Login
Permanent Sign
About Wein-Plus
Membership
RSS
Help
Social Networks
Jobs
Imprint
Press
About Wein-Plus
Privacy Policy
Partner Projects
Contact

[weinforum] Portweinprobe des Frankfurter Weinkreises


Back to the current forum    

Betreff: Portweinprobe des Frankfurter Weinkreises

Datum: 2010-11-02 12:11:41
Absender:  "Tilo Schaller"




Portweinprobe des Frankfurter Weinkreises

In Zeiten, in denen trockene Weine die absolute Hauptrolle in allen
Weinforen spielen und in denen Große Gewächse mit einem
Restzuckergehalt >0,0001 bereits misstrauisch als Blender verdächtigt
werden, haben es süße Portweine schwer und es finden sich meist nur
noch ein paar verschrobene alte Herren, die im Kaminzimmer Fehlfarben
qualmen und besagtem Getränk zusprechen, unter strenger Beobachtung
der Gattin, die dafür Sorge trägt, dass es bei ein oder höchstens
zwei Gläschen bleibt.

Meine liebste Portwein-Szene stammt aus einem Buch von P.G.
Woodehouse, und der beschreibt trefflich den möglichen Verlauf einer
Portweinverkostung. Bevor ich nun von einem weiteren denkwürdigen
Abend des Frankfurter Weinkreises berichten werde, möchte ich diesen
Autor zu Worte kommen lassen. Falls jemand der Leser direkt zur Sache,
also zu den Verkostungsnotizen kommen will, so muss er nun einige
Meter weiter nach unten blättern, bis zum Punkt VERKOSTUNGSBERICHT.
Vorher werde ich einige Seiten aus diesem (nicht mehr erhältlichen)
völlig vergilbten, alten Taschenbuch zitieren.

------------------------------------------------------------------------
Ich rate, den Text auszudrucken und an einem gemütlichen Ort bei
einem Gläschen zu lesen.
------------------------------------------------------------------------

Hier nun also P.G. Woodehouse aus seinem Roman "Das höchste der
Gefühle":

Stellen Sie sich bitte folgende Szene vor:
Bertram Wooster (unser Held, ein genußfreudiger junger englischer
Lord) weilt unter falscher Identität auf dem Schloß einer
missgünstigen älteren Dame und trifft dabei auf deren Neffen Esmond
Haddock, seines Zeichens ebenfalls englischer Adel, der das Aussehen
eines griechischen Gottes und die Schultern eines texanischen Bullen
hat, der aber vor seinen Tanten ängstlich im Staube kriecht.

Bertrams Freund Catsmeat hat seinen Kumpel Bertram gebeten, ein Auge
auf diesen Haddock zu werfen, damit dieser sich nicht an Catsmeats
Verlobte, Cousine Gertrude Winkworth, heranmache, die ebenfalls auf
dem Schloss weilt. Nach einem ausgiebigen Abendessen mit einigen
missgelaunten Tanten, hat man sich nun ins Kaminzimmer zurückgezogen,
wo Bertram erstmals alleine auf Esmond Haddock trifft. Man muss noch
erwähnen, dass Bertram unter falscher Identität auf dem Schloss
weilt (nämlich der von Gussi Finck-Nottle, einem verquerten Londoner
Molch-Sammler, der als strikter Antialkoholiker bekannt ist, was die
Sache für Bertram erheblich verkompliziert, denn bisher wurde ihm
immer nur Orangensaft angeboten).

Es geht los. Bertram Wooster berichtet:

Esmond Haddock goss sich einen Portwein ein, und eine zeitlang
herrschte Schweigen, wie das oft der Fall ist, wenn sich zwei
charakterstarke Männer, die sich noch nicht vorgestellt worden sind,
gegenübersitzen. Er süffelte genüsslich an seinem Glas, während
mein sehnsüchtiger Blick an der Karaffe hing. Es war eine von diesen
besonders großen Karaffen und voll bis oben hin.

