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Re: AW: Re: Languedoc ist anders

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Betreff: Re: AW: Re: Languedoc ist anders

Datum: 2004-01-23 22:42:50
Absender:  "Peter Meinusch"



Hallo Peter,

ich schätze die Ideale Deiner Jugend weitaus mehr als die Einstellung von
Winzern, die nichts ändern wollen und nicht einsehen können, dass der Markt
für ein weniger gutes Produkt eben auch nur einen weniger guten Preis
bezahlen will ;-)

Mögest Du Recht haben, dass sich der Qualtätsgedanke auch bei der Masse noch
durchsetzten wird - selbst kann ich daran derzeit nicht so recht glauben.

Mail mir doch privat, wann Du wieder vorort bist - vielleicht können wir uns
dann ja bei einem Glas über die akt. Situation noch weiter austauschen.

Viele Grüsse
Peter
meinusch.com




----- Original Message -----
From: <Züllig@p15139095.pureserver.info>; "Peter" <zuelligpe@swissonline.ch>
To: <weinforum@wein-plus.de>
Sent: Tuesday, January 20, 2004 3:15 PM
Subject: [weinforum] AW: Re: Languedoc ist anders


> Grüezi Peter
> Das mit den Gewaltsausbrüchen: Sicher keine Lösung für
> eine Region, aber in einer Situation nicht ganz
> unverständlich. Ich selber ging vor gut 30 Jahren für
> meine Ideale auf die Strasse (und habe dies nicht
> vergessen!). Da zu urteilen, von uns, die weit weg
> sind und unseren Urlaub unten am Meer geniessen, dort
> irgend ein kleines (oder grösseres) Refugium haben und -
> trotz hoher Preise - doch mit unseren Löhnen ganz gut
> leben können... wir haben gut sagen. Natürlich
> gibt es die Quer- und Sturköpfe, die noch so in den
> Weinbergen arbeiten, als ginge es ums Holzfällen.
> Gerade im "Unterland", Nähe Meer, sehe ich so oft
> die Ernte einbringen... so dass es mich schaudert.
> Doch ähnliches gibt es überall - und dort wo so grosse
> Massen geerntet werden, wie im Languedoc, da gibt es
> eben auch die die Massenproduktion viel häufiger... Doch ich
> kenne viele Müller-Thurgau-Produzenten, die
> nicht viel bessere Weine machen... viele
> Weinbauern, die von Qualität wenig halten...
> Aber, davon sprechen wir ja im Forum kaum. Und die
> Weinjournalisten sprechen ebenfalls nicht davon,
> sondern von den guten bis sehr guten Weinen. Darum
> nennen wir auch immer und immer wieder die gleichen
> Namen...
> Aber, die Wirklichkeit ist doch differenzierter.
> Im Languedoc genau so, wie in der Schweiz.
> Es gibt bei uns nicht nur den nichtssagenden
> Schweizerwein und dazu noch ein paar grose Namen:
> Gantenbein, Kesselring, Stucki .... es gibt noch
> vieles, vieles Gutes mehr. Und diese Vielfalt von
> gutem, mittelmässigem und halt auch schlechtem macht
> eine Region aus.
> Dafür wehre ich mich, sowohl in der Schweiz, wo wir
> nicht alle Käse essen und Milchschwemmen produzieren
> und jodeln und Schoggi vertilgen..... Aber auch in der
> Languedoc, wo nicht alle Maudhäuschen demolieren und schlechte
> Plörre fabrizieren, wo nicht jeder Petanque-Spieler
> ein sturer Bock ist und nicht jeder Weinbauer einfach
> nichts begreift....
> Besuche mal ein Seminar an der Uni Montpellier und
> rede mit den StudentInnen... wie gesagt, da sind
> nicht nur Auswärtige, sondern immer mehr Söhne und
> Töchter kleiner und grösserer Weingüter, auch aus
> dem Languedoc.
> Dass es vor 10 Jahren noch anders war, richtig..
> das Leben in der Languedoc (ich fahre seit über
> 30 Jahren hin) ist - wie überall - anders geworden.
> Besser? Eben anders. Das wollte ich mit meinem
> "Wutausbruch" dokumentieren. Ich halte wenig von
> fremden Messias im Languedoc, auch wenn ihre
> Weine gut, oft sogar ausgezeichnet sibd. Ich halte
