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VKN vom 13.2.2010: 1961er Petrus und mehr

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Betreff: VKN vom 13.2.2010: 1961er Petrus und mehr

Datum: 2010-02-16 10:44:32
Absender:  "Norbert"




Hallo Weinforum,

am 13.2.2010 haben sich acht Weinfreunde in Oberhausen getroffen um
einige gemeinsam finanzierte Weinschätze zu öffnen. Es war zu
hoffen, dass sich für einzelne Teilnehmer die weite Anreise aus der
Schweiz lohnte. Wie auch beim letzten Mal waren die äußeren
Witterungsbedingungen für einen pünktlichen Beginn extrem
erschwerend.
So begann die Veranstaltung mit nahezu zweistündiger Verspätung und
dauerte dann bis zum frühen Morgen an. So ist es nun einmal, wenn man
die einzelnen Weinen sehr viel individuelle Aufmerksamkeit widmen will
und jeder, der einen einzelne Speisenfolge vorbereitet, gemeinsam mit
allen anderen anstoßen will.

Nachfolgend für Interessierte meine Verkostungsnotiz vom 13.2.2010,
die, wie so häufig, in Einzelfällen recht deutlich von der Wertung
anderer Teilnehmer abweicht. Aber jeder hat die Chance seine
Wahrnehmung alternativ zu kommunizieren.

Ich muss diesmal die Anonymität der Teilnehmer wahren, da es in der
Vergangenheit aufgrund der Konzentration auf hochwertige alte Bordeaux
und Burgunder Kommentare wie "dekadent" oder "überkandidelt"
gegeben haben soll.
Für mich nicht wirklich nachvollziehbar. Warum sollte man sich nach
jahrzehntelanger gelebter Leidenschaft für den Wein nicht mal den
Wunsch erfüllen, Weine zu probieren, über die andere Bücher
schreiben und einzelne Weine mit 100 Punkten bewerten. Man macht das
ja nicht jeden Tag. Und über die Gemeinschaftsfinanzierung wird das
Ganze zumindest übersichtlich. Für den interessierten Teilnehmer
stellt sich vielleicht die Frage, ob er, soweit erforderlich, auf
etwas Anderes zu verzichten bereit ist. Diskutieren kann man sicher,
ob man das Erlebnis bei Weinplus oder in einem Blog kommunizieren muss
oder ob man den Event still und heimlich genießt. Das muss aber jeder
letztlich selbst entscheiden. Ich persönlich greife jedoch immer
wieder gern auf das Archiv bei Weinplus zurück und finde meine
Gedanken über jahrelang zurückliegende Proben wieder.

Nun zu den Weinen die jeweils Einzeln und nicht als Flight
präsentiert wurden.
Die Reihenfolge wurde zum Teil durch Faktoren wie Füllstand oder die
vermeintlich aufsteigende Reihenfolge bestimmt. Die 1961 sollten am
Ende in zusammenhängender Reihenfolge präsentiert werden. Die
meisten Weine hatten einen Top-Füllstand, mindestens very top
shoulder
, häufig bottle neck oder into. Ausnahmen sind gesondert
beschrieben

1.
2000 Domaine de Montcalmès - Coteaux du Languedoc

Purpurrote Farbe, in der Nase finde ich eine weit geöffnete Frucht,
Süßkirsche, Kräuter, etwas Holz, verführerisch, im Mund von
leichtem bis mittleren Körper, saftige, sehr schön geöffnete
Frucht, Süßkirsche, ei Hauch Mon-Cherie, feine Fruchtsüße, ein
durchaus nachhaltiger Wein von mittlerer Länge, für meinen Geschmack
auf dem Höhepunkt, anfangs hatte ich ihn bereits über dem Höhepunkt
gesehen, aber da brauchte er einfach mehr Luft, mehr Zeit, sehr
schön, 88 NK Punkte

2.
1953 Chateau Leoville Poyferre - Saint Julien
Mid shoulder

Ziegelrote Farbe mit braunem Rand, in der Nase überreif, fragil,
Waldboden, Pilze,
im M und von leichtem bis mittleren Körper, die Frucht wirkt bereits
etwas gezehrt, morbide, die Säure tritt sehr stark in den
Vordergrund, Hauptproblem ist aber ein leichter Stich, ein Teilnehmer
spricht von einem Acetat-Ton, vermutlich ein Korkproblem, darauf
deutet ja auch der vergleichsweise schlechte Füllstand hin, knapper,
säurebetonter Abgang, ich ahnte die Enttäuschung und habe ihn an den
Anfang gesetzt, 79 NK Punkte