Er beschäftigte sich eine ganze Weile mit seinem Port aber als er
sich abermals eingoss, muss er wohl meinen starren, gierigen Blick
bemerkt haben, der vermutlich dem eines ausgehungerten Wolfes glich,
der einen russischen Bauern betrachtet. Er zuckte leicht zusammen, als
sei ihm eingefallen, dass er seine Gastgeberpflichten vernachlässigt
habe.

"Sagen Sie mal, Sie trinken dieses Zeug doch nicht, oder?"

Ich fand, unsere Plauderei hätte keine günstigere Wendung nehmen
können.

"Ach wissen Sie", sagte ich, "ich könnte es eigentlich mal
versuchen. Es wäre etwas Neues für mich. Das ist doch Whisky, nicht
wahr? Oder Rotwein oder sowas."
"Portwein. Ich weiß nicht, ober er Ihnen schmeckt."
"Na, ich kann ja mal davon kosten."

Und das tat ich dann auch. Es war ein feiner, alter Port, harmonisch
und körperreich, und obwohl ich im Grunde wusste, dass man ihn nur in
kleinen Schlücken genießen sollte, leerte ich mein Glas in einem
Zug.
"Nicht übel", sagte ich.
"Er gilt als etwas Besonderes. Noch ein Glas?"
"Gern."
"Ich werde mir auch noch eins nehmen", sagte er. "Ich finde, man
braucht heutzutage viel Stärkung. Kennen Sie den Ausdruck <<Man macht
was durch in diesen Zeiten>>?"
"Ist mir neu. Stammt er von Ihnen?"
"Nein, ich hab ihn irgendwo mal gehört."
"Gut formuliert."
"Ja, finde ich auch. Noch ein Gläschen?"
"Ja bitte."
"Ich trinke auch noch eins mit. Soll ich Ihnen mal was verraten?"
"Bitte gern."

Ich neigte einladend mein Ohr. Dieses ausgereifte, köstliche
Stöffchen hatte mich mit einer warmen Sympathie für diesen Mann
erfüllt. Ich konnte mich nicht entsinnen, dass mir schon mal jemand
auf Anhieb so sympathisch gewesen wäre, und wenn er mir jetzt sein
Herz ausschütten wollte, dann war ich bereit, ihm genauso aufmerksam
zu lauschen, wie ein Barkeeper, der einem geschätzten alten Stammgast
zuhört.

"Ich habe den Ausspruch, dass man viel durchmacht in diesen Zeiten,
deshalb erwähnt, weil er so hundertprozentig auf mich zutrifft. Ich
leide Seelenqualen. Noch ein Portwein gefällig?"
"Ja danke. Er schmeckt mir immer besser. Und weshalb leiden Sie
Seelenqualen, Esmond? Sie haben doch nichts dagegen, dass ich Sie
Esmond nenne?"
"Im Gegenteil. Und ich werde Gussie zu Ihnen sagen."
Das versetzte mir allerdings einen ziemlich unangenehmen Schock, denn
für meinen Geschmack war Gussie so ziemlich der abscheulichste Name.
Aber ich sah schnell ein, dass ich zu Opfern bereit sein musste, wenn
ich meine Rolle weiterspielen wollte. Wir leerten unsere Gläser und
Esmond Haddock füllte gleich wieder nach. Ich fand, er war ein
äußerst nobler Gastgeber.
"Esmond", sagte ich, "Ich finde, Sie sind ein äußerst nobler
Gastgeber."
"Danke Gussie", entgegnete er. "Und Sie sind ein äußerst nobler
Gast. Aber Sie wollten wissen, weshalb ich Seelenqualen leide. Ich
wills Ihnen erklären, Gussie. Aber vorher muss ich Ihnen noch sagen,
dass mir Ihr Gesicht sehr sympathisch ist."
Worauf ich ihm sagte, dass mir seins auch sympathisch sei.
"Es ist so ein ehrliches Gesicht."
Das sei seins auch, sagte ich.
"Ich brauche Sie nur anzuschauen, um zu wissen, dass ich Ihnen
vertrauen kann. Damit will ich sagen, dass ich Sie für
vertrauenswürdig halte."
"Verstehe."

