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Re: VKN vom 13.2.2010: 1961er Petrus und mehr

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Betreff: Re: VKN vom 13.2.2010: 1961er Petrus und mehr

Datum: 2010-02-17 16:34:27
Absender:  "Peter Züllig"




Grüezi mitenand

In einer meiner Kolumnen habe ich kürzlich die Frage aufgeworfen:
Warum reise ich von Zürich nach Berlin, nur um mit einigen Freunden
einige gute Weine zu trinken? Weintourismus! Der gleiche Gedanken
wäre jetzt wieder anzubringen, denn ich bin diesmal nicht nach Berlin
geflogen, sondern nach Oberhausen gefahren, mit der DB (und auf beiden
Wegen mit mehr als 2 Stunden Verspätung!!!)

Nun - eine Antwort habe ich schon gegeben: "es ist wohl nicht
ganz unerheblich, wo, wie und mit wem man Wein trinkt - oder auch
nur degustiert…..Da lohnt es sich sicher, ab und zu irgendwohin,
nämlich zu den Weinen zu fahren.

In diesem Fall waren Weine dabei, die ich noch nie getrunken -
nicht einmal gesehen habe. Weine, die so etwas wie Geburtstag,
Weihnachten, Nationalfeiertag, Ostern und Pfingstfest (inklusive
Ferien) aufwiegen. Ein solches Fest muss man doch feiern!

Norbert hat bereits berichtet. Ich kann mich dem nur anschliessen, da
und dort eine individuelle (ganz persönliche)
Wahrnehmungsverschiebung anbringen und bestätigen, dass Wein
geniessen eben nicht einfach prüfen, trinken, schlucken, speien
bedeutet, sondern etwas ganz, ganz anderes, nämlich dem Wein begegnen
und mit ihm feiern.

Zuerst zu den beiden Languedoc-Weinen im Umfeld:
2000 Domaine de Montcalmès und 2001 Roc D’Anglade, beide Coteaux
du Languedoc
. Beide Weine haben bestätigt, was Languedoc leisten und
liefern kann. Nur waren sie - im Umfeld von alten Bordeaux - eben
ganz anders, nicht zu vergleichen, weder bezüglich Alter,
Vinifikation, Rebsorten etc. Beides ausgezeichnete Weine aus dem
östlichen Gebiet der Languedoc (Hérault, Garde), also eher
feingliedrige, von der Rhône beeinflussten Weine. Ich habe den
zweiten der beiden Weine so genossen, dass ich sogar den frühen
Morgen, nach dem Anlass, etwas verlängert habe, um dem Wein seine ihm
gebührende Ehre zu erweisen.

1953 Chateau Leoville Poyferre
tatsächlich überreif, aber in seinen Nuancen und seiner
Gesamtharmonie weit besser als Norbert ihn notiert hat. Noch kräftig,
zwar eher kurz im Abgang aber keinerlei oxidative Noten.

1959 Chateau Duhart-Milon
hatte für mich eindeutig einen Korkschmecker (TCP) und nicht nur,
wie allgemein festgestellt wurde, einen Weinfehler. Er wurde deshalb
von mir nicht bewertet.

1959 Chateau Montrose Saint Estephe
Die Diskussion um den Montrose war erstaunlich, anders als ich den
Wein erlebt habe: nämlich charmant, fast schon damenhaft trotz seines
Alters. Die intensive Frucht wirkt wie das etwas in die Jahre
gekommene Parfüm (im übertragenen Sinn) der alten Dame; die Säure
- für mich überhaupt nicht spitz - gab ihr die Kraft, im hohen
Alter so noch so vif und präsent zu sein. Ein kleines Highlight.

1966 Chateau Calon Segur, Saint Estèphe und
1961 Chateau La Lagune , Haut Medoc
Dies waren für mich die beiden grossen Überraschungen des Abends.
Keine grossen Namen, aber - in diesem Zustand - grosse Weine.
Feingliedrig beide, doch von ganz unterschiedlichem Charakter. Lagune
eher etwas charmanter, Calon Ségur etwas agressiver, etwas
bestimmter, vielleicht cholerischer, doch für diese Appellation
grossartig. Er ist der etwas zickigen Dame Montrose durchaus
gewachsen. Lagune ist ein echter Wurf: stellt eine von jenen
Weinerfahrungen dar, die ich leider nur allzu selten habe (meistens
werden einfach Vorstellungen, Erwartungen, bekannte Eigenschaften
erfüllt, abgedeckt oder eben nicht). Hier aber zeigte sich ein
eigenständiger Wein: etwas, das sich überhaupt nicht mit dem meist
schmalbrüstigen Lagune von heute (neuer Besitzer) vergleichen lässt.
Das noch jugendliche (mit bald 50!) Weinrot ist der augenfällig
Ausdruck dessen, was der Wein im Gaumen hinterlässt: delikates
Kräuterbouquet, seidiger Gaumen, Dichte und Wärme.

Und noch zwei Worte zu:
1961 Chateau Petrus, Pomerol
Ich gebe gerne zu, dies war der Wein, der mich - nebst den
Weinfreunden - am stärksten ins Ruhrgebiet gelockt hat. Nicht weil
ich unbedingt einen Pétrus trinken oder degustieren wollte, sondern
weil ich einmal bei ganz grossen Weinen nicht enttäuscht sein wollte.
Dies klingt wohl komisch. Doch all die vielen Annäherung an grosse
Weine waren bisher von einem leichten Katzenjammer begleitet.
Renommee, Parker Punkte, Weingeschichte… sie tragen dazu bei, dass
man bei Weinen in der Art "einmal im Leben" bei aller Freude und
allem Genuss, dann halt doch die Frage stellt …. und ? Irgendwo und
irgendwann ist in diesem Bereich die Nuance vom Guten, die Nuance vom
Besseren kaum mehr auszumachen. Ich habe schon öfters - in der
gleichen Runde vor einem halben Jahr - "Sehnsuchtsweine" im Glas
gehabt. Und ich war - fast immer - im Nachhinein (nicht
enttäuscht, nein bei weitem nicht) vielmehr ernüchtert. Vielleicht
lässt sich das Gute, das Beste eben nicht so einfach etikettieren.
Auch beim Wein nicht.

Aber oh Wunder…. zu den wenigen Malen, wo diese Gefühl nach hohen
und höchsten Erwartungen nicht aufgetaucht ist, zählte das Erlebnis
Pétrus 61. Ich bin nach den paar genussvollen Schlückchen und dem
Zwiegespräch mit dem Wein restlos glücklich gewese…. liegt es an
mir, an der Situation oder an den gesammelten Erfahrungen. Ich weiss
es nicht. Beschreiben mag ich nicht, kann mich aber den Notizen von
Norbert anschliessen, ihm sogar noch den einen Punkt dazu schenken.
Ganz herzlich
Peter


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