Re: AW: Re: Italien und Sangiovese
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Betreff: Re: AW: Re: Italien und Sangiovese
Datum: 2010-02-26 14:59:21Absender: "Peter Züllig"
Lieber Bruno
ganz herzlichen Dank für Deinen Beitrag zum Thema italienische
Weine.
Genau dies liebe ich so am Forum, dass auch immer Weinfreunde
mitlesen
(und mitdenken), die sich nicht dauernd zu Worte melden, die aber
immer wieder Interessants mehr zu sagen haben, mehr als nur: "ein
geiler Wein" (Originalton Scheuermann) oder so.
Was für mich auch faszinierend ist, dass man offensichtlich über
das
weltweite Web gehen muss, um festzustellen, dass Wissen und die
auch die Bereitschaft Erfahrungen weiterzugeben, eigentlich
geografisch
so nahe liegen (Bubikon bis Zollikon) würden und offensichtlich -
wenn man sich einigermassen gesittet artikuliert - auch bereitwillig
Antwort und Auskunft erhält.
Eine tolle Erfahrung!
Vor allem Deine Beschreibungen der Aromen (Aromenvielfalt) und die
von
Dir beobachteten Entwicklung bringen mich einen guten Schritt dem
italienischen
Wein näher, zumindest dem Sangiovese.
Endlich erfahre ich etwas über die Erwartungen, die Lagerfähigkeit,
die Aromen, die Flaschenreifung etc. bei Toskanern, und ich kann
fortan meine eigenen Entdeckungsgänge im Weinspektrum Italien
zumindest besser einordnen, vielleicht sogar überprüfen und eigene
Erfahrungen in meine
Vorstellungen von Wein-Italien einbringen. Dann bleibt das Gelesene
nicht nur "Papier" (Screen), sondern wird systematisch zur Erfahrung,
zur Weinfreude, zum Genuss.
Ich sage Dir: dies macht Spass und bringt ein hohes Mass
weingeprägter Lebensqualität.
Ganz herzlich
Peter
>Hallo Peter,
>
>Italien ist in der Tat ein Randthema im Weinforum. Vielleicht liegt
>es ja auch an mir, dass ich mich schon lange
>nicht mehr gemeldet habe. Ich bin ein Liebhaber des Sangiovese und
>teste schon viele Jahre Brunello, der nach wie vor
>zu 100 Prozent aus dem speziellen Klon Sangiovese Grosso bestehen
>muss.
>
>
>
>Wieso habe ich mich lange nicht mehr gemeldet? Ich lese doch alles
>mit. Fehlt es an der Herausforderung? Ist es die
>versteckte Furcht gleich mit Kritik eingedeckt zu werden? Oder
>daran, dass meine Kommentare einfach ins Leere laufen?
>
>
>
>Vielleicht von allem ein wenig.
>
>
>
>Ich vermisse ein wenig die authentischen Sangiovese mit der
starken,
>fast stahlig wirkenden Saeurestruktur. Ich erlebte
>das mit den Brunello der 70er und 80 er Jahre. Mit dem 1990 war
dann
> Schluss. Seither finde ich vor allem gefaellige
>rotfruchtige Sangiovese nicht nur in Montalcino, sondern auch in
>anderen Weingegenden. Keiner erscheint mir auf lange
>Lagerfaehigkeit ausgerichtet zu sein.
>
>
>
>Ich habe gerade kuerzlich einen Brunello Biondi Santi 1998 getestet
>und ihn einige Tage stehen lassen. Gewiss hat so
>ein Wein einmalige Aromen. Speziell die Aromatik der grossen,
>gebrauchten Faesser erschien mir wunderschoen in der
>Nase. Aber die Struktur hat mich nicht ueberzeugt.
>
>
>
>Dann gibt es die teuren Brunello Klassiker wie z.B. den Poggio di
>Sotto von Palmucci oder den Salvioni, die mich jedoch
>mit ihren reduktiven Aromen (nasser Hund oder noch schlimmer) immer
>wieder zu schlechten Beurteilungen verleiten.