> viel mehr von der Lernfähigkeit und der Selbsthilfe
> der Menschen in einer Region. Und die gehen nicht
> einfach Maudhäuschen beschädigen, genau so wenig,
> wie damals im 68 alle Studierenden auf der
> Strasse gingen. Es gibt viele darunter, die sind
> eben lernfähig - vielleicht noch nicht eine
> Mehrheit, aber genug, um eine Relgion auch zu
> prägen.
> Nichts für unguet
> Peter
>
> -----Ursprüngliche Nachricht-----
> Von: weinforum_owner@apris.de [mailto:weinforum_owner@apris.de]Im
> Auftrag von Peter Meinusch
> Gesendet: Dienstag, 20. Januar 2004 02:05
> An: weinforum@wein-plus.de
> Betreff: [weinforum] Re: Languedoc ist anders
>
>
> Hallo Peter,
>
> warum denn nur so wütend ? Ich weiss zwar nicht welchen Artikel Du da
> gelesen hast - aber da steckt doch viel Wahres drin. Der Qualitätsgedanke
> wurde ins Languedoc zum Grossteil von Leuten getragen, die nicht dort
> geboren sind und eben erkannt haben haben welches Potential in den
> Weinbergen steckt. Natürlich haben auch ein paar kluge Köpfe vorort dann
> daran mitprofitiert und gute Weine gemacht - und das ist auch gut so.
>
> Aber von der von Dir beobachteten "Aufbruchstimmung" der einheimischen
> Winzer habe ich bisher nicht viel bemerkt, als Beispiel sei hier nur die
> Winzergenossenschaft von Pomérols genannt. Deren Weine werden seit Jahren
> mit vielerlei Medaillien in unsäglichen "Concours" bedacht - und sie sind
> zum Teil auch wirklich von guter Qualität. Nur - sie haben riesige
> Probleme
> "Ihre" Weinbauern auch von dem Qualitätsgedanken zu überzeugen ...
> (Ertragsmengenbeschränkung, etc.)
>
> Ich persönlich habe keine Lust Petanque zu spielen mit Leuten, die der
> Meinung sind, dass die Demolierung von Mouthäuschen wichtiger ist als zu
> "lernen" !! wie man guten Wein macht ....
>
> Letzte Woche waren wir selbst im Languedoc - eigentlich nicht für Urlaub,
> sondern um uns um die Reparatur der Schäden an unserem Haus auf Grund
> einens
> nach den Unwettern darauf gefallenen Baums zu kümmern ;-( Die
> Gelegenheit haben wir dann wahrgenommen auch ein paar Winzer im Minervois
> zu
> besuchen, und wir haben für uns ein paar tolle Weine entdeckt. Einer
> Winzerin gegenüber habe ich dies bemerkt - die Antwort war verblüffend:
> Gut,
> dass Sie nicht vor 10 Jahren hier probiert haben ...
>
> Fazit: Einige ehrgeizige lokale (und auch fremde) Winzer haben gelernt
> Qualität zu produzieren und auch entsprechend zu vermarkten. Aber - eine
> Vielzahl der Produzenten sind leider noch weit davon entfernt. Und leider
> beschränkt sich deren Protest derzeit vielfach noch auf das Demoliernen
von
> Mautstationen ...
>
> Nichts für ungut
>
> Peter
> meinusch.com
>
>
>
>
>
>
> ----- Original Message -----
> From: <Züllig@p15139095.pureserver.info>; "Peter"
> <zuelligpe@swissonline.ch>
> To: "Weinforum" <weinforum@wein-plus.de>
> Sent: Thursday, January 15, 2004 1:03 PM
> Subject: [weinforum] Languedoc ist anders
>
>
> > Grüezi mitenand
> > kaum bin ich gestern vom Süden wieder aufgetaucht,
> > geht es wieder los: In die 97er-Bordeaux Debatte mag
> > ich nicht mehr einsteigen. Am 24. Januar machen wir
> > eine grosse 97er Degustation mit vielen Vergleichen
> > (auch vertikalen) - ich werde darüber berichten.
> >
> > Was mich aber viel mehr beschäftigt, das sind die
> > Erfahrungen im Languedoc und das Bild, das wir von
> > dieser Gegend noch haben. Nicht unbedingt hier im
> > Forum, aber von Zürich bis Hamburg (und weiter).
> > Ich habe von einem namhaften Kritiker folgendes
> > Schwarz auf Weiss gelesen und mich so geärgert,
> > dass ich wieder in die Tasten greife und fürchte,