3.
1950 Chateau Troplong-Mondot - Saint Emilion

Rubinrote Farbe mit leicht braunem Rand, in der Nase finde ich eine
wunderschöne, fein gereifte Frucht, sehr sauber mit Anklängen an
Erdbeere, aber auch die typischen Pilznoten, im Wein von leichtem
Körper, die fragile Frucht gewinnt durch eine fein gezeichnete
Fruchtsüße, auch hier Pilze und Kräuter, die Tannine erscheinen mir
überraschend präsent, nach hinten vielleicht etwas austrocknend,
dennoch ist dieser Wein für mich eine der positivsten
Überraschungen, nicht groß, aber eben völlig unerwartet, passable
Länge, behalte ich gerne in Erinnerung, 84 NK Punkte,
bemerkenswert war auch dass der Weinrest in der Flasche auch nach 2
Tagen noch keinen Luftton aufwies

4.
1948 Chateau Cantenac Brown - Margaux

Rubinrote Farbe mit leicht braunem Rand, in der Nase finde ich eine
herrlich ausgewogene, wunderschön gereifte Frucht von Kräutern,
etwas Holz, nicht besonders tief aber von ausgesprochener Eleganz, im
Wein von leichtem bis mittleren Körper, die feingliedrige, elegante
Frucht deutet noch auf die weitgehend abgeschmolzenen Tannine hin,
hinten kommt die Säure durch, ebenfalls eine positive Überraschung,
passable Länge, auch dieser Wein überrascht nach 2 Tagen in der
Flasche ausgesprochen positiv, immer noch mit großem Genuss
getrunken, 85 NK Punkte

5.
1959 Chateau Duhart-Milon - Pauillac

Rubinrote, tiefe Farbe, kaum ein Wasserrand zu erkennen, die Nase
führt zu einer intensiven Diskussion über TCA, wurde dann aber doch
verneint, nach meinem Empfinden eine etwas einfach gestrickte Frucht,
Waldboden, Bitterschokolade, vielleicht etwas spröde, im Wein von
leichtem Körper, reife, sehr fragile Frucht mit deutlichen
Säurespitzen, hat den Höhepunkt überschritten, wirkt auf mich
mager, freudlos, knapper Abgang, 83 NK Punkte, nach 2 Tagen belebt
Wera die TCA-Diskussion erneut, der TCA-Ton käme jetzt deutlicher zum
Vorschein

6.
1959 Chateau Montrose Saint Estephe

Rubinrote Farbe mit braunem Rand, hochintensive, reife, kräuterige
Nase, Gewürze, Lakritz, leicht stallig, im Wein von mittlerem
Körper, saftige, intensive Frucht, reife, aber durchaus präsente
Tannin-Struktur, gute Länge, da so gut wie nichts in der Flasche
übrig geblieben ist, scheint der Wein auch den Mitprobierenden
gefallen zu haben, erstaunlich, wie viele Leute gerne auf dem Depot
rumkauen, 89 NK Punkte

7.
1966 Chateau Calon Segur - Saint Estephe

Rubinrote Farbe mit braunem Rand, in der Nase reife, leicht staubig,
nahezu kalkig wirkende Frucht, im Wein von leichtem bis mittleren
Körper, ausgesprochen elegant gereifte Frucht, Kräuter, Holz,
präsente aber mürbe Tannine, mir erscheint die Säure eine Spur zu
spitz, er könnte vielleicht etwas mehr Charme vertragen, verfügt
über eine ordentliche Länge, alles in allem aber ein ausgesprochen
schöner 1966er, 87 NK Punkte