>Manchmal frage ich mich, weshalb man solche Weine Jahr fuer Jahr
auf
>den Markt bringt. Offenbar gibt es eine
>Fangemeinde fuer solche Aromen. Offenbar sind diese Aromen erst im
>Verlauf der Flaschenreife erkennbar. Ich habe auch
>festgestellt, dass mit der Reife solche Aromen wieder abgebaut
>werden. Jedoch keineswegs immer.
>
>
>
>Im Laufe der Jahre habe ich beim Sangiovese etwa ein dutzend
>typische Aromenrichtungen ausgemacht. Beim Brunello habe
>ich den Eindruck, dass er nach etwa 7 bis 10 Jahren im breiten
>Durchschnitt der Produzenten die beste Phase erreicht.
>Die Tannine sind dann schon etwas gebunden, die Fruchtphase noch
>nicht vorbei. Gute Weine koennen im Verlauf von bis zu
>vier Tagen sehr schoene Aromen entwickeln.
>
>
>
>Mir gefallen bei den Weinen in der Fruchtphase speziell die
>authentisch wirkenden Kirschenfruechte. Da gibt es von den
>hellroten, saeurereichen Fruchtfarben bis zu den dunklen
>schwarzkirschigen Weinen alle Varianten. Manchmal glaube ich
>auch hagebuttenartige Varianten zu erkennen. Seltener sogar rote
>Johannisbeeren.
>
>
>
>Bei den hellroten Sangiovese Tropfen mit viel Primaersaeure gibt es
>tolle Sachen aus der Romagna und sogar aus der
>Maremma. Zum Beispiel einen Morrelino Scansano La Fornace, der von
>Andreas Maerz im Merum als JLF Wein herausgearbeitet
>worden war. Als ich dann in Italien weilte und nach diesem Wein
>suchte (ich hatte die Merum Degubox bestellt und war
>von diesem Wein sehr angetan), war ich fast ein wenig erschrocken,
>dass ich diesen Wein ganz profan in einem der
>grossen Discounter in der Maremma fand - fuer gerade mal 6 Euro.
>
>
>
>Ueberhaupt erscheint mir das Pricing von Sangiovese Weinen sehr
>seltsam. In Bordeaux gibt es meiner Meinung nach klare
>Preisabstufungen. In Italien scheint mir, macht jeder was er will.
>Der gleiche Wein kann in der einen Vinothek 21 Euro
>kosten, ein paar Laeden weiter das Doppelte. Oder die italienische
>Weinzeitschrift Il Mio Vino stellt einen Brunello
>Casanova Neri Tenuta Nuova als 150 Euro Wein als Sparringpartner
>normalpreisigeren Brunello gegenueber. Was soll den
>das? Ich selber hatte doch den gleichen Wein fuer knapp 40 Euro
>gekauft. Ein schoenes Beispiel ist der Brunello von
>Cupano. Ich habe den noch nie fuer weniger als 95 Euro in einem der
>Laeden in Montalcino gesehen. Sogar der 2002er als
>schwacher Jahrgang ist nicht guenstiger. Uebers Internet oder bei
>einem kleinen Weinhaendler in der Schweiz gelten ganz
>andere Konditionen. Der starke 2004er Jahrgang war fuer weniger als
>100 Franken erhaeltlich. (ca 60 Euro).
>
>
>
>Jedenfalls eines ist klar. Sobald der Wine Spectator einen Brunello
>zwischen 95 und 100 Punkten bewertet, schiessen die
>Preise in astronomische Hoehen. Bis anhin schien diese
>Weinzeitschrift einen recht deutlichen Einfluss auf die
>Weinmacher in Italien gehabt zu haben. Der grosse Marktanteil in
>Amerika tut sein Uebriges, um die Weine suess und
>gefaellig zu machen.
>
>
>
>In meine Testsystematik verfolge ich die Entwicklung der Weine
ueber
> mehrere Tage. Es ist eigentlich unfassbar, wieso
>gewisse Produzenten auf die Idee kommen, Sangiovese Weine zu
>produzieren, die mich an Fruchtkaugummi erinnern, oder
>derart fett auf Barrique Kirsche oder Barrique Traube getrimmt
sind,
>dass man den Basiswein nicht mehr erkennen kann.