> > es wird lang. "Gros rouge: der Saft, den sich
> > nordfranzösische Arbeiter feierabends literweise
> > durch die Kehle rauschen lassen, um den Staub der
> > Stahlwerke und Kohlengruben runter zu spülen. Die
> > unerschöpfliche Quelle des gemeinen Grugelschmiergels
> > lag in der Ebene zwischen Montpellier und Narbonne -
> > dem Languedoc. Knapp ein Drittel der Rebfläche
> > Frankreichs konzentriert sich dort.....
> > Im heissen Klima und auf fruchtbaren
> > Böden bereitet der Weinbau wenig Mühe. Und die
> > Winzer gaben sich auch keine. Solch billiger Stoff
> > ist nur noch bei Rentnern gefragt. Fast die Hälfte
> > des Weines aus dem Überschuss ist unverkäuflich.
> > Der Überschuss wird mit gütiger EU-Hilfe zu
> > Industriesprit umgearbeitet. Winzer, die auf ihrem
> > Wein sitzen blieben, machten zu Jahresbeginn Zoff,
> > leerten Weintanks, warfen Mauthäuschen um und
> > richteten auf dem Gelände eines Négotiants
> > Millionen-Euro-Schäden an. Doch die Reformunwilligen
> > - zumeist Genossenschaftsmitglieder - sterben
> > langsam aus..."
> > Und so geht es dann weiter. Pioniere sind zu diesen
> > dummen, dummen Tölpeln gekommen - eine Musikhaus-
> > Tochter aus der Schweiz, zum Beispiel. Ein
> > Elektroingenieur aus dem Norden Frankreichs.
> > Ein Weinhändler, der es selber wagen und es allen
> > zeigen wollte....und, und, und.
> > Kurzum, die Experimentierfreudigen und Wagemutigen,
> > die es den Languedocianer vorgemacht haben.
> > Ich stampfe vor Wut, wenn ich diese Kolonial-
> > geschichten lese. Sie sind "Languedoc" von gestern,
> > wie der "Burebueb" nicht mehr der Schweizer von
> > heute ist...
> > Natürlich gibt es in der Languedoc, wo gar nicht
> > etwa fruchtbarer Boden ist, sondern ausser
> > Oliven und Trauben so ziemlich nichts wächst,
> > was landwirtschaftlich zu bewirten und vermarkten
> > ist, noch ungepfegte Rebflächen und lieblos gekelterter
> > Wein. Natürlich gibt es ein Landwirtschaftsproblem,
> > denn ein grosser Teil der Region (mit Ausnahme der
> > Touristen-Küste) ist von der spärlichen Landwirtschaft
> > abhängig. In den vielen kleinen Dörfern, oft abgelegen
> > und zusammengepresst unter der Hitze im Sommer, gibt
> > es kaum Industrie, nur etwas Handwerk und Landwirtschaft -
> > Oliven und Reben eben.
> > Da gibt es Weinbauern seit Generationen und
> > jede Gemeinde hat ihre eigene Genossenschaft. Einst
> > gegründet als Selbsthilfe-Organisation, als
> > Zusammenschluss der einfachen Bauern, die um
> > ihre wenigen Produkte kämpfen mussten und vom
> > Trend zur industriellen Fertigung dauernd überrannt
> > wurden. Und da war eben der einfache "vin de pay"
> > ein Produkt, das sich machen und auch leidlich
> > vermarkten liess...
> > Vielleicht ist dies auch ein "nostalgisches
> > Bild". Doch ich habe in vielen, vielen Gesprächen
> > mit der einfachen Landbevölkerung so viel gehört
> > und erfahren, ich habe so manche Gensossenschafts-
> > versammlung besucht und mich erkundigt...
> > so manche Petanque-Partie auf den Dorfplätzen
> > gespielt, dass ich glaube, etwas mehr zu wissen
> > von Land und Leuten, als die Blitzbesucher von
> > Weinspezialisten und -journalisten, die nach ein
> > paar Tagen und Stunden alles wissen und vor
> > allem dort verkehren, wo man eben ein-und-ausgeht,
> > wenn man das Languedoc mit Anschluss an die Welt
> > sucht. Eben, bei jenen Spitzenwinzern, "die neuen
> > Wind gebracht haben, aber noch in der Minderheit
> > sind."
> > So ist es nicht. Auch die kleinen Weinbauern
> > bemühen sich grossmehrheitlich um Qualität.
> > Auch die Genossenschafter. Man hat in den letzen
