereift, immer
noch genügend Säure und doch eine fruchtige Saftigkeit,
ausgewogen und - der einzige Wermutstropfen - in einer
unbezahlbaren Preislage: um 1000 Euro (nur mit Glück
zu bekommen). Ich habe genau 6 Schlucke oder sagt man
Schluck(s) getrunken. Herrlich.


Chasse Spleen 1983
Schon etwas aus der Fassung geraten, gealtert,
etwas mollig geworden, an den Rändern bereits der
bekannte Bernstein, doch immer noch voll Charmes,
muss getrunken werden, sonst müssen wir uns unschön
verabschieden. Macht so aber noch Spass, besitzt genügend
Tiefe, dass sich die Reichhaltigkeit der Aromen noch
vermitteln lassen.

Mouton Rothschild 2001
Eindeutig zu jung. Fest verschlossen lassen, ganz
Fest. Zieht noch den Gaumen zusammen, fast als wäre
es eine Fassprobe. Verschlossen, in einer Phase,
wo man Wein besser ruhen lässt.

Troplong Mondot 1995
Ich gebe zu, der Troplong gehört zu meinen Lieblings-
Emilion. Darum bin ich auch parteiisch. Vor zwei drei
Jahren noch verschlossen, unnahbar, jetzt aber wieder
voll Frucht und einer unglaublichen Aromatik: Unterholz,
Süßholz, Schokolade, Kirschen... Wie gesagt,
ich bin befangen. Ein Erlebnis!

Beaucaillou 1998
Tiefe Farbe, zeigt bereits reife Frucht. Für mich
aber eindeutig noch zu jung. Muss reifen, um seine
Persönlichkeit zu entfalten. Die leicht, an
Bleistift und Toast erinnernde Geschmacksnote
muss noch besser eingewoben werden, die Struktur
ist vorhanden, stimmt aber noch nicht. Da würde ich
noch einige Zeit warten, in der Überzeugung, dass
daraus noch etwas Grosses werden kann.

Dominique 1995
Gehört auch zu meinen Lieblings-Châteaux, nicht
zuletzt auch, weil ich mit Betanne wunderschöne Stunden
auf dem Schloss verbracht habe. Etwas tanninpräsent,
auch jetzt noch, nach gut 10 Jahren. Voller Körper,
mit einem fast einmaligen Spiel zwischen diesem
klassischen Chassisgeschmack und roten Beeren, allen
voran Himbeeren, Erdbeeren, die ich sonst eher im
Emilion registriere. Ein schöner Wein, jetzt am
Anfang der Genussreife, aber noch leise weiterreifend,
ich meine die nächsten drei Jahre.

Soweit meine Notizen, wieder zum Thema Wein.
Herzlich
Peter




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