"Wenn ich's nicht tät, dann täte ich's nicht, wenn Sie wissen, was
ich damit sagen will. Denn was ich Ihnen jetzt sagen will, muss unter
uns bleiben, Gussie."
"Absolut Esmond."
"Also, ich leide Seelenqualen, weil ich mit jeder Faser meines
Herzens ein Mädchen liebe, das mich hat abblitzen lassen. Das ist
doch Grund genug für Seelenqualen, oder?"
"Na und ob!"
"Sie heißt...aber ich kann natürlich keine Namen nennen."
"Natürlich nicht."
"Wäre nicht anständig."
"Nein, wahrhaftig nicht."
"Ich werds deshalb für mich behalten, dass sie Cora Pirbright
heißt. Ihre Freunde nennen sie Corky. Sie werden sie nicht kennen.
Als ich ihr erzählte, dass Sie herkommen würden, sagte sie, Freunde
hätten ihr gesagt, Sie seien ein kauziger Uhu und hätten nicht alle
Latten am Zaun, aber sie ist Ihnen natürlich nie persönlich
begegnet. Noch ein Glas Port?"
"Danke sehr."
"Meine Tanten, Gussie, werden Ihnen einzureden versuchen, dass ich
meine Cousine Gertrude liebe. Glauben Sie ihnen kein Wort. Ich kann
Ihnen auch erklären, wie es zu diesem Irrtum gekommen ist. Ich war in
Basingstoke im Kino, und in dem Film ging es um einen Typ, dem sein
Mädchen den Laufpass gegeben hat, und um ihr einen Denkzettel zu
verpassen und sie zur Umkehr zu bewegen, fing er an einem anderen
Mädchen den Hof zu machen."
"Um seine Verflossene eifersüchtig zu machen?"
"Genau, ich fand das sehr clever."
"Ja, ausgesprochen pfiffig."
"Und dann dachte ich mir, wenn ich Gertrude den Hof mache, könnte
ich vielleicht Corky zur Umkehr bewegen. Also habe ich angefangen, ihr
den Hof zu machen."
"Kapiere. War das nicht ein bisschen riskant?"
"Wieso riskant?"
"Na, wenn Sie etwas zu forsch rangehen und zu charmant werden. Ich
meine, Sie könnten ihr doch das Herz damit brechen."
"Wem, Corky?"
"Nein Ihrer Cousine Gertrude."
"Ach keine Sorge, die ist in Corkys Bruder verliebt. Der könnte ich
nie das Herz brechen. Ich finde, Gussie, wir sollten auf den Erfolg
meines cleveren Plans trinken."
"Eine hervorragende Idee, Esmond."

Ich erhob mein Glas und trank auf Esmonds Glück. Es war natürlich
schade, dass ich so tun musste, als sei ich Corky nie begegnet, und
dass ich deshalb Esmond Haddocks Lebensglück nicht einfach wieder
herstellen konnte, indem ich ihm erzählte, was sie mir erzählt
hatte, nämlich dass sie ihn immer noch liebte. Ich konnte lediglich
ermahnen, die Hoffnung nicht aufzugeben, worauf er meinte, er habe sie
auch nicht aufgegeben und dächte auch gar nicht daran.