> > fünf, zehn Jahren viel investiert. Nicht mit Mitteln,
> > die berechnend von "Grossen" als Gewinnbringer
> > investiert werden, sondern grösstenteils von den
> > Beteiligten selber mühsam aufgebracht (und auch
> > vom Staat unterstützt!). An "ihrer" Weinuniversität,
> > Montpellier, einer der besten in Frankreich, hat
> > nicht nur Graf Neipperg studiert, sondern viele der
> > Söhne und Töchter der Languedoc-Winzern, die weiter
> > machen wollen, die mit- und von ihrer Heimat leben
> > möchten . Sie tragen einen "neuen Wind" in die
> > Weinlandschaft, in die Genossenschaften...
> > Die Betonsilos - wo noch vor 10 Jahren der "vin de
> > table" lagerte - sind fast ganz verschwunden,
> > veralterte Genossenschaftsbetriebe aufgelöst,
> > viele kleine Winzer versuchen sich unabhängig zu
> > machen, um ihre eigene Weinqualität nach Familien-
> > tradition (aber mit Kenntnissen des modernen
> > Weinbaus) zu entwickeln. Trotz der sengenden
> > Hitze, die oft vier bis fünf Monate über der Gegend
> > im "Hinterland" liegt, und dem bissigen Wind, der
> > vom Meer und den Bergen pfeifft, tut sich viel im Languedoc.
> > Fast jede Genossenschaft produziert mindestens
> > einen, meist mehrere gute Weine... noch keine
> > Spitzenprodukte, die sich international vermarkten
> > liessen und verdienen, im Capital besprochen zu werden...
> > noch keine Renditen (oder auch nur Auskommen)
> > für findige Weinimporteure, aber Weine, die
> > sich trinken lassen, die Charakter haben, die
> > weit weg sind, von jener Plörre, die nur noch
> > zu Industriesprit zu verarbeiten ist.
> > Ich war wieder fast drei Wochen unterwegs,
> > habe überall Wein verkostet, in vielen Restaurants,
> > unterwegs, aber auch zuhause, bei kleinen, unbekannten
> > Winzern, in Genossenschaften.... Viele Weine, die mir
> > wohl bekommen sind, ohne dass ich nun um
> > Punkte ringen muss, mich ereifern, ob sich mein
> > Sociandot des Jahrgangs XX nun gut
> > oder schlecht entwickelt hat, ob Gabriel mit dem
> > Boscq daneben liegt, ob Parker den Gruaud Larose
> > 94 verkennt oder eben nicht....
> > Wenn ich dann in einem der vielen Restaurants
> > an der Küste sitze, wo jetzt "tote Hose" ist und der
> > Wirt sogar für einen langen Schwatz Zeit hat, und den
> > "Wein des Hauses" bestelle, da erhalte
> > ich für 10, in besonders guten Restaurants für
> > 17 oder 20 Euro eine Flasche vorgesetzt - fast immer
> > wunderschöne Weine zum Essen und Geniessen -
> > deren Namen ich mir kaum merken kann, weil sie
> > nicht in jedem "guten Weinladen" als Renommier-
> > stück der Gegend präsentiert, sondern direkt
> > vermarktet werden (ein Export lohnt sich noch kaum)
> > Als Konsument erhalte etwas, was mir Spass macht.....
> > und was ich bezahlen kann. Nicht selten besuche ich
> > dann in den nächsten Tagen das betreffende Weingut,
> > und erfahre, dass da das Leben mit und für
> > den Wein "eben ganz anders" ist. Nämlich,
> > durchaus um Qualität (Alltagsqualität),
> > bemüht, um einen "guten Tropfen is Glas",
> > zu bekommen, was wir ja alle möchten.
> > NB. Damit ist - wie in vielen Gegenden -
> > das Problem des Massenweins noch nicht gelöst,
> > den gibt es, sicher, und er ist zahlenmässig
> > noch erheblich. Aber eben ein Produkt der
> > überholten Entwicklung, die ohne riesige
> > Investitionen und Hilfen nicht von einem Tag
> > auf den andern zu beseitigen ist. Solche
> > dümmlichen Artikel, wie eingangs zitiert,
> > zementieren ein Bild, das so längst nicht
> > mehr stimmt. Märchenerzuähler!
> > Herzlich
> > Peter,
> > der sich die Wut in einem langen Elaborat
> > aus der Seele geschrieben hat.
> >
>
>