Piemontissimo
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Betreff: Piemontissimo
Datum: 2011-11-02 11:42:03Absender: "Peter Züllig"
Grüezi mitenand
Auf meiner Homepage - sammlerfreak.ch - sind Bilder von der Reise
mit Max Hendlmeier eingestellt und ein paar "Gedankensplitter",
die ich in Zusammenhang mit dieser Reise geschrieben haben. Noch immer
liegen ein paar Notizen vor mir, noch nicht formuliert, aber
festgehalten. Sie werden sich - wenn die verfügbare Zeit es
zulässt - wohl auch auf die Homepage schleichen.
Zudem geht es auch in meiner nächsten Kolumne (nächste Woche)
wieder einmal in den Süden, natürlich ins Piemont. So bleibt mir
hier nur wenig nachzutragen: zum Beispiel - was schon Bernd gesagt
hat - es war eine schöne Reise, sehr gut organisiert und geleitet
von Max Hendlmeier, sehr charmant präsentiert von Patrizia
Castellano-Bolzan. Doch dies alles interessiert vor allem die, die
mitgekommen sind und vielleicht noch die, welche (aus welchem Grund
auch immer) daheim blieben.
Für die breite Leserschaft im Forum trotzdem ein paar Stichworte aus
meinem ureigensten Erleben:
Nebbiolo: Die Rebsorte dominiert das Piemont. Man trifft sie in allen
nur denkbaren Varianten, vor allem lagebezeichnet als Barolo und
Barbaresco (Ortsnahmen). Eine Traube, die eigentlich nur im Piemont
(und ein wenig in der Lombardei) zuhause ist, sozusagen eine
autochthone Rebsorte also. Man muss sich - und kann sich - an die
tanninreichen, körperreichen Weine gewöhnen. Man kann sich sogar -
wer hätte dies gedacht - in sie verlieben! Mühe hatte ich -
siehe "Gedankensplitter" auf meiner Homepage - mit dem Einsatz
des Holzes. Kostbare Vanillesauce habe ich nicht nur einmal spontan
ausgerufen.
Dolcetto: Die piemontesische Art eines Beaujoulais. Es ist der
Alltagswein im Piemont, jung getrunken, frisch, leichte Kirsch- und
Pflaumentöne. Das Piemont ohne Dolcetto kann ich mir kaum vorstellen.
Man liebt den oft leicht säuerlichen, leicht bitteren, aber frischen
Wein. Bei uns, den Touristen, auch den Weintouristen, kommt der Wein
in der Regel nicht gut an. Das reizt mich und weckt mein Interesse.
Ich bleibe dran!
Autochthone Rebsorten: Die Fülle der mir gänzlich unbekannten
Rebsorten hat mich fast erschlagen. Ist dies nur ein Autochthonen-Hype
oder eine echte Entdeckung? Neugierig wie ich einmal bin, habe ich -
wo auch immer ich konnte - Weine aus wenig bekannten Rebsorten -
mit oft ganz anderen Aromen - getrunken und degustiert. Dies hat mir
unheimlich gefallen. Freisa (kaum mehr anzutreffen), Ruche, Arneis,
Timorasso, Croatina und, und… Hei, was habe ich da alles gelernt und
was hat mein Gaumen an Nuancen geniessen können.
Weingüter: Nein, es waren keine der ganz Grossen dabei. Von Gaja hat
man immer wieder gesprochen, ich stand auch vor dem abweisenden
metallenen Tor. Kein verstohlener Blick erlaubt uns der Kultproduzent.
Die Tocher des "Traditionalisten" Rinaldi hingegen haben wir in
einem einfachen, gemütlichen Lokal in Alba angetroffen. Leider ist
mein italienisch nicht konversationstauglich für ernsthafte
Wein-Gespräche. Sonst hätte ich gerne einiges erfragt, ja sogar
vieles.
Traditionalisten versus Erneuerer: Gleich an meinem ersten
Piemont-Abend hatte ich einen Barolo von Elio Altare im Glas. Er gilt
als Modernist, was immer das heissen mag. Später habe ich auch einen
älteren (1996) Rinaldi getrunken, leider war er bereits etwas
abgebaut - oder sind alte Barolo so? Irgendwie hat sich mir der
vielzitierte "Kampf" zwischen Modernisten und Traditionalisten
nicht mitgeteilt. Für mich waren die Weine oft einfach überholzt und
ebenso oft zu jung. Besonders gut fand ich jene Weine, die eindeutig
Flagge zeigten, Charakter hatten: Albino Rocca, Sottimano, Eugenio
Bocchino zum Beispiel.
Junge Weine: In der Regel waren die Weine, die wir verkosten konnten,
recht jung. Ein guter Barolo oder Barberesco, aber auch ein Barbera
sollte nicht so jung getrunken werden, sonst setzt sich ein falsches
Bild fest. Bei einigen Winzern hatte ich jenen pelzigen Mund und
Gaumen, den ich von den Fassproben im Bordelais bestens kenne (auch
dazu ein "Gedankensplitter" auf meiner Homepage). Man bemüht sich
in solchen Fällen, Potential festzustellen, und resigniert rasch
einmal bei den Verkostungen…. genussverhindert. Ich weiss, dieses
Problem ist auf Weintouren kaum zu lösen, es sei denn, man gönnt
sich dann am Abend - in einem guten Restaurant mit einer grossen
Weinkarte - ein paar wirklich alte, zumindest trinkreife Weine. Wir
haben dies zum Teil getan.
Zum Schluss noch ein Wort zur Reisegruppe, zu Weinreisengruppen ganz
allgemein. Die Interessen sind da recht unterschiedlich. Sicher nicht
ganz so eindeutig wie in Bordeaux, wo mindestens die ganz grossen
Namen mit dabei sein müssen. Auch im Piemont leckt der/die eine oder
andere nach Berühmtheiten in Sachen Wein. Andererseits sucht man -
vor allem wenn man das Weingebiet noch nicht oder wenig kennt - nach
dem Typischen, nach dem Anerkannten, nach dem, was man im
internationalen Weinhandel schon angetroffen hat. Schliesslich gibt es
immer auch eine Gruppe, die möchte einkaufen, direkt beim Winzer, zu
möglichst günstigen Preisen. Und dann ist da noch die (meist kleine)
Schar von Neugierigen. Sie stürzen sich auf Unbekanntes, Neues,
Spezielles. Ich habe den Verdacht, ich gehöre dazu. Das Programm von
Max Hendlmeier ist so - und dies ist keine blosse Schmeichelei,
sondern die xte Erfahrung - dass für jeden und jede etwas dabei
ist, für den Suchenden und den Bestätiger, für den Neugierigen und
den einfach Geniessenden.
Ganz zum Schluss: Die Erfahrung der letzten Woche - im Piemont -
war auch für mich eine Bestätigung: man muss vor Ort sein, die
Landschaft erleben, die Menschen kennenlernen, die Weine einmal da
trinken, wo sie zuhause sind. Immer wieder habe ich versucht,
italienische Weine an Degustationen und Präsentationen in mein
WeinWissen einzubauen. Fast hoffnungslos! Es bleiben Namen, Fakten,
Beurteilungen - sie bekommen erst ein Gewand, eine Seele, wenn man
wenigstens einmal dort war, wenn man nicht nur das Wissen, sondern
auch das Erlebnis mit nach Hause nimmt.
Vielen Dank an alle, die mitgereist, mitgemacht und mitgetrunken
haben.
Herzlich
Peter
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