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[weinforum] Bordeaux-Marathon


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Betreff: Bordeaux-Marathon

Datum: 2010-12-03 12:28:07
Absender:  "Peter Züllig"




Der Médoc-Marathon - auch Bordeaux-Marathon genannt - findet
jedes Jahr im September in Pauillac statt. Eine 42,195 km lange
Weinprobe, verkündet die Werbung. Gestern nun war ein nicht minder
anstrengender Bordeaux-Anlass, nicht in Frankreich, in Zürich, der
mir wie ein Marathon vorkam, zwar weit weniger glamourös, doch nicht
minder kraftverschleissend aber auch aufschlussreich. Sieben Stunden
Weinauktion, 1404 Lots, nur ein paar wenige Saalbesucher - knapp
zehn - hielten es bis an Schluss aus. Die andern sind gegangen, man
konnte ja schliesslich auch schriftlich bieten.

Noch nie in den vielen Jahren Auktions-Erfahrung war ich so lange im
Stress und so stark gefordert, wie gestern. Nicht weil es galt,
Schnäppchen zu ergattern (das war möglich, wenn man wollte), sondern
weil wohl sonst kaum eine bessere Übersicht über den Markttrend
edler Weine möglich ist. Wie "edel" die Weine wirklich sind,
weiss ich auf Grund der Auktion nicht, dafür weiss ich was sie kosten
und wie sich der Markt im Augenblick entwickelt.

Es wären allerdings nicht sieben Stunden nötig gewesen, um die
augenfälligsten Merkmale zu erkennen oder das was man längst weiss,
bestätigt zu sehen.

1. Der Markt wird weitgehend von den Kaufattitüden im Fernen Osten
- vor allem von China - bestimmt. Das heisst: fast jede
hochbewertete Flaschen gehen früher oder später auf Reisen nach
Asien. Saigon ist ein beliebter Umschlagplatz oder Hongkong oder
Singapur. Doch dazwischen liegen oft viele Stationen - Umwege zum
Beispiel über Handelshäuser in Grossbritannien oder USA oder auch
nur in der Schweiz.

2. Viele Händler in Europa, welche gute Beziehungen zum fernen Osten
haben, machen das Spiel munter mit und verdienen damit viel Geld. Wer
die Mentalität der potentiellen Käufer im Osten kennt, kann sehr
gute Geschäfte machen und bestimmte Weine zu fast jedem Preis wieder
verkaufen.

3. Die Kaufentscheidung der neuen, reichen Kundschaft im fernen Osten
ist oft irrational und ganz einfach. Grosse Namen - die im eigenen
Land bekannt (und prestigeträchtig) sind: allen voran Lafite
Rothschild und Latour, aber auch Angelus (wegen der Glocke auf der
Etikette?) oder Weine mit bestimmten Emblemen oder Etikettfarben
erleben plötzlich einen ungeahnten Boom, ungeachtet des guten oder
schlechten Jahrgangs, auch unbeeinflusst von Parker- und andern
Punkten.

4. Noch immer verteidigt Lafite Rothschild die Spitze des
Preisberges. Ein paar Beispiele (immer Bruttopreise, das heisst mit
Lotgebühren und Mehrwertsteuer). Lafite Rothschild 1999 (in der 6er
Originalkiste), eine Flasche zu 1008 SFr. (700 Euro); Lafite 2000,
eine Flasche zu 2600 SFr. (1800 Euro) oder Lafite 1976, eine Flasche
zu 708 SFr. (490 Euro). Ich muss wohl die Liste nicht weiter führen.
Sie bekommt auch bei schlechten Jahrgängen kaum einen Knick.

5. Das ganze Preisgefüge - bei den hochklassigen Weinen - richtet
sich nach diesen Werten. Sei es nun Haut-Brion, Ausone, Cheval blanc,
Lafleur etc.

6. Mit welchen "harten Banden" im Weingeschäft gekämpft wird,
dokumentiert wieder einmal Château Mouton Rothschild. Sein Wein fiel
im Prestige - im Vergleich zu seinen Rivalen Lafite, Latour etc. -
immer mehr zurück. Vor allem konnte Mouton im Fernen Osten nie den
Preis von Lafite erzielen. Nun vor ein paar Tagen, die Ankündigung:
ein chinesischer Künstler, Xu Lei, kann 2008 die Etikette von Mouton
gestalten - das klassische Mouton-Schaf, eingeklemmt zwischen zwei
Mondhälften, alles in Blau getunkt. Und schon klettern die Preise:
Der Mouton 2008, noch bis vor einigen Wochen zu 300 SFr. (220 Euro)
angeboten, erzielt jetzt bereits vor der Auslieferung Preise um 1000
SFr. (700 Euro) und zieht an Auktionen die älteren Moutons bereits
mit.