8.
1961 Chateau Pavie - Saint Emilion
Top shoulder

Tiefes, dunkles Rot mit deutlich braunem Rand in der Farbe, in der
Nase leider deutlich oxidative, Bratensaft, im Wein von mittlerem
Körper, aber auch hier dominieren vorwiegend oxidative Noten,
Liebstöckel kommt durch, schade, das alles bei guter Länge, hier
macht sich der nicht besonders überzeugende Füllstand deutlich
bemerkbar, vor einigen Wochen hatten wir eine andere Flasche des 61er
Pavie’s aus anderer Quelle, die alle Qualitäten eines 61ers
aufwies, die am 13.2. aufgezogene Flasche kam aus der Schweiz, leider
nur 78 NK Punkte

9.
1961 Chateau La Lagune - Haut Medoc

Ziegelrote Farbe mit braunem Rand, feinreife, kräuterige Nase die
auch einen Hauch von Waldbeeren zeigt, im Wein von leichtem bis
mittleren Körper, ein feingliedriger, wunderschön gereifter,
eleganter Rotwein, durch und durch harmonisch, von der Struktur eher
fein gezeichnet mit feiner Süße und perfekt eingebundener Säure,
schöne Länge, 90 NK Punkte, dieser Wein zeigte, warum ich die 61er
Bdx so liebe

10.
1961 Chateau Lynch-Bages - Pauillac

Tiefrote Farbe, kaum aufhellender Rand, in der Nase dunkel, kaum
geöffnet, Schokolade, Holz, im Wein von mittlerem Körper, ein
saftiger, fruchtintensiver Wein mit kräftiger Tannin-Struktur, die
Säure präsentiert sich auch recht deutlich, insgesamt traut man
diesem Wein aber noch Entwicklungszeit zu, gute Länge, 91 NK Punkte

11.
1961 Chateau Petrus - Pomerol

Tja, und da war er nun endlich, der Wein, den man unbedingt
"einmal" trinken wollte,
es gab eine ganze Reihe von Widerständen, die zu überwinden waren,
der Preis, der Vorwurf, jetzt sind sie völlig abgehoben, ich sag mir
dann immer: Machst Du halt mal wieder Urlaub in einer deutschen
Weingegend und schon hast du den Anteil für 2 Personen raus, ich
erinnere mich heute noch an eine Magnum des 1961er Palmer, an einen
61er Hermitage, an den 49er Lafleur, an viele (teure) Urlaube erinnere
ich mich kaum noch.

Der Wein war von kräftiger, rubinroter Farbe ohne jeden aufhellenden
Rand, die Nase war tief und ausgesprochen kräuterwürzig, komplex und
unglaublich frisch, im Mund finde ich einen vollmundig-saftigen
Körper, sehr präsent, seidige Tannine, tiefe Struktur, Schmelz,
Minze, Kirschkonfit, Mineralik, es ist alles da was Freude macht,
lang, für mich ein Weinmonument, 99 NK Punkte und noch nicht am Ende,
na ja, vielleicht gibt es aus der anonymen Runde doch noch
Widerspruch? 

-------

Etwas untergegangen (von mir nicht mehr individuell bewertet) sind
die reinen Essensbegleiter. Ein aus meiner Sicht sehr schöner 2001er
Roc D’Anglade aus dem Coteaux du Languedoc, ein 2008er Sauvignon
Blanc
Flamberg von Lackner-Tinnacher aus der Steiermark, ein 2003
Chateau La Tour Blanche aus dem Sauternes, ein 1995er Eitelsbacher
Karthäuserhofberg
Riesling Eiswein Fass No. 33 vom Weingut
Karthäuserhof und eine 2007er Scheurebe Trockenbeerenauslese vom
Weingut Benderhof aus Kallstadt. Die letzten Weine gereicht zu einer
immer wieder köstlichen Schokotarte, die Sabine auf meinen
persönlichen Wunsch hin vorbereitet hat.

Fazit: Ich habe diese nicht ganz preiswerte Probe nicht bereut. Für
mich macht es mehr Sinn, sich gereifte Schätze aus Bdx oder Burgund
zu vergleichsweise moderaten Preisen zu kaufen als völlig
überteuerte, junge Premier Cru Classes, deren idealen Trinkzustand
ich vielleicht nicht mehr erleben werde. Auch wenn viele Bdx oder
Burgunder heute auf frühere Trinkbarkeit produziert werden. Ist das
ein Qualitätskriterium?

Gruß aus Oberhausen
Norbert



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