"Und ich will Ihnen auch sagen, weshalb ich die Hoffnung nicht
aufgegeben habe, Gussie. Vor kurzem ist nämlich etwas passiert, das
mir Mut gemacht hat. Sie kam zu mir und bat mich, bei diesem
dämlichen Dorffest, das sie organisiert, ein Lied zu singen.
Normalerweise würde ich mich natürlich nicht danach drängen, so was
zu tun. Ich habe noch nie auf einem Dorffest gesungen, und Sie?"
"Ja, doch. Schon öfters."
"Muss scheußlich gewesen sein, was?"
"Nein, mir hats sogar Spaß gemacht. Ob es für die Zuhörer ein
Genuss war, weiß ich nicht, aber ich habe mich gut amüsiert. Haben
Sie Lampenfieber, Esmond?"
"Wenn ich denke, was mir bevorsteht, Gussie, bricht mir manchmal der
kalte Schweiß aus. Andererseits sage ich mir, dass mir hier
ringsherum das Land gehört und dass die Leute mich mögen und
eigentlich nichts schiefgehen kann."
"Das ist die richtige Einstellung."
"Aber jetzt wollen Sie sicher wissen, weshalb es mir Mut gemacht hat,
als sie zu mir kam und mich bat, bei diesem blöden Dorffest ein Lied
zu singen. Ich wills Ihnen erklären. Ich halte das für einen Beweis,
dass die alte Liebe im Verborgenen noch lebt. Sonst würde sie doch
nicht zu mir kommen und mich auffordern auf einem Fest zu singen,
oder? Ich setze meine ganze Hoffnung auf dieses Lied, Gussie. Corky
ist ein sehr gefühlvolles Mädchen und wenn sie den donnernden
Applaus des Publikums hört, wird ihr das zu Herzen gehen. Sie wird
gerührt sein, und zur Besinnung kommen. Es würde mich nicht wundern,
wenn sie >>Oh, Esmond!<< jauchzen und mir um den Hals fallen würde.
Vorausgesetzt natürlich, dass ich nicht ausgepfiffen werde."
"Sie werden bestimmt nicht ausgepfiffen."
"Meinen Sie nicht?"
"Auf keinen Fall. Sie werden einen Bombenerfolg haben."
"Das beruhigt mich, Gussie."
"Das soll es auch, Esmond. Was werden Sie denn singen? Des Landmanns
Liebeslied?"
"Nein, es ist etwas, das meine Tante Charlotte verfasst hat. Die
Melodie stammt von Tante Myrtle."

Nachdenklich spitzte ich die Lippen. Das klang nicht gerade
vielversprechend. Was ich bisher von Tante Charlotte erlebt hatte,
ließ nicht erkennen, dass sie von den Musen geküsst war. Natürlich
wollte ich ihr Werk nicht verurteilen, ehe ich es gehört hatte, aber
ich hätte wetten können, dass alles, was sie zu Papier brachte, von
miserabler Qualität war.

"Sagen Sie mal", sagte Esmond Haddock, dem eine Idee gekommen zu sein
schien, "wie wäre es, wenn ich Ihnen das Ding mal eben vortragen
würde?"
"Ich wüsste nicht, was schöner sein könnte."
"Außer vielleicht noch etwas Portwein."
"Stimmt. Besten Dank."
Esmond Haddock leerte sein Glas in einem Zug.
"Die einzelnen Strophen werde ich mir schenken. Da steht sowieso
nichts drin, außer einem Haufen Quatsch, von wegen <<Sonne am
Himmelszelt>> und <<Morgenluft so klar und rein>> und so weiter."
"In Ordnung."
Er machte ein ernstes, konzentriertes Gesich, wie ein ausgestopfter
Frosch, und dann legte er los.
"Halli-hallo, halli-hallo..."
Ich hob meine Hand.
"Augenblick mal, was soll denn dieses <halli-hallo>? Das klingt ja,
als wollten Sie telefonieren."
"Nein, das ist doch ein Jägerlied."
"Ach so. Also weiter."
Er holte tief Luft.

"Halli-hallo, halli-hallo
Wir Jägersleut sind froh - bum-bum,
wir Jägerleut sind froh."