>
>
>
>Mit den Jahrgaengen 2003 und 2004 und dem kleinen Weinskandal in
>Montalcino, der zu einem voruebergehenden Importstopp
>in den USA gefuehrt hatte, erscheinen mir die Weine wieder etwas
>frischer und saeurebetonter. Vielleicht bilde ich mir
>das auch nur ein. Man hatte den grossen Brunello Produzenten
>vorgeworfen, andere Traubensorten dem Brunello beigemischt
>zu haben.
>
>
>
>Ich glaube schon, dass der Sangiovese einen hervorragenden Wein
>hervorbringen kann, mir erscheint aber die Entwicklung
>der letzten Jahre nicht auf die Eigenart dieser Traubensorte
>ausgerichtet zu sein. Ich glaube eher, dass man mit dem
>franzoesischen Know How aus Bordeaux oder auch durch die
>Konsumentenwuensche der Sangiovese Traube nicht gerecht wird
>und versucht, aus einer eher sperrigen und saeurereichen Varietaet
>weiche konsumfreundliche Weine zu basteln. Die
>Resultate sind manchmal wirklich grauenhaft.
>
>
>
>Ich blicke aber dennoch optimistisch in die Zukunft. Ich hoffe das
>Know How der Weinmacher und die Konsumenten werden
>es richten.
>
>
>
>Freundlicher Gruss aus Zollikon (Schweiz)
>
>
>
>Bruno Schuler
>
>
>
>
>
>
>
>----Ursprüngliche Nachricht----
>
>Von: zuelligpe@bluewin.ch
>
>Datum: 24.02.2010 15:54
>
>An: <brunello57@bluewin.ch>
>
>Betreff: [weinforum] Re: Italien und Sangiovese
>
>
>
>
>
>Grüezi Ollie
>
>
>
>Wow, das tönt aber deftig - "Lust auf intellektuell unredliche
>
>geführte, weil völlig meinungsgetriebene Kreuzzüge" -, was
>Du zu
>
>der Italiener-Diskussion beizutragen hast. Ich meine, dass ein
>ganzes
>
>Heer an Frust hinter den Zeilen aufmarschiert ist.
>
>
>
>Tatsächlich habe ich mit meinem Beitrag (und schon mit der
>Kolumne,
>
>auf die sich das Forumsmail bezog) nicht die Frage nach echt oder
>
>unecht, nach Traubensorte und Terroirspezifikation, nach
>
>Parkerisierung oder Idealisierung, nach... aufgegriffen, sondern
>
>schlicht und einfach wieder einmal festgestellt, dass italienische
>
>Weine hier im Forum fast schon eine Ausnahmeerscheinung darstellen.
>
>
>
>Und wenn das Thema einmal auftaucht, sei es in einer Empfehlung
>oder
>
>einer Frage, dann sind es die üblichen Namen, meist die "grossen
>
>Tiere" und bekanntesten Weingebiete.
>
>
>
>Es ist aber so, dass es nebst Riesling und Bordeaux doch noch etwas
>
>anderes gibt, unter ihnen Spanier, Australier, Oesterreicher,
>
>Schweizer, Chinesen, sogar Sahara-Weine (Beitrag im neusten
>"Vinum")
>
>und eben auch Italiener.
>
>
>
>Ich gebe auch gerne zu, dass mir das italienische
>Wein-Durcheinander
>
>von erlaubt und nichterlaubt, von DOCG und DOC, von IGT und VdT
>noch
>
>immer ein Buch mit etlichen Siegeln ist. Vielleicht ist dies gar
>
>Chaos, also ganz anders und ich bin in den 60er Jahren stehen
>
>geblieben, in der Zeit, in der ich durch italienischen Wein
>
>"wein-sozialisiert" worden bin.