Wieder hob ich die Hand.
"Das gefällt mir aber nicht."
"Was denn?"
"Dieses <bum-bum>."
"Ach, das ist doch nur die musikalische Begleitung."
"Dann steht das also gar nicht im Text?"
"Nein, im Text steht es nicht."
"Dann würde ich's beim Fest lieber weglassen."
"Selbstverständlich. Soll ich weitermachen?"
"Ja bitte."
"Wo war ich stehengeblieben?"
"Fangen Sie lieber nochmal vor vorne an."
"Gut. Wie wäre es mit noch etwas Portwein?"
"Gern, aber nur ein Tröpfchen."
"Also, ich fange nochmal vor vorne an und lasse das Zeug mit
Himmelszelt und Morgenluft weg. Halli-hallo, halli-hallo, wir
Jägerleut sind froh, wir Jägersleut sind froh. Sobald es tagt,
beginnt die Jagd, wir Jägersleut sind froh."

Ich merkte schon, dass ich Tante Charlotte richtig eingeschätzt
hatte. So gings einfach nicht. Und wenn ihm tausend mal das ganze Land
in der Umgebung gehörte - wer bei einem Dorffest so einen Stuss
vortrug, forderte die Leute ja geradezu heraus, mit faulen Eiern zu
werfen.
"Unmöglich", sagte ich.
"Unmöglich?"
"Überlegen Sie doch mal. Sie fangen damit an <<Wir Jägersleut sind
froh, wir Jägersleut sind froh>> und dann, wenn das Publikum denkt,
jetzt kommt ein zündender Gag, wieder holen Sie nochmal, dass die
Jägerleut froh sind. So etwas wirkt enttäuschend."
"Meinen Sie, Gussie?"
"Ich bin davon überzeugt, Esmond."
"Was würden Sie denn vorschlagen?"
Ich dachte einen Augenblick nach.
"Wie wäre es denn damit", sagte ich "Hallo-hallo, halli-hallo, wir
Jägersleut sind froh, hoho! Wir Jägersleut sind froh. Im gestreckten
Galopp, mit Juhu! Und Hopphopp! Verfolgen wir Fuchs und Co."

"Mann, das ist ja fabelhaft!"
"Hat ein bisschen mehr Pep, nicht?"
"Viel mehr Pep."
"Und wie geht’s dann bei Ihnen weiter?"
Er setzte wieder sein ausgestopftes Froschgesicht auf.

"Von Fern erklingt das Jagdhorn hell,
wir reiten über Bach und Quell;
ringsum der Meute wild Gebell,
wir Jägersleut sind froh."

Ich ließ das auf mich wirken.
"Die ersten beiden Ferse lasse ich durchgehen", sagte ich dann.
"Jagdhorn hell, Bach und Quell . . . gar nicht übel, bravo Charlotte!
Ich wußte ja, dass was in Dir steckt. Aber der Schluß - nein."
"Gefällt er Ihnen nicht?"
"Ich finde ihn schwach, sehr schwach. Ich weiß nicht, was für Leute
bei Ihnen in Kings Deverill hinten auf den billigen Plätzen stehen
werden, aber wenn sie auch nur im Entferntesten den unrasierten
Elementen ähneln, die man sonst bei Dorffesten in den hintersten
Reihen antrifft, dann sind Ihnen Buh-Rufe und Tomaten so sicher wie
das Amen in der Kirche. Nein, wir müssen und was besseres ausdenken.
Schnell...grell...Gestell...Fell...Ha!" sagte ich und griff nach der
Karaffe. "Ich glaube, ich habs: <<Von fern erklingt das Jagdhorn hell,
wir reiten über Bach und Quell. Füchslein, jetzt geht’s Dir ans
Fell! Halali, halali, halalo!"
Ich hatte schon damit gerechnet, dass ihn das vom Hocker hauen
würde, und das tat es dann auch. Einen Augenblick war er sprachlos
vor Bewunderung, und dann sagte er, damit sei sein Lied gerettet, er
wisse gar nicht, wie er mir danken solle.