>
>
>
>Unterdessen habe ich mir - nicht zuletzt auch durch zehn Jahre
>
>eifriges Mittun bei Wein-plus - über viele Weingebiete (auch
>über
>
>deutsche Rieslinge) ein Grundwissen angeeignet, habe durch eigene
>
>Anstrengung (und meine Sammelleidenschaft) das Bordelais "erobert",
>
>bin in der Languedoc fast schon heimisch geworden, durchziehe (fast
>
>wie ein Wanderprediger) deutsche Lande mit Schweizerweinen, wagte
>
>einen Abstecher nach Kalifornien, ja sogar nach China und, und,
>
>und...
>
>
>
>Nur meine Nachbarn, die Italiener, sind mir nahezu fremd geblieben.
>
>Zwar gibt es hier in der Schweiz gute Weinhändler mit guten
>
>Italienern (ein Weinhändler meines Vertrauens hat sich sogar auf
>
>Italiener spezialisiert), und auf den Speiskarten und Weinkarten in
>
>Restaurants dominieren in der Regel italienische Weine. An
>
>Empfehlungen und Annäherungsversuchen mangelt es also nicht.
>
>
>
>An was es mangelt: das ist die freie, frische, authentische (nicht
>
>wie Du meinst: meinungsgetriebene) Diskussion über die
>italienischen
>
>Weine, seien sie nun aus der Toskana, aus dem Piemont, aus Apulien
>
>oder gar Sizilien.
>
>
>
>Immerhin sind inzwischen eine ganze Reihe von Hinweisen und Tipps
>im
>
>Forum aufgetaucht, immerhin hat sich eine Diskussion angebahnt, die
>
>über "ich kenne auch noch einen guten Wein" hinaus geht. Immerhin
>ist
>
>Italien - oh Wunder - im Forum - wohl nur strohfeuerhaft - ein
>Thema.
>
>
>
>
>
>Meine Einleitung zur Adoption italienischer Weine habe ich zum
>Anlass
>
>genommen - nicht um zu klönen und ein Lustkiller zu sein, sondern
>um
>
>das Thema Italien ins Forum einzubringen. Zuerst einmal mit einem
>
>kleinen, bescheidenen Erfolg. Dann aber kam Deine heftige Reaktion,
>
>die Sau-Parabel und das Meinungsdiktat, die intellektuelle
>
>Unredlichkeit und die geahnten Verschwörungstheorien, und haben
>dem
>
>kurzen Flirt mit Italien ein Ende gesetzt. Das finde ich schade.
>
>
>
>Nicht Deine Meinung, nicht einmal Deine Wut ist das Problem,
>sondern
>
>dass Meinungen und Wut gar nicht mehr zugelassen werden, dass
>
>Kurzaussagen wie "ein geiler Wein" und was kostet er, viel
>gefragter
>
>sind, als "intellektuell unredlich geführte" Diskussionen
>über
>
>Geschmack, Weintradition, Winzerlatein, Weinerfahrungen,
>Begegnungen,
>
>Traubensorten und, und, und.....
>
>
>
>Jeder Weintrinker soll selber feststellen was im schmeckt und
>einfach
>
>nur trinken, nur konsumieren ..... darüber aber möglichst
>nicht
>
>kommunizieren.
>
>
>
>Wozu ist dann ein Weinforum da?
>
>
>
>Die Bordeaux-Sau, die grunzende, hat immerhin dazu beigetragen,
>dass
>
>inzwischen viele Weinfreunde die Eigenheiten des rechten und linken
>
>Ufers im Bordelais halbwegs kennen, dass sie die verschiedenen
>
>Klassifikationen einordnen können, dass sie vielleicht sogar
>wissen,
>
>dass ein Pavie nicht mehr so ist, wie noch vor fünf Jahren war,
>
>dass...
>
>
>
>In diesem Sinn ganz herzlich
>
>
>
>Peter,
>
>
>
>der unheimlich dankbar ist, dass Italiener wenigstens nicht mehr
>
>ausgegrenzt werden und dass man sich gelegentlich erinnert, dass es
>
>auch noch die RhÃ