"Das ist einfach phantastisch!"
"Freut mich, dass es Ihnen gefällt."
"Wie kommen Sie nur auf so grandiose Gedanken?"
"Ach, das ist mir grade so eingefallen."
"Wollen wir jetzt mal die revidierte Fassung durchgehen, alter
Knabe?"
"Bin sehr dafür, altes Haus."

Es ist ganz erstaunlich, wie man in der Rückschau fast immer den
Punkt entdeckt, von dem an bei einer feuchtfröhlichen Feier oder
dergleichen alles schief ging. Nehmen wir zum Beispiel mal unser
Duett. Um ein bisschen Schwung in die Sache zu bringen, hatte ich mich
auf einen Stuhl gestellt und die Karaffe wie einen Dirigentenstab
geschwenkt, aber das war, wie sich dann herausstellte, ein Fehler. Die
gesangliche Leistung wurde dadurch zwar enorm gesteigert, doch konnte
bei einem zufälligen Beobachter leicht der falsche Eindruck
entstehen, hier fänden alkoholische Exzesse statt.

Nun werden Sie vielleicht einwenden, es sei doch gar kein zufälliger
Beobachter zugegen gewesen. Darauf muss ich Ihnen leider entgegnen,
dass Sie sich irren. Gerade hatten wir mit Bravour die Stelle mit
<<Wir reiten über Bach und Quell>> hinter uns gebracht und bereiteten
uns auf ein stürmisches Finale vor, als sich hinter uns eine Stimme
vernehmen ließ. Sie sagte nur: "Also so was!"

Man kann natürlich "Also so was!" auf ganz verschiedene Weise sagen.
Die Sprecherin, die es in diesem Augenblick äußerte -Lady Daphne
Winkworth- klang so entrüstet, wie die moralinsaure Frau eines
Königs von Babylon, als kurz vor Mitternacht im Thronsaal eine von
diesen babylonischen Orgien steigt.
"Also soo was!" sagte sie

Corky hatte mir ja erzählt, dass Esmond Haddock auf seine Tanten
fixiert war und ich hätte deshalb auf das, was nun kam, vorbereitet
sein müssen, aber als ich mit ansah, wie er sich aufführte, war ich
doch zutiefst schockiert. So benahm sich ein Feigling und ein Wurm.
Möglicherweise hatte ihn meine Darbietung auf dem Stuhl dazu
animiert, auf den Tisch zu klettern und eine Banane als Reitgerte zu
benutzen und von dort kam er jetzt herunter wie ein verschüchterter
Kohlensack.
"Schon gut, Tante Daphne."
"<<Gut>> sagst Du?"
"Wir haben nur ein bisschen geprobt. Für das Dorffest, weißt Du. Es
ist ja schon bald und da muss man jede freie Minute nutzen."
"So? Nun, wie dem auch sei, wir erwarten Dich im Salon."
"Ja, Tante Daphne."
"Gertrude möchte mit Dir Backgammon spielen."
"Ja, Tante Daphne."
"Falls Du Dich imstande fühlst, jetzt Backgammon zu spielen."
"Aber ja, Tante Daphne."
Gesenkten Hauptes schlich er aus dem Zimmer und ich wollte ihm gerade
folgen, als der alte Drachen mich mit herrischer Geste aufforderte, zu
bleiben.

-----------------------------------------------------------------------

Ende des Buchauszuges. Nun, wie versprochen, der

VERKOSTUNGSBERICHT:

Es standen fünfzehn Flaschen Port bereit, teilweise dekantiert,
sowie etwa anderthalb Kilo Stilton Käse und Gourmet Schokoladen
verschiedenster Produzenten. Sämtliche Zutaten wurden von kompetenter
Hand ausgesucht, denn wir haben das Privileg mit Gila und Roland
absolute Käse- und Schokoladen-Connesseure, sowie mit Christopher
einen ausgewiesenen Portweinkenner in unserern Reihen zu haben.

Um schon einmal ein vorgezogenes Resümee zu ziehen: es war der wohl
leckerste Abend, den unsere kleine Herde je erlebt hat. Gegen Ende gab
es deutliche Ausfallerscheinungen bei fast allen Teilnehmern aufgrund
einer stark erhöhten Blutalkohol-Konzentration. Auch wenn wir nicht
mit Bananen als Reitgerte auf den Tischen tanzten, verdient diese
Veranstaltung das Prädikat "Unvergesslich".

Auf Grund meiner mangelnden Erfahrung mit Portwein, begnüge ich mich
mit Bewertungen von "ordentlich" über "gut" bis "toll" sowie dem
Sonderpreis "sehr schön".

1. Calem dry White Port
Süßlich, leichte Sherry-Note, etwas Reifenoten in der Nase, sehr
lecker. Ein toller Einstieg.
Gut.

2. Quinta do Portal Fine Tawny
Nase wirkt etwas scharf, leichter Gaumen, etwas Reife aber auch hier:
lecker (das gilt für fast alle teilnehmenden Ports)
Gut.

3. Osborne LBV (Late bottled Vintage) 2004
Tief und volles Aroma.
Gut, fast sehr gut.

4. Dows LBV 2000
Fruchtig, etwas alkoholisch.
Recht ordentlich.

5. Nieport LBV 2005
Sehr tief im Duft, voll im Geschmack. Wäre die Struktur noch besser,
hätten wir hier eine absolute Rakete im Glas gehabt.
Toll.

6. Taylor Vintage Port 1983
Sehr schön gereift, wunderbare Aromen, weniger Frucht und Süße.
Sehr schön!

7. QD Vesuvio Vintage Port 1992
Blumige Aromen, Blütenduft, tief, fein, schöner Gaumen.
Toll.

8. Nieport Vintage Port 1992
Nagellack und Alkohol in der Nase, herb am Gaumen aber gar nicht
schlecht. Wohl fehlerhafte Flasche.
Schade.

9. Taylor QD Vargellas Vintage Port 1995
Fehlerhafte Flasche

10. Taylor QD Vargellas Vintage Port 1998
Rundherum sehr angenehm aber nicht besonders ausdrucksstark.
Gut.

11. Warre Vintage Port 2007
Du meine Güte, dieser Port ist viel zu jung! Duftet wie ein junger
Dornfelder aus neuem Holz. Gute Anlagen.
Gut.

12. Messias 1991 Colheita
Ausgewogen, sanft, tief, etwas Mandel, kalter Kamin.
Toll.

13. Sandemann 20y old Tawny
Sehr schöner, gereifter Port mit weniger Frucht, Noten von
Weihnachtsgewürzen und Traubensaft, dazu getrocknete Wallnuss.
Sehr schön.

14. Graham 20y old Tawny
Noch weniger Frucht, herb am Gaumen, wenig Süße, eher etwas zu
sanft, wohl schon über den Höhepunkt.
Muss nicht sein.

15. Taylor 20y
Kork

Ich hoffe, dies war nicht unsere letzte Portweinprobe, denn das war
einfach superlecker und grandios.

Es grüßt von Hib de Bach
Tilo


Meine Visitenkarte Online:
www.wein-plus.de/karte/Tilo

Dieser Beitrag wurde mit dem webbasierten Zugang zum Forum erstellt:
www.wein-plus.de/forum/


Wein-Plus GmbH, Wetterkreuz 19, D-91058 Erlangen
Register: HRB 10563, Amtsgericht Fürth
Geschäftsführer: Utz Graafmann
Steuernummer: 21614220519
Telefon: +49 9131 7550-0


--